Jethro Tull – Braver Onkel

Vier Fragen an Ian Anderson, der mit Jethro Tull eine Fortsetzung von "Thick As A Brick" herausbringt - und noch immer Drogen ablehnt.

Es brauchte lange, aber nun erscheint „Thick As A Brick II“ – die Fortsetzung des Konzeptalbums von Jethro Tull von 1972, dessen Texte angeblich von einem frühreifen Achtjährigen namens Gerald Bostock (einem Alter Ego von Ian Anderson) verfasst wurden. Der Flötist Anderson musizierte gerade in Potsdam zu Ehren von Friedrich dem Großen.

Woher kam die Motivation für eine Fortsetzung des sperrigen Werks nach mehr als 40 Jahren?

Ich finde Fortsetzungen furchtbar. „Rocky 7“ und „Bat Out Of Hell 12“ – schrecklich! Was mich aber getrieben hat, war die Frage: Was würde Gerald Bostock heute machen? Dem wollte ich nachgehen, und daraus ist dieses Album entstanden. Ich gehe mit ihm verschiedene Möglichkeiten durch: Gerald Bostock, der Polizist, der Politiker, der Banker und sogar Bostock, der Penner. Es fasziniert mich, dass eine einzige Entscheidung dein ganzes Leben in eine bestimmte Richtung lenken kann. Zum Beispiel die Entscheidung, im Jahre 2012 ein Progressive-Rock-Konzeptalbum zu machen. Ich kann so etwas Verrücktes tun – oder ich kann mich auch gleich erschießen.

Die Flöte ist für viele wegen der musikalischen Erstausbildung negativ belegt. Warum haben Sie sich ausgerechnet dafür entschieden?

Ich ging in einen Musikladen, um meine Gitarre umzutauschen. Ich wollte nicht mehr spielen, seit ich Eric Clapton gehört hatte und wusste: So gut würde ich nie sein. Mein Plan war, die Gitarre gegen etwas anderes einzutauschen. Draußen regnete es, doch plötzlich fiel ein Sonnenstrahl auf etwas Silbernes – es blendete mich, und da sah ich die Flöte! Aus einem Reflex heraus sagte ich: „Ich nehme die!“ Das klingt wie eine Szene aus einem Harry-Potter-Film, aber es gibt diese seltsamen Momente im Leben – was wäre aus mir geworden, wenn es einfach weitergeregnet hätte? Ich wäre sicher nicht in einer erfolgreichen Band gelandet! Wir waren ja nur deshalb so erfolgreich, weil es keine anderen Flötisten gab!

Sie sind grundsätzlich gegen Drogen. Wirkte das in den 70er-Jahren nicht seltsam?

Es war schwierig. Als ich nach Amerika kam, nahm einfach jeder Drogen, und überall waren Groupies – eine einzige Party. Ich dagegen ging nach der Show in mein Hotelzimmer, schaute Fernsehen, aß ein Sandwich und ging um elf Uhr schlafen. Robert Plant von Led Zeppelin dachte, ich hielte mich für etwas Besseres oder hätte etwas gegen ihn persönlich. Er konnte einfach nicht verstehen, warum ich nach den Konzerten keine Groupies in der Led-Zeppelin-Suite vögeln wollte. Ich war nie so drauf; ich bin der langweilige Onkel, der mit dem Familienhund spielt und übers Wetter redet.

Haben Sie es tatsächlich abgelehnt, in Woodstock zu spielen?

Ja, das stimmt – und es war wohl eine der besten Entscheidungen unserer Karriere. Wir waren noch ganz am Anfang, und ich wollte keinen ÜberNacht-Ruhm. Oder stellen Sie sich vor, wir hätten dort richtig schlecht gespielt – dann wäre unsere Karriere vorbei gewesen, bevor sie richtig angefangen hatte! Außerdem war ich gar nicht scharf darauf, mit Tausenden nackten Hippies auf Drogen meinen Nachmittagstee im Schlamm zu trinken.

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