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„Music Behind The Magic“: Interview mit Disney-Komponist Alan Menken

Herr Menken, herzlichen Glückwunsch. Sie haben die Chance bekommen, einen ihrer schönsten Soundtracks („Die Schöne und das Biest“) noch einmal neu aufzunehmen und strahlen zu lassen. Wie war es für Sie, das Originalmaterial für das 21. Jahrhundert aufzufrischen? 

Diese Frage bekomme ich wirklich häufig gestellt. Meine einzige Antwort ist, dass es immer eine Herausforderung ist, auf das zurückzukommen, was man in der Vergangenheit schon einmal abgeschlossen hat. Es war ja sogar gleich mehrfach abgeschlossen, als Zeichentrickfilm und als Musical. Ich wurde in dieser Situation gewissermaßen auch etwas abhängig bei der Zusammenarbeit, vor allem mit dem Regisseur. Als Bill Condon (der Regisseur von „Die Schöne und das Biest“, Anm. d. Red.) dann fest an Bord war und eine Vorstellung hatte, wie er die Geschichte erzählen will und wie er mit Zeit und Ort vernünftig umgehen will, kam für mich alles auf eine sehr positive Weise zusammen. Das ist alles weniger ein Fall von „21. Jahrhundert“ als vielmehr ein Problem, dass durch den Live-Action-Charakter des Films entstanden ist. Jedes Medium hat nun einmal unterschiedliche Anforderungen. Mit einem Realfilm tun sich auf jeden Fall wesentlich mehr Möglichkeiten auf; man muss nicht alles so sehr in Richtung Komödie denken, wie das beim Zeichentrick  oder im Musical der Fall ist. Stattdessen geht es mehr darum, was wo und wann im Film stattfindet.

Disney ist derzeit dabei, viele seiner alten Zeichentrickklassiker noch einmal als bunte, spannungsgeladene Realverfilmungen ins Kino zu bringen. Worin besteht der Unterschied, den Soundtrack für eine ähnliche Story in zwei unterschiedlichen Formen zu komponieren? 

Kooperation

Das beginnt schon bei der Aufnahme. Im Animationsbereich muss man bei der Musik vor allem auf das achten, was gerade im Bild passiert. Dazu kommen sehr spezifische themengebundene Kompositionen. In einem Live-Action-Film gibt es dafür wesentlich mehr Auswahlmöglichkeiten bei den Klangtexturen. Manchmal greift man auf Wortmelodien zurück. Oft ist die Musik auch eher etwas versteckt und es gibt nicht den Druck, mit ihr etwas erklären zu müssen. Einfach gesagt, ist der Score im Realfilm einfach nicht so wichtig für die Handlung wie im Zeichentrickfilm.

Weltpremiere von „Die Schöne und das Biest“ in Los Angeles
Weltpremiere von „Die Schöne und das Biest“ in Los Angeles

Hatten Sie eine bestimmten Ansatz oder eine spezielle Methode, wie sie die Songs für „Die Schöne und das Biest“ modernisiert haben?

Die erste Frage war tatsächlich, sich mehr auf Zeit und Ort zu konzentrieren, also mehr 18. Jahrhundert und mehr Frankreich. Wir wollten auch mehr darüber erzählen, wie Belle und Maurice in dieses Dorf kamen und vor allem im Fall von Maurice ging es auch um die Spieluhr, die einen eigenen Song prägte. Auch die Hintergrundgeschichte des Biests und wie er zu einem Menschen wird, ist von großer Bedeutung für uns gewesen. Das Lied „Days In The Sun“ (Tage im Licht in der deutschen Version) drückt dies hervorragend aus. Grundsätzlich wollten wir vor allem einige Dinge klarer gestalten, die zuvor in der Zeichentrickversion nur am Rande passierten oder gar nicht ausgedrückt wurden – auch wenn die wichtigsten Grundlagen schon dort gelegt waren.

Sie haben bei einigen der berühmtesten Disney-Filme als Komponist mitgewirkt. Haben Sie eigentlich einen persönlichen Favoriten? 

Nein (lacht). Ich will das genauer ausführen: Ich werde das so häufig gefragt, aber es ist mir unmöglich, darauf zu antworten. Wenn mich die Menschen nach meinem Lieblingslied in einem Film fragen, dann sage ich stets: Ein Film ist für mich wie ein Mosaik. Wie ich meinen Lieblingshaufen aus einem Mosaik heraustrenne, so entsteht ein größeres Bild. Ich habe meine Karriere stets ebenfalls als ein Mosaik betrachtet. Ich wollte mich nie wiederholen und unterschiedliche Herausforderungen annehmen. Und deshalb könnte ich mich auch nie festlegen, was meine beste Arbeit ist. Ich bin allerdings wirklich sehr interessiert, wie andere Menschen das beurteilen, was also ihr persönlicher Favorit ist.

Disney Records hat im Jahr 2015 angefangen, einige der besten Soundtracks der Disney-Geschichte noch einmal in wundervollen, prächtig ausgestatteten Special Editions auf den Markt zu bringen. Ich finde diese Sammlerreihe fantastisch – vor allem auch jene zu „Arielle, die Meerjungfrau“. Waren Sie eigentlich an der Neuproduktion beteiligt?

Ja! das war sozusagen mein persönliches Lieblingsprojekt. Es wurde „Music behind the Magic“ getauft – mit tollen Box-Sets. Mir ging es um all die verschollenen Songs, die es nicht in den Film geschafft haben, vor allem bei „Aladdin“. Auch die Original-Demos haben mich noch einmal sehr beschäftigt. Die wollte ich endlich veröffentlicht haben, denn das war mir sehr wichtig. „Music behind the Magic“ enthält wirklich all die unbekannten Sachen aus „Arielle“, „Die Schöne und das Biest“ und „Aladdin“. (Anm. d. Red.: Bisher ist nur „Arielle“ in einer solchen Special Edition erschienen!)

Dazu gleich eine Anschlussfrage: Würden Sie es begrüßen, noch einmal all ihre Disney-Scores neu aufzunehmen? 

Nun, ich bekomme ja gerade die Chance dazu. Es sieht so aus, als würde Disney wirklich sehr viel Energie in diese Live-Action-Geschichten investieren. Und ja: Ich wäre sehr glücklich damit. Dann könnte ich viele neue Sachen für die Filme komponieren – und vielleicht ergeben sich so auch ein paar ganz neue Projekte. Aber die Erfahrung mit „Die Schöne und das Biest“ war auch so schon sehr befriedigend. Ich würde es auf jeden Fall gleich wieder machen.

Der klassische Disney-Musical-Film war ja eigentlich schon ausgestorben. Dafür hat nicht zuletzt auch Pixar gesorgt. Nun wurde er mit „Die Eiskönigin“ noch einmal wiederbelebt. Ein gigantischer Erfolg. Glauben Sie, dass Disney nun wieder an die alte Tradition anknüpft und weitere solcher Musical-Filme in Auftrag gibt?

Ich glaube, dass diese Art der Filme nie aus der Mode gekommen sind, also ist ein Comeback gar nicht notwendig. Aber wer weiß. Es braucht ja nur einen Film geben, der es an der Kasse nicht so bringt und schon ist dieses „Comeback“ wieder vorbei. „Comeback“ ist sowieso ein so überstrapazierter Begriff, und wenn es um die Disney-Musical-Filme geht ist das noch offensichtlicher. Ich denke, wir befinden uns schon seit langer Zeit in einem goldenen Zeitalter, was das betrifft.

Sind Sie zur Zeit in andere (Disney-)Projekte involviert? 

Das einzige, über das ich sprechen kann, sind jene Sachen, die schon angekündigt wurden. Zur Zeit stecke ich mitten drin in der Arbeit für „Aladdin“. „Arielle, die Meerjungrau“ ist dann das nächste große Ding. Ich schreibe gerade an neuen Songs gemeinsam mit Lin-Manuel Miranda. Außerdem wird es ein Sequel zu „Enchanted“ („Verwünscht“) geben. Der Arbeitstitel ist zur Zeit „Disenchanted“. Außerdem eine Neuverfilmung von „Der kleine Horrorladen“. Und ein Projekt, an dem ich schon sehr lange herumwerkele – ich nenne es das „Nanny-Movie-Musical“ – mit Josh Gad. Und das sind nur all die Projekte, die bereits gegenüber der Presse bestätigt wurden. Bei denen bin ich sicher, dass ich auch über sie sprechen darf. Es gibt aber noch einige andere, die geplant sind, an die ich mich aber im Moment gar nicht erinnere.

Kennen Sie eigentlich die deutschen Fassungen Ihrer Soundtracks? Hierzulande gibt es sehr viele Fans, die vor allem die Übersetzung gelungen finden, zum Beispiel von „Aladdin“ und „Arielle“. Letzterer wurde vor einiger Zeit neu übersetzt – was viele Zuschauer, vor allem ältere, für eine Katastrophe gehalten haben. Sie boykottierten sogar die DVD-Veröffentlichung, weswegen die ursprüngliche Version bei einem späteren Release ganz bewusst hinzugefügt wurde. 

Ja, die kenne ich! Ich habe den „Glöckner von Notre Dame“ auf Deutsch gesehen, ebenso „Die Schöne und das Biest, „Aladdin“ und „Arielle“. Es ist jedesmal ein großes Vergnügen, meine Arbeiten in deutscher Sprache zu hören.

Vielen Dank für Ihre Zeit, Herr Menken. 

 

Getty Images
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