In die falsche Ecke geschifft

"Keep your Arsch together": Christian Kortmann über die Rhetorik von Ernst August, den Prinz von Vulgarien und ehemaligen Expo-Botschafter

Sehr verehrte Freunde“, beginnt Ernst Augusts offener Brief im „FAZ“-Feuilleton. Kein Satzzeichen bindet die Anrede an den Text, isoliert, ab sei der „verehrte Freund“ ein nur imaginärer Adressat, steht sie in der weißen Stille des Zeitungspapiers. Konsequent ist die ganzseitige Anzeige auf „London, den 28. Juni 2000“ datiert: Der vertriebene Prinz von Hannover spricht aus dem Exil. Er sieht sich als Opfer einer Intrige von „Bild“, weil man „der weltweiten Öffentlichkeit ein völlig falsches Bild der Situation“ vortäusche, nämlich dass er sich „gegen eine Wand des türkischen Pavillons erleichtert habe“. Von entrückter adeliger Warte aus durchschaut der Hauptakteur des Skandals die Zusammenhänge des bürgerlichen Lebens, und sein Rang legitimiert ihn, Nationen und Zünfte zu beurteilen: „Meine ganze Hochachtung gilt der türkischen Kultur und Ihrer Nation. Meine Verachtung hingegen der Bildzeitung und der gesamten Springerpresse.“

Über die Arbeitsweise von „Bild“ lehrt die „Pinkel-Affäre“ wenig Neues: „Wir berichten über die Ereignisse, wir machen ja keine Ereignisse“, so Anne-Kathrin Berger, Chefin von „Bild“-Hannover, in einem der legendären Ernst-August-Telefon-Tapes. Natürlich verwandelt „Bild“ Lappalien in Staatskrisen, und man versteht die Wut derjenigen, die unter Sonderbeobachtung stehen: „Oh, Mann“, wird er denken, „kurz in die falsche Ecke geschifft und schon wieder Riesenärger am Hals!“ Wirklich erstaunlich ist dabei, mit wieviel Engagement der Prinz alles noch schlimmer macht Glaubte er ernsthaft, ungestraft mitten auf das Expo-Gelände urinieren zu dürfen?

Es scheint, als suche er den Skandal, um aus der Einsamkeit des goldenen Käfigs ins Zentrum des öffentlichen Aufruhrs zu fliehen. Langweilig ist der aristokratische Alltag, ein medialer Kleinkrieg bringt Action und Fun. Das folgenlose Einmal-so-richtig-die-Sau-raus-lassen, das jeder Notmalbürger zelebrieren kann, wenn er nur in die Anonymität der Großstadt abtaucht oder zur Not nach Ibiza fliegt, ist für einen Prinzen nicht zu haben. Da ist es beim obszönen Anruf auch egal, wenn die eigene Nummer auf dem Display der Belästigten erscheint. Ernst August demütigt sein Telefonopfer auf kreative Weise: „Keep your Arsch together. Sie werden seitlich gefickt.“ Wow! Selbst ein Fluch-Altmeister wie John McEnroe würde vor dieser flotten bilingualen Kombination den Hut ziehen. Der Prinz von Vulgarien steigert sich rauschhaft in seine Tiraden hinein, wird rüde und brutal: „Sie würden im Puff mehr Geld verdienen, aber wahrscheinlich stinkt Ihre Fotze sosehr…“

Immer wieder spekuliert man über den Geisteszustand des Prinzen, aber es wäre zu einfach, die wiederholten Ausfälle mit krankhafter Koprolalie zu entschuldigen. Die Telefonmitschnitte und die „FAZ“-Anzeige sind Teile eines Textes, hinter dem sich die kulturelle Cholerik eines gesellschaftlich observierten wie marginalisierten Menschen verbirgt. Diese Wut eint ihn mit der Subkultur, deren Liebe gerade entflammt: Ernst August ist Ehrenmitglied in einem Rockerclub, die Hannoveraner Punker wollen ihn gar zum „Schirmherr“ ihrer Chaostage machen und schon gibt es ein Onlinespiel namens „Pipi-Prügel-Prinz“.

Das Internet ist auch der passende Ort für Demütigungen welfischer Gewichtsklasse. Denn da schreiben Männer freizügig auf, was sie mit Frauen machen möchten, z. B. ins Gästebuch von Pornostar Sarah Young: „Ich stell mir schon vor, wie ich dir in den Arsch fick, dann dir meinen Riesenschwanz in deine feuchte Fotze schiebe und dir dann voll ins Gesicht wichse.“ Und im Kontaktanzeigenmarkt sucht einer „Frauen, die es härter und öfter brauchen, besonders verbale Erniedrigung (evd. am Telefon)“. Das ist 1. Prinzenliga. Ernst August selbst verweist im Brief auf die anonyme Onlinewelt, unter der Signatur steht dort eine eMail-Adresse: „wps@businessnet.de“. Was heißt „wps“? Etwa „Welfen-Prinzentum sucks“? Sollen wir E. A. schreiben, er möge uns per eMail beschimpfen?

Eng verwoben mit der verbalen Vernichtung der „Bild“-Chefin bringt E. A. am Telefon seine Medienkritik vor und beleidigt seine Beleidiger: „Dreckspresse, Schweinejournalisten, Parasiten der Gesellschaft.“ Im Wutanfall konstituiert sich seine Weltsicht – „Bild“, das sind die Anderen: „Meine Frau ist sehr elegant wie ich, und nur Sie sind unelegant.“ Leider besitzt unser Prinz kein Forum, um seine intellektuelle Eleganz vorzuführen, und das schmerzt. Tief in ihm ist eine Gräfin Dönhoff verborgen, die staatstragende Leitartikel schreiben will. Aber weil ja niemand Leitartikel von Ernst August drucken würde, er statt dessen als Studienobjekt in Magazinen landet, greift der Prinz in die Welfenkasse und kauft sich ganze Seiten im „FAZ“-Feuilleton, sein letztes Refugium von Geist und Wahrheit. Es muss ihm ein irres Vergnügen bereiten, morgens die frisch gebügelte Zeitung aufzuschlagen, und dann steht da dieser eines wahren Homme de lettres würdige Einstieg: „Ich bin erschüttert, aber nicht erstaunt…“ So ist der offene Brief letztlich an ihn selbst adressiert und lässt sich als Variante von Hofmannsthals „Chandos-Brief“ lesen: ein Protokoll einer Krise des Ichs, das mit einer autistischen Anrede beginnt und dem verzweifelten Wunsch nach Kommunikation endet

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