Interview mit Provinz: Rausch – und wieder runterkommen


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Normalerweise würden sie jetzt wohl eine Zigarette rauchen. Doch Vincent Waizenegger und Leon Sennewald, Sänger und Drummer der Band Provinz, haben gestern ihren Konzert-Booker besucht und hatten dort ein paar Drinks. „Dann tue ich mich am nächsten Tag immer etwas schwer mit dem Rauchen”, sagt Vincent. Und so stehen sie dann, mit einer Brötchentüte und einem frischen Kaffee in der Hand, vor ihrem Berliner Hotel. VOR dem Hotel, denn die Lobby des Charlottenburger Gasthauses ist Corona-bedingt ein ziemlich leerer und fast schon verboten wirkender Ort.

Sehnsucht nach der Großstadt

Besonders viel ist auch ein paar Straßen weiter, auf dem Kudamm, nicht los. Immer noch mehr allerdings als in der Heimat von Provinz. In ihrem „5.000-Seelen-Kaff”, wie Drummer Leon die Gemeinde Vogt in der Nähe von Ravensburg nennt, sei nämlich eigentlich überhaupt gar nichts los. „Wir sind jetzt Anfang 20 und hatten die Gegend eigentlich nie richtig verlassen. Da hat man natürlich Sehnsucht, dort irgendwie rauszukommen. Nicht nur wir hatten die – unseren Freunden aus Ravensburg geht es ganz ähnlich”, sagt Leon, nimmt einen genüsslichen Schluck aus seinem Kaffee-Becher und blickt den Kudamm entlang.

Neben Vincent und Leon sind auch Moritz Bösing (Bass) und Robin Schmid (Tasten) Teil von Provinz. Auch sie sind Anfang 20, Leon und Vincent haben vor gar nicht allzu langer Zeit erst ihr Abitur bestanden. „Das war die Zeit, in der es so richtig heiß wurde mit der Band”, sagt Vincent. Kurz zusammengefasst bedeutet „heiß” hier in etwa: Songs auf YouTube hochgeladen, von einem Manager entdeckt und kurze Zeit später einen Vertrag beim Major-Label Warner unterschrieben. „Bei der Unterschrift saßen wir dann im Büro des Labels. Da hingen Bilder von Ed Sheeran und weiß Gott wem noch”, erzählt Vincent. Beeindruckend sei das gewesen und auch ein wenig einschüchternd. „Und dann beschreiben echte Profis deine Musik, schmeißen mit wilden Wörtern und Zahlen um sich. So richtig begriffen haben wir das in dem Moment eigentlich alles gar nicht.”


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Als „deutschsprachige Folk-Pop-Musik“ beschreibt die Band ihre Songs, die sie von Ravensburg zum Plattenvertrag geführt haben. Obwohl der Bandname beim Hörer gewisse Erwartungen wecken könnte, so geht es doch in den Texten von Provinz gar nicht so sehr um das Leben in der Klein- und das Streben nach der Großstadt. „Wenn, dann kommt das manchmal unterbewusst bei uns durch”, sagt Leon. Vielmehr geht es in Songs wie „Was uns high macht” um ein universelles Gefühl des Rausches und Wieder-Runterkommens. „Einen Kater zu haben kennt jeder, das verbindet uns doch alle irgendwie.” Und so beschreibt die Band Auf- und Abstieg manchmal in nur einem Satz: „Du sagst, es geht uns viel zu gut in diesen kranken Zeiten, schaust traurig in dein leeres Glas hinein”.

Proben im Beatles-Museum

Wir machen einen Spaziergang, vor der Berliner Bühne „Bar jeder Vernunft” bleiben Vincent und Leon stehen. „Die Holzfront sieht stark aus. Wie im Wilden Westen”, sagt Vincent. Natürlich ist alles verrammelt und versperrt, Corona-Gesetze gelten auch in Berlin. Vielleicht könnten Provinz dort ja schon bald einmal spielen, so reibungslos wie ihre Karriere nach vorne geht? Vincent sagt dazu: „Naja, es gab schon auch Hindernisse. Die erste Show nach dem Plattenvertrag zum Beispiel. Die war einfach überhaupt nicht gut. Die Booking-Agentur meinte dann, wir müssten wirklich besser werden”. “’Rumpelig‘, haben sie konkret gesagt”, ergänzt Leon. Danach wurde geprobt. Vier bis fünf Stunden, jeden Tag. “Das hat funktioniert und inzwischen können wir die Konzerte auch so richtig genießen”.

Die Leidenschaft für Musik bekamen die Mitglieder von Provinz schon früh eingeimpft: Ihre Väter spielen bereits seit vielen Jahren gemeinsam in einer Coverband. „Jam heißt die. Eine Coverband, ein Gitarrentrio. Herzblut und Entertainment ohne Ende”, erzählt Leon. “Die spekulieren immer darauf, dass wir sie mal als Support mitnehmen”, sagt Vincent. Bis heute spielt die Band im Proberaum ihrer Väter: „Eine Art Beatles-Museum. Voll mit Merch, Plakaten und Gitarren.”

So ging die Reise also: Von der Kleinstadt, in der die Väter 60er-Jahre-Songs covern, von der Küche, wo die Großmutter Artikel ausschneidet und an den Kühlschrank heftet, und wo die Freunde von Montag bis Freitag den ganzen Tag im Ausbildungsbetrieb hängen – zum halb verwaisten Hotel Nahe des Kudamms. Leon sagt: „Man fühlt sich manchmal fast ein bisschen schlecht dabei. Aber eigentlich ist es schon sehr geil.”