Mein Leben mit Janosch: Traumstunden in Panama
Mit radikaler Unaufgeregtheit und weltweisem Humor hat sich Janosch in den Kinderbücher-Regalen eingenistet. Abseits der Tigerente gibt es bei ihm viel zu entdecken.
Ich hatte Janosch einfach vergessen. Natürlich bemerkte ich hin und wieder seine gepinselte „Wondrack“-Kolumne in der ZEIT. Doch das war für mich irgendwie ein anderer Janosch als jener Wort-Bild-Jongleur aus meinen Kindertagen, der Panama als Sehnsuchtsraum entdeckte und gleichzeitig die Vorzüge gütiger Freundschaften und die Notwendigkeit kleiner Gehässigkeiten im Alltag beschrieb.
Ich fand zu Janosch in der Pandemiezeit zurück. Wie jeder Vater kämpfte ich damit, dass kleine Kinder nun einmal abends oft kein Interesse daran haben, das Entdecken des Lebens für so etwas so Geringwertiges wie Schlaf aufzugeben. Im Bett herrschte damals noch eine Art Pixie-Buch-Diktatur.
Während am helllichten Tag in der Corona-Isolation jeder auch in meinem Heim um sein Recht kämpfte, das zu tun, was getan werden musste, suchte ich nach einem Kinderprogramm fürs Fernsehen, das der animierten Ödnis von „Paw Patrol“ und Konsorten etwas weniger stumpfen Frohsinn entgegenhalten konnte.
Die Entdeckung der Langsamkeit
So entdeckte ich „Janoschs Traumstunde“ ausgerechnet in einer Zeit wieder, in der alles zum Stillstand gekommen war. Die kaum mehr als 20 Episoden tragende Zeichentrickserie, die vor 40 Jahren im Fernsehen anlief, sah ich schon, bevor das erste Mal die Schulglocke für mich läutete. Sie hinterließ bei mir einen bleibenden Eindruck, weil sie so langsam und überhaupt anders war als all die anderen Cartoons und wohlmeinenden Kindersendungen. Damals liefen sie noch zu bestimmten Uhrzeiten über die Mattscheibe, ohne Möglichkeit, sie selbst bei Autofahrten oder beim Zähneputzen aufs Tablet zu zaubern.
Natürlich wirken die Zeichnungen heute ungeschliffen. Man merkt ihnen ihre Entstehungszeit und die offenbar limitierten finanziellen und gestalterischen Mittel an. Aber sie haben doch etwas überraschend Zeitloses. Das liegt daran, dass die erzählten Geschichten, die allesamt aus dem Fundus des frühen bis mittleren Werks von Janosch stammen, sorgsam den Ton und den Rhythmus der Bilderzählungen des Autors und Zeichners in die Form einer Serie übertragen.
Das hat etwas Gemütliches, fast Schläfriges. Der Titel der Reihe leitete sich von der Story „Traumstunde für Siebenschläfer“ ab, in dem ein, ja, Siebenschläfer ratzend so einige Abenteuer erlebt. Eine weitere Geschichte heißt „Die Schneckenbahn hat zwölf Stationen“ und ist einem gewissen Hannes Strohkopp gewidmet, der nicht wie all seine Schulkameraden in den Urlaub ans Meer fahren kann und sich stattdessen hinein fantasiert in eine Zugfahrt mit einer, ja genau, Schneckenbahn im Wald.
In der Covid-Tristesse wurde „Janoschs Traumstunde“ zu einem eigenen Ritual für meinen Sohn und mich – Beruhigung und Mittagsschlaf waren gesichert. Aus Neugier besorgte ich umgehend eine Sammlung der Abenteuer mit dem kleinen Bären und dem kleinen Tiger, mit denen Janosch berühmt geworden war. Stoff für die schwierigen Minuten am Abend, die sich manchmal gar in Stunden verwandelten.
Vom größten Glück auf Erden
Ich hatte einst mit „Komm‘, wir finden einen Schatz“ begonnen. Es gibt nur eine Handvoll weitere Geschichten, die der in Oberschlesien als Horst Eckert geborene Autor mit Bär und Tiger ersonnen hat. Dann wurde es ihm zu viel mit den beiden Lümmeln. In der Erzählung, die 1979 erstmals herauskam (die erste veröffentlichte Geschichte von Janosch, „Die Geschichte von Valek dem Pferd“, erschien bereits 1960), begeben sich der kleine Tiger und der kleine Bär auf die Suche nach dem größten Glück auf Erden, das sie weit von zuhause wegträgt und sogar Gold finden lässt. Aber letztlich bleibt ihnen von diesem Glück nicht viel – bis auf die Fähigkeit, einander huckepack zu nehmen und daheim Blumenkohl mit Kartoffeln und Salz zu speisen. Und das ist sehr viel, wie jeder weiß, der jemals mit Janosch zur Ruhe gekommen ist.
Ich erinnere mich, dass mich damals zutiefst beeindruckte, wie Tiger und Bär ihren kurzfristigen Reichtum verloren. Sie begegnen einem Beamten des Königs, der ihnen einen Teil davon abzwackt und ihnen dafür garantiert, dass der König nun über sie wachen werde. Dann läuft dieser im Kreis und kommt erneut auf die beiden zurück, um ihnen noch mehr davon zu nehmen. Und nochmal und nochmal, bis kaum noch etwas bleibt. Man kann Kindern gar nicht früh genug den Steueralbtraum näher bringen.
Janosch schimpfte schon vor Jahrzehnten, wie wenig Geld ihm von seinen millionenfach verkauften Büchern blieb. Er zog sich nach Teneriffa zurück und lebt schon länger in selbst gewählter Bescheidenheit. Wenn sich das Raubein einmal meldet, verstört er manchmal mit seinen Ansichten oder einem sehr osteuropäischen Verständnis für Gebrauchskunst.
Auch das sind nur Zeichen dafür, dass Janosch recht eigentlich einer der wenigen Rockstars der Kinderbuchwelt ist. Der Ruhm kam früh, Generationen geben seine Schätze seit Jahrzehnten weiter, das illustratorische Spätwerk verblüfft durch philosophische Tiefe. Und aus dem Micky-Maus-Club im TV machten sie irgendwann den Tigerentenclub. Disneys ewiges Maskottchen verdrängt, mehr geht gar nicht. Aber Janosch verfluchte die von ihm erschaffene Ikone, wie einst Robert Crumb seinen Katzenfritz, als alle anfingen, irgendetwas in ihn hinein zu lesen.
Sehnsucht nach dem plüschigen, weichen Sofa
Man muss bei Janosch gar nichts interpretieren, und vielleicht macht es das für Kinder so leicht, einzusteigen und für Erwachsene so angenehm, sich noch einmal in diese schummrige Stimmung hineinzuversetzen. Die ist bei fast all seinen Geschichten – von „Hannes Strohkopp und der unsichtbare Indianer“ über „Lari Fari Mogelzahn“ bis „Der Josa und die Zauberfidel“, um nur einige der schönsten zu nennen – ganz ähnlich.
Bevor man herausfindet, was sich dahinter verbirgt, fällt es leichter zu sagen, wie diese Geschichten nicht sind. Sie sind nicht naturalistisch, nicht niedlich, nicht mit Albernheiten gebrochen. Die Eigenwilligkeit dieser Bildererzählungen besteht darin, alles in eine melancholische Heiterkeit zu tauchen und den Figuren mit einer um die Haken des Lebens wissenden und doch unbefleckten Milde zu begegnen.
Dabei gibt es trotz all der Tierchen und Pläsierchen stets eine humanistische Botschaft, die sich, wenn man es von der anderen Seite des Flusses betrachtet, durchaus auch ins Neurotische steigern kann. Man schweift in die Ferne, um die eigene, inzwischen etwas verwitterte Hütte zurückzufinden. Aber man wähnt sich eben tatsächlich in Panama. Tiger und Bär hätten ohne große Reise nie erfahren, wie gemütlich so ein schönes, weiches Sofa aus Plüsch ist. Sehnen wir uns nicht alle nach einem solchen Sofa?
Janoschs Helden sind oft unbeholfen oder ängstlich, manchmal träumerisch, aber ihre Marotten werden nie bloßgestellt. Selbst wenn der kleine Tiger oder der kleine Bär scheitern, schwingt nie Spott mit, sondern eine zärtliche Ironie. Oftmals beschwerte sich der Autor, dass nur seine Zeichnungen bei der Kritik Würdigung fanden. Sein Stil, eine Mischung aus naiver Kunst, osteuropäischer Volksgrafik, Karikatur und einer Improvisation literarischer und emotionaler Motive, hatte ja auch schnell zu einer unbezwingbaren Wiedererkennbarkeit geführt.
Aber da sind ja auch diese leicht wiegenden Worte, denen man völlig zu Unrecht unterstellt, sie seien zu schlicht. Das sind sie ganz und gar nicht. Janoschs kurze, klare Sätze, fast durchgehend nach einem ähnlichen Sprachmelodieschema verfasst, haben eine poetische Einfachheit. Sie sind wie Lieder, die sich nicht ganz trauen, Lieder zu sein. Sie sind von strahlender Lakonie, die auch mal ins Absurde abbiegen. Sie laben sich oft an der Diskrepanz zwischen Situation und Tonfall. Wer Janosch vorliest, versteht das sofort.
Beispiel gefällig: „Als sie am nächsten Morgen aufwachten, sahen sie, dass sie unter dem Baum mit den goldenen Äpfeln geschlafen hatten. So ein Glück. ‚Ja, ja‘, sagte der alte Uhu, der aber auch ein Baum war, ’so ist das. Da laufen sie über die ganze Erde und suchen das Gold unten. Und wo finden sie es dann? Oben. Alles ist meistens anders, als man denkt. Nämlich genau umgekehrt.’“
Janosch spielt mit Klischees
Janoschs kleine Parabeln leben von einer verführerischen Einsicht in das Sosein der Dinge, die sich auch vor Krankheit und Tod nicht fürchtet. Ich habe das als Kind alles selbst erfahren und beim Vorlesen wiederentdeckt. Man spürt, dass viele Storys unrund sind, irgendwie zusammenklappen oder sich nicht richtig fügen wollen. Einiges bei Janosch ist nicht ganz zu Ende gedacht, manchmal gar brüchig. Am Ende kommt eben der Löwe mit der blauen Hose zu Besuch und erzählt von einem gewissen Räuber mit dem Namen Johnny Schnapsglas. Das reicht.
Spricht man mit Eltern auf dem Spielplatz über Janosch, dann zeigt sich oft Bewunderung für die eigene Erfahrung mit seinen Geschichten in der Vergangenheit. Diese kommt aber, vor allem bei Eltern mit Mädchen, an eine Grenze, wenn „Guten Tag, kleines Schweinchen“ gelesen wird. Darin stellt ein ebensolches die Freundschaft von Tiger und Bär auf die Probe und neben der Absage an die romantische Liebe gibt es ein paar misogyne Scherze, die es vielen schwer macht, sie als derbe Spielerei mit Geschlechtergewohnheiten zu akzeptieren.
Janosch selbst bezeichnete sich mal scherzhaft als Frauenfeind. Wer im Netz recherchiert, bekommt schnell, was er sucht. Dann ist oft Schluss mit weiteren Janosch-Büchern. Dass Tiger und Bär sich gegenseitig Küsse schicken und hinreißend offen die Rollen von Mann und Frau karikieren, bleibt manchen dann eventuell verschlossen.
Irgendwann begann ich, Tiger und Bär, aber auch all ihre Begleiter wie den glücklichen Maulwurf, die Tante Gans, Kasper Mütze, den Mann mit der langen Nase und den riesengrauen Elefanten beim Vorlesen mit eigener Stimme zu versehen. Ein kleines vorgetragenes Theaterstück an jedem Abend, mit unterschiedlichen Stimmlagen und Dialekten, das sich auch an der Lust an Sprache und Überspitzung in „Janoschs Traumstunde“ orientierte.
Nach über 100 Stunden fand ich eine Sicherheit im Ausdruck, die es mir erlaubte, in die Figuren nahezu hineinzuschlüpfen, um ihre Gefühlslage in meine Stimme zu übertragen. Das erschien mir für einen Moment wirklich wie das größte Glück auf Erden, weil es eine Selbstverständlichkeit und Verbindung zu den Themen in Janoschs Erzählungen hatte. Das eröffnete mir dann doch einen neuen Horizont.
Ich erkannte mich wieder in dieser leuchtenden Wehmut und der raffiniert vorgetragenen Erkenntnis, dass alles Gute immer nur vorläufig ist. Dass damit nur ein Gewinn zu machen ist, wenn man es mit anderen zu teilen vermag.
Später nahm ich meine Janosch-Vorträge auf Band auf und verschickte sie an alle, die Trost benötigten. Man dankte mir dafür oft wie man sich heute für Postkarten im Briefkasten bedankt, weil keiner mehr welche schreibt und verschickt. Man lese deshalb unbedingt „Post für den Tiger“ (Die Geschichte, wie der kleine Bär und der kleine Tiger die Briefpost, die Luftpost und das Telefon erfinden).
Ein bisschen Dada
Das, was „Janoschs Traumstunde“ indes so erstaunlich macht, ist etwas anderes. Unter der Regie von Jürgen Egenolf, Uwe-Peter Jeske und Wolfgang Urchs und mit wundervollen Sprechern, darunter Jack-Nicholson-Übersetzer Wolfgang Kerzel, gelingt eine von pädagogischen und ästhetischen Moden völlig unbescholtene Neubelebung des Janosch-Stils fürs Fernsehen. Moderiert werden die Folgen, die mitunter mehrere Storys aneinander reihen, vom großen, dicken Waldbär (eben gesprochen von Kerzel). Der führt eher verwirrt und oftmals ohne Sinn und Verstand durch die Sendung. Sehr überzeugt von sich selbst, aber ohne Plan. Das ist auch ein bisschen Dada – und ein wenig Metafernsehen für neugierige Kids.
Wichtiger aber noch: Hier werden nicht nur Motive des Autors variiert und Erzählungen auf ihren spannenden Kern reduziert. Vielmehr gelingt es, mit großer Selbstverständlichkeit eine literarische Vorlage bis in ihre Verästelungen hinein genau zu adaptieren. „Janoschs Traumstunde“ ist Werkerkundung und Hommage zugleich.
Natürlich gibt es die für jedes Kleinkindalter geeigneten Geschichten vom kleinen Tiger und kleinen Bären, dazu solche vom Quasselkasper und vom kleinen Hasen Baldrian. Die Schmuckstücke der Serie sind aber die Deutungen der dunkleren Fantasien des Autors. „Kleines Schiff Pyjamahose“ handelt von zwei Clochards in Paris, „Der Froschönig“ ist eine von Janoschs grantig gegen den Strich gebürsteten Grimm-Märchen, „Ach, lieber Schneemann“ zeigt das unausweichliche Existenzdrama jedes Schneemanns und „Der Rabe Josef“ und „Das Geheimnis des Herrn Schmidt“ könnte auch aus der Feder von Franz Kafka stammen.
Kindern (und Erwachsenen) etwas zumuten
Janosch, der nie einen Hehl aus seiner grausamen Kindheit machte, stammt aus einer Zeit, in der Kindern augenscheinlich – zumindest auf dem Papier, auf der Leinwand und sogar im Fernsehen – mehr zugemutet wurde. Ein mit allen humoristischen Wassern gewaschener Mutmacher mit Stift auf einer Stufe mit Tomi Ungerer und Sempé, ein Verwandter von Christine Nöstlinger und Peter Härtling. Kaum vorstellbar, dass seine Figuren über TikTok sprechen oder ihre Gefühle mit Schwachsinnsbegriffen aus dem Instagram-Psychotherapie-Kabinett erklären.
Eine Frage des künstlerischen Muts also (oder ist es Sturheit, sich dem Lauf der Dinge zu entziehen?). Er zeigt sich in „Janoschs Traumstunde“ auch, wenn die Sprecher (Hansjoachim Krietsch und Peter René Körner) selbst wie ein Erzähler in Charles-Dickens-Manier auftreten und das TV-Programm in bebilderte Literatur verwandeln. Man nehme nur die Neuverfilmungen der Tiger-Bär-Sausen fürs Kino zum Vergleich. Man hat sie zu von jedem Trübsinn und Hintersinn befreiten Adventures gemacht. In Serienform zeigt sich hingegen viel eher, wie mit Zeichnungen auch eine Form gefunden werden kann, der Welt auf Augenhöhe zu begegnen.
„Janoschs Traumstunde“, jederzeit verfügbar bei mehreren Streamingdiensten und auf
An dieser Stelle schreibt ROLLING-STONE-Autor Marc Vetter über seine persönlichen Erfahrungen mit Popkultur. Zuletzt erschienen auch: