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ROLLING-STONE-Archiv 2007: Eagles – Mehr Demokratie wagen!

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ROLLING-STONE-Archiv 2007: Eagles – Mehr Demokratie wagen!

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“Wer? Die Eagles?” Der einsame Sicherheitsmann im Entree der 02-Arena kennt die Band nicht, die heute im Entertainment-Komplex in Greenwich auftritt. Viele Leute sind allerdings auch nicht an ihm vorbeigekommen – die Eagles spielen ihren ersten europäischen Auftritt zum neuen Album, “Long Road Out Of Eden”, im IndigO2, einem dosenformigen Club mit viel zu hoch gezogenen Tribünen, und es passen nur etwa 1000 meist geladene Gäste hinein. Wer oben sitzt, guckt der Band nicht ins Gesicht, sondern auf den Kopf.

Gegen 21 Uhr geht das Licht aus, und Glenn Frey, Don Henley, Joe Walsh, Timothy B. Schmit sowie fünf weitere Musiker beginnen ihr Set mit “How Long”, der ersten Single des neuen Albums. Ein ganz altes und zwischendurch vergessenes Lied ist das, das der alte Eagles-Freund J.D. Souther der Band 1972 schrieb – Freys Kinder hatten es vor ein paar Jahren auf YouTube in einer Live-Version entdeckt. Das Lied ist eine eher simple Wiederholung von “Take lt Easy”, aber wegen seines gezähmten Country-Rock und der trademark harmonies trotzdem eine gute Brücke in die Gegenwart.

Es folgen noch drei weitere Songs von “Long Road”, und das war es dann mit dem neuen Material. Die Proben seien sehr aufwendig, wird Frey am nächsten Tag sagen, und so spielen die Eagles in London lieber jenes Set, das sie in der Woche zuvor sechsmal im gerade eingeweihten Nokia Theatre in Los Angeles aufgeführt hatten. Das ist schade; man hätte gern den einen oder anderen neuen Song gehört, den ellenlangen Titel-Track mit seiner epischen Kultur- und USA-Kritik zum Beispiel. Es sind eine Reihe von schwachen Liedern auf “Long Road”, zumal jene, bei denen die Eagles die Achtziger wiederholen, statt wirklich zu ihren Stärken zurückzukehren. Aber sieben, acht sehr schöne sind auch dabei.

Mit dem für ihn typischen “Busy Being Fabulous” singt Henley in London immerhin eins davon. Bassist Schmit darf dann zu dem schnulzigen “I Don’t Want To Hear Anymore” in die Mitte der Bühne, wo er sich beim Komponisten Paul Carrack bedankt, der samt Frau Kathy im ordentlich prominenten Publikum sitzt. Dann Joe Walsh mit dem etwas tumben Rocker “Guilty Of The Crime” – und schon haben die Eagles beileibe nicht die besten Songs des neuen Albums gespielt, aber der Demokratie Schuldigkeit getan. Die war hier ja immer ein wichtiges Thema. Als Frey und Henley zu Beginn der Siebziger nach einer Tour als Begleitmusiker von Linda Ronstadt das erste Line-up der Eagles zusammenstellten, ging es um starke Individualisten, die das Gesicht der Band zu gleichen Teilen prägen sollten. Es kam dann anders, weil Frey und Henley in jeder der vier Besetzungen die stärkeren Charaktere, besseren Songwriter und zielstrebigeren Geschäftsleute waren. Die daraus entstehenden Machtkämpfe haben – befeuert von Drogenexzess und Erschöpfung – zu immer neuen Streitigkeiten und schließlich 1980 zum vorläufigen Ende dieser an Streit und schlechten Gefühlen überreichen Karriere geführt.

Danach folgt in etwa das Repertoire, das seit 1994 live zu erleben war. Für “Hotel California” geht Henley ans Schlagzeug, wo die meiste Zeit des Abends “Long Road”-Co-Produzent Scott Crago sitzt, bei “Peaceful Easy Feeling” streut der relativ neue Gitarrist Steuart Smith (zweiter Co-Produzent des Albums) gekonnt jene Country-Licks ein, für die einst Bernie Leadon oder Don Felder zuständig waren.

Die zweimal vierstimmigen Gesänge, die zirpenden Zwölfsaitigen, die schönen Lieder: Das alles ist natürlich routiniert, so wie hier immer alles routiniert war, und man erwartet kein Feuerwerk der Emotionen. Doch irgendetwas stimmt nicht auf der Bühne – die Eagles wirken in dieser Phase des Konzertes unangenehm kalt, deutlich kälter noch als sonst, es wird einem ein bisschen ungemütlich. Natürlich johlen die geladenen Gäste der örtlichen Wirtschaft, doch die Pokergesichter auf der Bühne sprechen eine andere Sprache. Am Schlimmsten steht es um Joe Walsh, der während der ersten zehn Songs wie versteinert dasteht und keine einzige Miene verzieht (was bei ihm schon was heißt). Es wird erst besser, als er für “In The City” und das immer für einen Witz gute “Life’s Been Good” ans Mikro geht.

Auch das übrige Programm nimmt Fahrt auf. Henleys “Boys Of Summer” und “Dirty Laundry” klingen druckvoll, “Heartache Tonight” und “Life in The Fast Lane” versprühen zumindest teilweise die erhoffte Energie. Am Ende stehen.Take It Easy” und das mit kitschigen 80s-Retorten-Streichern leicht entwürdigte “Desparado”, natürlich. Bei der Ansage bringt Frey nach dem berühmten “Only when hell freezes over”-Zitat ein weiteres Bonmot: “When these songs were written, the Dead Sea was still sick.” Haha! Einer muss das Publikum ja bei Laune halten. “Ich fand, wir haben uns angesichts all der schwarzen Anzüge, Autoverkäufer und Banker ganz gut geschlagen”, erklärt Glenn Frey am nächsten Tag. Als die Eagles am 30. Oktober 2007 ihr erstes Studioalbum seit 1979 veröffentlichten, war dies das Ende eines Comeback auf Raten – zwischen der Auflösung der Band und der Live-Reunion liegen fast genauso viele Jahre wie zwischen “Hell Freezes Over” und “Long Road Out Of Eden”. Doch die Zeit läuft anders ab bei den Musikveteranen der 60er und 70er Jahre, die jetzt allesamt mehr oder minder 60 sind und sich eigentlich immer noch ausruhen von dem Leben auf der Überholspur. Zumal man sich die Rückkehr der Eagles nicht als Masterplan vorstellen darf- wie fragil die Band zu jedem Zeitpunkt ist, hatte ja schon der Rauswurf von Don Felder 1999 gezeigt.

In allen Interviews zum neuen Album erklären die Eagles die vielen Jahre Arbeit an “Long Road Out Of Eden” mit der Schwierigkeit, überhaupt genug Zeit zu finden – Henley und Frey haben jeweils drei Kinder und betonen, wie glücklich sie das Häusliche mache. “Es sind jetzt andere Dinge viel wichtiger als die Eagles”, erzählt Frey, “aber man kann keine Platte machen, wenn man einmal im Monat einen Tag lang ein paar Akkorde greift. Man muss dranbleiben, und das ist uns sehr schwer gefallen. Dazu kam, dass wir so um 2000 herum kein eigenes Material hatten; wir mussten mit den Songs anderer Leute arbeiten, um überhaupt anfangen zu können. Aber es war immer klar, dass ein neues Eagles-Album mindestens ein halbes Dutzend Frey-Henley-Kompositionen haben musste. Sicher wollen die Leute uns vor allem singen hören, aber sie wollen auch diese Songs haben, die nur mir und Don einfallen.”

Das ist bestimmt nicht die ganze Wahrheit. Vor allem Henley und Schmit deuten in Interviews an, dass es weiterhin viel Streit gäbe; von den alten Hackordnungen ist die Rede, von der Unfähigkeit, Kompromisse einzugehen, und davon, dass die Eagles mehrfach das Album begonnen haben, wegen interner Probleme aber immer wieder abbrechen mussten. Henley nennt das Album manchmal das beste, das die Eagles je gemacht hätten, beschwert sich aber an anderer Stelle über viele schlechte Songs und eine überflüssige zweite CD. Im Londoner Four Seasons, wo die Band am Tag nach dem Konzert Einzelaudienzen abhält, berichtet ein Kollege sogar, Henley würde kein gutes Haar an den Eagles lassen – während Glenn Frey ein Stockwerk höher eine weiche Wolke der Glücklichkeit über seine Band ausbreitet. Obacht also! Klar ist nur, dass die Eagles irgendwie in der Lage waren, ein gemeinsames Album aufzunehmen. Dass Henley und Frey gleichzeitig in ihren eigenen Studios in Malibu bzw. Los Angeles gearbeitet und sich fürs Songwriting E-Mails mit mp3s im Anhang geschickt haben. Und dass eine Tour im nächsten Jahr wohl vor allem von der Laune Don Henleys abhängt, der im nächsten Jahr allerdings viel Zeit in eine Soloplatte stecken will.

Glenn Frey hingegen, so hat man im Konzert und im Gespräch den Eindruck, will die Eagles 2007 trotz aller Widrigkeiten und explosiver Beziehungsgeflechte unbedingt gelingen lassen. Wohl ist Frey süffisant und ein bisschen eitel, doch gleichzeitig ist er immer der “Coach” der Eagles gewesen, der das Team zusammenhält und wohl in dieser Rolle auch ein großes Stück Selbstlosigkeit bewiesen hat. Als er 1980 die Eagles verließ, lamentierte er, dass er keine Lust mehr habe, sich im Gegensatz zu den unversöhnlichen Kollegen ständig zurückzunehmen.

Vielleicht ist dieser Unwillen geblieben. Jedenfalls scheint Frey seinen Führungsanspruch bei den Eagles etwas klarer umgesetzt zu haben. Frey spricht im Interview viel von Entscheidungen, die er getroffen habe, allein, nicht wie früher mit Henley. Er habe sich seinerzeit entschieden, die für das Live-Set einstudierten neuen Songs für “Hell Freezes Over” im Studio aufzunehmen. Er habe entschieden, das aktuelle Set mit vier neuen Stücken zu beginnen. Und er sei es gewesen, der 2001 erkannt habe, dass es Zeit sei, das neue Album ernsthaft in Angriff zu nehmen.

Mr. Frey, wie kann es 13 Jahre dauern, ein Album zu machen?

Hat es ja nicht. Wir hatten in den späten Neunzigern mal was versucht, aber richtig viel kam nicht dabei heraus. Erst als wir 2001 unsere Band um Steuart Smith, Scott Crago und die neuen Keyboarder erweitert hatten, begann sich etwas zu bewegen. Am 10. September sind wir dann zu sechst – die vier Eagles plus Steuart und Crago – ins Studio gegangen. Am 11. September allerdings… Wir wissen ja alle, was da passiert ist. Ein paar Tage später ging es dann aber tatsächlich los. Wir haben gejammt und ein paar Songs angefangen, ohne Texte, nur so grobe Strukturen.

Das ist sechs Jahre her.

Oh, sicher, wir haben es dann wieder sehr locker genommen. Es lag wohl daran, dass wir keinen Plattenertrag hatten, also keine Deadlines. Erst vor gut zwei Jahren entstand eine gewisse Dynamik – wir hatten plötzlich Songs, und auch die Lyrics kamen zusammen. Don und ich telefonierten viel und schickten uns die neuen Sachen hin und her. Wie schwierig war es, sich wieder zusammen an einen Tisch zu setzen und zu schreiben?

Don und ich haben 1994 für “Hell Freezes Over” einen Song gemeinsam gemacht, der passenderweise “Get Over It” hieß wir wussten, dass wir wieder zusammen schreiben können. Aber, ja, im Studio ist es anders als auf der Bühne, wo du bloß deine Parts spielst. Es ist ein Geben und Nehmen, und man muss Kritik einstecken können.

Das Album wird in den USA ausschließlich bei Wal-Mart verkauft. Soll man sich auf keine Plattenfirma mehr einlassen?

Wir hatten tatsächlich keine Lust, mit einem Major-Label zusammenzuarbeiten. Das Business ist im Umbruch, und bei Wal-Mart haben wir eine prozentuale Beteiligung verhandeln können, die kein Label zu zahlen bereit gewesen wäre. Warum? Weil wir bei Wal-Mart nicht lauter schlecht verkaufende Künstler ausgleichen müssen. Außerdem haben wir uns die Pläne des Konzerns für Umweltschutz und Bioprodukte angeguckt. Wir waren sehr beeindruckt.

Was ist das neue Album der Eagles nun – ein Abschluss oder ein Anfang?

Beides. Die Platte fertig zu kriegen und wieder eine recording band zu sein, eröffnet uns für die nächsten Jahre einige interessante Möglichkeiten. Das Album ist ja sozusagen unsere Daseinsberechtigung für das neue Jahrtausend. Ich habe den Eindruck, dass wir als Band über den Berg sind.

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