„The Pitt“-Star Isa Briones ist bereit, ihr Stethoskop eine Weile wegzulegen

Isa Briones spricht über das Santos-Langdon-Drama, unangenehme Fans und den (vorübergehenden) Abschied von der Notaufnahme für den Broadway.

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Manchmal muss die Ärztin sich selbst heilen. Isa Briones, die in HBOs erfolgreichem Mediziendrama „The Pitt“ Dr. Trinity Santos spielt, meldet sich aus einer Wohnung in Midtown Manhattan – und fühlt sich nicht besonders gut. Gerade steht sie im Broadway-Musical „Just in Time“ auf der Bühne, und der Zeitplan ist ungefähr so zermürbend wie eine Schicht in der Notaufnahme.

„Im Moment merke ich das wirklich“, sagt sie. „Ich bin heute Morgen aufgewacht und dachte: ‚Ich glaube, ich werde krank.‘ Die Panik ist also nicht so toll. Aber ich liebe es trotzdem.“

„Just in Time“ ist ein Jukebox-Musical über das Leben des Singer-Songwriters Bobby Darin. Briones spielt Connie Francis, die Sängerin von „Pretty Little Baby“, die in den Fünfzigerjahren die Radiocharts dominierte und vor Darins Durchbruch kurz mit ihm zusammen war. (Die Rolle des Darin wurde von Jonathan Groff kreiert; Jeremy Jordan übernimmt sie ab dem 21. April.) Bekannt ist Briones vor allem als die scharfzüngige junge Assistenzärztin Santos.

Santos‘ erster Auftritt

In Staffel eins von „The Pitt“ hinterlässt Santos sofort einen Eindruck – und keinen guten. Bereits an ihrem ersten Tag beschuldigt sie den allseits beliebten und respektierten Dr. Frank Langdon (Patrick Ball), Medikamente zu stehlen. Sie ist verschlossen, verpasst ihren Kolleginnen und Kollegen nervige Spitznamen und hat stets einen sarkastischen Kommentar parat. Und sie hat recht damit, dass Langdon ein Drogenproblem hat. Staffel zwei, die am Donnerstagabend zu Ende ging, spitzte diese Spannung weiter zu und zeigte Langdons Rückkehr in die Notaufnahme nach einem Reha-Aufenthalt. Gleichzeitig taucht die Serie tiefer in Santos‘ schwelende Vergangenheitstraumata ein.

Santos wurde offensichtlich als unsympathische Figur konzipiert – doch ein unbeabsichtigter Nebeneffekt des Erfolgs der Serie ist laut Briones, dass viele sie mit ihrer Rolle gleichsetzen. Außerdem muss sie sich daran gewöhnen, dass ihr gelegentlich „Santos!“ hinterhergerufen wird – auf der Straße, beim Einkaufen oder sogar, einmal, mitten während ihrer Vorstellung in „Just in Time“.

„Als ‚The Pitt‘ richtig groß wurde, dachte ich: ‚Oh Gott, ich bin jetzt wohl die Person mit Hut und Sonnenbrille’“, sagt Briones und hält die Hände hoch, um riesige, das Gesicht verdeckende Gläser zu mimen. „Früher habe ich darüber gelacht. Jetzt verstehe ich es irgendwie. Es ist so nervig. Aber ich finde meinen Weg damit.“

ROLLING STONE hat vor dem „Pitt“-Finale mit Briones gesprochen – über Misogynie in Fan-Communitys, den eigentlichen Grund, warum Santos und Langdon sich hassen, und warum alle Ärztinnen und Ärzte im Pitt dringend eine Therapie brauchen.

Santos: Keine Entschuldigungen

Was hat Sie an Santos anfangs gereizt? Und wie hat sich Ihr Verständnis der Figur über zwei Staffeln verändert oder vertieft?
Ich habe schon das Mädchen von nebenan gespielt, und für diesen Figurentyp gibt es Zeit und Ort. Aber ich finde es wirklich toll, wenn man nicht gefällig ist – besonders als Frau. Diese Figur ist nicht für jeden. Im echten Leben denke ich manchmal: „Sorry… Ich bin doch nur ich, ich mache mich lieber klein.“ Santos würde das schlicht nicht tun. Sie sagt: „Ich werde Raum einnehmen.“ Das ist eine wirklich erfrischende und kraftvolle Figur zum Spielen. Und es erinnert mich daran, aufzuhören, mich für meine Existenz zu entschuldigen. Mein Gott.

Es gibt eine nicht gerade kleine Gruppe eingefleischter „Pitt“-Fans, die Santos hassen. Was glauben Sie, treibt das an?
Ein Großteil des Diskurses dreht sich um Langdon gegen Santos – und das ist schlicht Misogynie. Die beiden Figuren sind eigentlich ziemlich ähnlich, nur dass eine davon eine Frau ist. Wenn Frauen durch etwas hindurchgehen, das nicht ständig explizit ausgesprochen wird, sagen viele Leute: „Ich mag sie nicht.“ Warum ist es so, dass wenn eine Frau viel mit sich trägt, die Reaktion ist: „Ooh, unheimlich“? Viele Menschen haben für das bei einer Frau einfach keine Geduld. Ich verstehe aber auch, dass Santos mit voller Wucht reinkommt. Wenn man sie zum ersten Mal trifft, hat sie all diese stacheligen Mauern um sich. Sie hat diese „spielt in der Pause nicht nett mit anderen“-Energie. Aber ich finde, in der Nuance ihrer Figur ist klar zu erkennen, dass da etwas im Gange ist.

Erzählen Sie mir ein bisschen davon, wie Santos‘ eigene Erfahrungen mit Sucht und Selbstverletzung ihre Beziehung zu Langdon färben.
Man hasst an anderen, was man an sich selbst hasst. Sie haben nur einen einzigen Tag miteinander verbracht und hassen sich schon. Aber in diesem einen Tag hat er so viele Dinge verkörpert, die sie an sich selbst nicht mag. Auch wenn sie nach außen so tut, als wäre es ihr egal, ob die Leute sie mögen – sie arbeitet wirklich hart daran, da zu sein. Und wenn jemand das komplett entwertet, kann das sehr viel auslösen. Auch wenn es ihr nicht vollständig bewusst ist: Sie spürt, dass sie miteinander verbunden sind, und genau deshalb reagieren sie so heftig aufeinander. Dass Langdon zurückkommt und kämpft, um sich zu bessern, die Schritte zur Genesung unternimmt – das ist eine Erinnerung daran, dass sie vielleicht nicht alles tut, was sie für ihre eigene Genesung tun könnte. Das löst eine Menge Schuld und Scham aus, die sie nicht fühlen will. Also schreit sie ihn einfach an. Sie braucht einfach eine Therapie. Eigentlich braucht das ganze Team eine.

Whitaker und Freundschaft

Wie funktioniert ihre Beziehung zu Whitaker so gut, obwohl die beiden so unterschiedliche Persönlichkeiten haben?
Whitaker ist einfach er selbst. Er versucht immer, allen zu helfen. Er versucht, ihr Freund zu sein und für sie da zu sein. Sie will das, aber sie weiß nicht, wie sie es annehmen soll. Sie hat Menschen verloren. In Staffel eins erzählt sie, dass sich eine ihrer besten Freundinnen das Leben genommen hat. Weil sie eine Geschichte mit Missbrauch durch eine Autoritätsperson hat, denkt sie: „Jeder, den ich an mich heranlasse, wird mich entweder verletzen oder mich verlassen.“ Die Qualität ihrer Freundschaft zeigt sich darin, dass sie zu ihm sagt: „Halt die Klappe und geh weg.“ Aber das ist ihre gemeinsame Liebessprache. Als sie also herausfindet, dass er geht, glaube ich, hat sie Angst, allein zu sein. Alles würde sich lösen, wenn sie einfach miteinander reden würden. Das ist die Moral von „The Pitt“. Alles würde sich lösen, wenn alle ein echtes Gespräch führten und zur Therapie gingen. Aber das passiert nicht. Also hat es bei ihr ausgelöst zu denken: „Aha, du verlässt mich also. Ich hatte recht. Alle werden mich verlassen. Ich ziehe meine Mauern hoch. Scheiß drauf und tschüss.“ Santos will einfach eine Freundin haben und weiß nicht, wie sie das angehen soll. Kennen Sie das, wenn man einen Welpen hat und der mit anderen Welpen sozialisiert werden muss, in so einem kleinen Gehege? Sie muss zu all den anderen Welpen gesteckt und einfach zum Spielen gezwungen werden.

Bei einem so starken Ensemble-Cast: Wie haben Ihre Beziehungen am Set das Endprodukt bereichert?
Alle in dieser Serie sind einfach so verdammt talentiert und haben ihre Figuren auf eine so spezifische Art ausgearbeitet. Es war wirklich toll, die Unterschiede zu beobachten, wie jeder vorgeht. Jeder hat seine eigene Routine und seinen eigenen Stil, und das war eine unglaublich bereichernde Lernerfahrung. Patrick und ich sind echte Freunde geworden, was sehr komisch ist, weil unsere Figuren natürlich überhaupt nicht so sind. Aber ich glaube, genau das macht unsere Szenen so besonders. Da ist echtes Vertrauen. Und Supriya [Ganesh] und Shabana [Azeez, die Dr. Mohan und Dr. Javadi spielen] sind meine Mädels am Set. Es macht mich wirklich traurig, dass sie uns diese Staffel in keine gemeinsamen Szenen gesteckt haben. Ich glaube, sie wussten es – sie wussten, dass wir zu mächtig wären, wenn wir alle zusammen wären. Die wollen Frauen auseinanderhalten! Sie wussten, dass wir unzertrennlich wären.

Wie navigieren Sie durch eine Serie mit einer so aktiven Online-Fangemeinde – vor allem wenn das dazu führt, dass viele Sie mit Ihrer Figur gleichsetzen?
Das ist so klassisch. Das passiert immer. Viele Menschen haben Schwierigkeiten, die Schauspielerin von der Figur zu trennen. Bei mir hat das definitiv ein extremes Ausmaß angenommen. Das habe ich noch nie erlebt, weil ich noch nie in einer Serie von dieser Größe war. Und es kann belastend sein. Wir drehen die Serie den größten Teil des Jahres und tauchen komplett darin ein. Dann in die Welt hinauszugehen und Leute sagen zu hören: „Ich hasse dich. Du bist eine Zicke“ – das ist verrückt. Für jemanden, der ohnehin schon mit psychischen Problemen kämpft, mit Dissoziation und dem Gefühl „Ich weiß nicht mehr, was real ist“ – das ist schwer und ein bisschen seltsam. Man fragt sich: „Bin ich keine echte Person?“ Aber ich verstehe auch, dass das die eine Art ist, wie Menschen mit mir und dem, was sie auf dem Bildschirm sehen, in Verbindung treten. Sie haben sich mit dieser Figur irgendwie verbunden. Und das ist etwas sehr Besonderes.

Social Media und Misogynie

Haben Sie deshalb bestimmte persönliche Gewohnheiten oder Ihren Social-Media-Konsum angepasst?
Es ist oft eine sehr entrückte Erfahrung. Ich versuche gerade, meine Social-Media-Gewohnheiten zu ändern. Als ich bei „Star Trek: Picard“ mitgespielt habe, wurden online so viele schreckliche Dinge über mich gesagt. Science-Fiction-Fandoms können manchmal ein sehr beängstigender Ort sein, und viele ältere Männer haben eine Menge eklige Dinge zu sagen, wenn man ein 20-jähriges Mädchen ist. Also musste ich mich davon fernhalten. Und dann war ich bei „The Pitt“ so neugierig. Anfangs war ich sogar stolz auf mich, weil es mir nichts anhatte. Ich dachte: „Die Leute hassen meine Figur, und das ist eigentlich zum Lachen, weil es bedeutet, dass ich sie richtig spiele.“ Aber dann, an einem bestimmten Punkt, begann sich das zu verschieben. Jetzt ist die Misogynie kaum noch zu übersehen. Und das macht mich traurig. Also denke ich, dass ich vielleicht eine Pause brauche.

Mehrere Familienmitglieder von „Pitt“-Darstellern hatten Cameo-Auftritte. Gibt es Pläne, dass auch eines Ihrer Familienmitglieder in Staffel drei zu sehen sein wird?
Das würde ich sehr gerne. Ich würde meinem Vater [der ebenfalls Schauspieler ist] gerne Arbeit verschaffen. Das wäre großartig. Ich versuche, meine Familie so oft wie möglich zu beschäftigen. Aber wir haben schon darüber gewitzelt, dass meine Familie in der Serie dann meine Familie spielen müsste, weil wir uns so ähnlich sehen. Wenn mein Bruder in der Serie wäre und nicht meinen Bruder spielen würde, würden die Leute fragen: „Was ist hier los?“ Wir sehen aus wie Zwillinge, auch wenn wir nicht gleich alt sind. Aber vielleicht nächste Staffel. Ich werde dafür kämpfen.

Welchen Spitznamen würde Santos Ihnen geben?
Trauriges Miststück? Nein… [lacht]. Das ist schwer. Mir ist sofort etwas so Gemeines eingefallen. Deshalb muss ich wohl weg von Social Media.

Broadway statt Notaufnahme

Die meisten Menschen machen keine Pause, indem sie in einen stressigen Broadway-Spielplan einsteigen. Warum haben Sie bei „Just in Time“ Ja gesagt?
Es macht so viel Spaß. Ich habe wirklich die Zeit meines Lebens. Theater macht mich so glücklich, und ich liebe es, eine Auszeit vom Fernsehen und von „The Pitt“ zu nehmen, um etwas zu machen, das sich so anders und so freudig anfühlt. Ich liebe Theaterleute. Es ist einfach mein liebster Ort. Ich bin mein ganzes Leben lang mit Theaterleuten aufgewachsen, und das ist die beste, beste Community der Welt.

Wie geht man davon über, aus einer fiktiven Figur eine eigene zu machen, hin dazu, eine so berühmte Musikerpersönlichkeit – und Stimme – wie Connie Francis zu verkörpern?
Ich kann die Show für Leute, die sie noch nicht gesehen haben, wohl nicht spoilern, auch wenn sie auf dem echten Leben basiert. Connie kommt nur in einem kurzen Teil der Show vor, aber man sieht Jahre des Wachstums. Von ihr als junges Mädchen, das versucht, Musik zu machen, bis hin zum Superstar der Zeit – all das passiert innerhalb von 20 Minuten. Was mich am meisten gepackt hat, war die Plötzlichkeit dieser Reise. In der Öffentlichkeit ist sie auf dem Gipfel der Welt, aber privat macht sie etwas so Trauriges durch. Sie kann nicht mit Bobby zusammen sein, und sie hat einen Vater, der halb missbräuchlich ist und sagt: „Du wirst dir den Arsch aufreißen.“

Wir sehen Connie, wie sie durch den Schmerz hindurch performt, wenn sie „Who’s Sorry Now“ singt. Ihr Vater hat kurz vor ihrem Auftritt im Umkleideraum eine Waffe abgefeuert. Das ist ein wirklich traumatischer Moment, und dann muss sie ein Lächeln aufsetzen und performen. Das ist etwas, womit ich mich gerade in dieser seltsamen Zeit verbinden kann. Ich habe einen unglaublichen Erfolg, von dem ich nie zu träumen gewagt hätte. Und gleichzeitig mache ich meine eigene Sache durch. Aber ich werde durch den Schmerz hindurch performen.

Haben Sie das Staffelfinale von „The Pitt“ Staffel zwei gesehen?
Nein, sie zeigen uns nichts. Am Donnerstag [wenn es ausgestrahlt wird] werde ich auf der Bühne stehen. Wenn ich donnerstags nach der Show am Bühnenausgang bin, werden die Zuschauer sagen: „Wir gehen jetzt gleich „The Pitt“ schauen. Doppelprogramm!“ Ich weiß nicht, wann ich es sehen werde. Es ist schön, im Acht-Shows-pro-Woche-Rhythmus zu sein, weil ich keine Zeit habe, darüber nachzudenken, wie die Serie aufgenommen wird. Ich mache gerade mein eigenes Ding. An „The Pitt“ werde ich denken, wenn ich in einem Monat zurück muss.

Karaoke und Staffel drei

Am Ende gibt es eine kleine, witzige Szene, in der Santos und Mel [King, eine andere Ärztin] ihren Plan in die Tat umsetzen, ihre Schicht mit einer Runde Karaoke ausklingen zu lassen. Was würde sonst noch auf ihrer Setlist stehen?
Ich bin Filipina. Santos ist Filipina. Da müssen definitiv ein paar klassische philippinische Karaoke-Songs dabei sein. Vielleicht singt sie „My Way“ [von Frank Sinatra]. Ich persönlich mache oft Whitney Houston. Das ist mein Publikumsliebling. Und wenn meine Mädels dabei sind, liebe ich „Wannabe“ [von den Spice Girls] oder [Fergies] „Fergalicious“. Dann noch eine Menge Gaga. „Marry the Night“, „Judas“ – ich habe ein ganzes Set.

Können Sie schon etwas über Staffel drei verraten?
Ich wünschte, ich könnte Ihnen etwas sagen. Die sagen uns einen Scheiß. Wir wissen es erst, wenn wir am Set sind. Das macht mich wahnsinnig. Aber ich würde gerne etwas Wachstum sehen. Ich würde gerne sehen, dass Santos sich ein bisschen mehr auf Freundschaften einlässt. Ich will interessante Entwicklungen zwischen ihr und Langdon sehen. Vielleicht liegen sie sich nicht mehr ständig in den Haaren. Es gibt diesen Moment in Folge 14, wo er hinter meinem Rücken über meinen Witz lacht. Offensichtlich sollten die beiden Freunde sein. Die sollten zusammen weggehen.

CT Jones schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil