John und Yoko – letzte Bilder einer Liebe

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John und Yoko – letzte Bilder einer Liebe

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Jon Smith erinnert sich an den 7. August 1980, als John Lennon und Yoko Ono die Hit Factory betraten. Tags zuvor hatte der Produktionsassistent bereits die Instrumente eingerichtet. „Wir schickten den Sicherheitsmann zum Eingang, um sie in Empfang zu nehmen. Er brachte sie in den sechsten Stock – ich erinnere mich daran, dass John einen großen Hut trug. Er kam herein und wirkte riesenhaft auf mich, zwei Meter groß, obwohl ich später merkte, dass er kleiner als ich war. Aber er war eben eine historische Gestalt, und man konnte nicht anders als ehrfürchtig zu sein. Alle waren aufgeregt, auch John – er war zum ersten Mal nach Jahren wieder in einem Studio.“

Der Percussionist Arthur Jenkins jr. hatte 1974 an „Walls And Bridges“ mitgearbeitet und war jetzt wieder dabei: „Es war diesmal vollkommen anders. John achtete auf Disziplin, und alle konzentrierten sich auf ihn. Wir gingen sofort an die Arbeit. Er war in seinem Element: ein Meister.“

Im Jahr 1975 hatte sich John Lennon von der Musik zurückgezogen, nachdem Yoko (am 9. Oktober, seinem 35. Geburtstag) den gemeinsamen Sohn Sean zur Welt gebracht hatte. Er gab der Legende nach den Hausmann („homebody“, wie er sagte), kümmerte sich um das Kind, buk Brot, unternahm Spaziergänge und sah ungerührt dem bunten Treiben zu, wie er es später in dem Song „Watching The Wheels“ beschrieb. John liebte Yoko, und Yoko liebte John. Tatsächlich verließ er kaum sein Bett in einem Zimmer des Apartments 72 im Dakota Building, gammelte herum, rauchte Joints, las sporadisch, schlurfte in die Küche und ließ den Fernseher laufen, während Yoko in ihrem Büro, in einer unteren Etage des Gebäudes, die Geschäfte führte.

„Rock’n’Roll“, das zuletzt veröffentlichte Album, war während des sogenannten Verlorenen Wochenendes 1973 und 1974 in Los Angeles unter chaotischen Umständen und dem Diktat des durchgeknallten Phil Spector entstanden, der 26 Musiker engagiert, die Aufnahmen sabotiert und schließlich die Bänder entwendet hatte – die er nicht mehr herausgeben wollte, während er den Scheidungsprozess gegen seine Frau, Ronnie, betrieb. Lennon war mit seiner Geliebten und Aufpasserin May Pang in der Stadt, randalierte mit seinen Saufkumpanen Harry Nilsson, dem Gitarristen Jesse Ed Davis und dem Schlagzeuger Jim Keltner, demolierte eine Wohnung und beleidigte im Stupor Ann Peebles und die Smothers Brothers bei Auftritten im Troubadour; einmal trug er eine Damenbinde auf der Stirn.

Im Studio brüllte Spector herum, der mal in einem weißen Kittel mit Stethoskop, dann im Kostüm eines Karatekämpfers zu den Aufnahmen erschien, bei Wutanfällen mit seinem Revolver an die Decke schoss und herumstehende Besucher wie Joni Mitchell – die mal mit Jack Nicholson, mal mit Warren Beatty im Studio erschien – beschimpfte.

Yoko Ono und John Lennon 1980
Yoko Ono und John Lennon 1980

Lennon wandte sich dann der nicht minder katastrophalen Produktion des Albums „Pussy Cats“ von Harry Nilsson zu, während der Linda und Paul McCartney zu Besuch kamen – was in eine spontane Session mündete –, und kehrte nach New York zurück, wo er eine Weile mit May Pang zusammenlebte, „Walls And Bridges“ aufnahm und wieder bei Yoko einzog. Er nannte sie gegenüber anderen manchmal „Mutter“ und „Madam“.

Ein letztes Telefonat mit May Pang

Im Februar 1979 begann der 25-jährige Fred Seaman mit seiner Arbeit als Lennons Assistent und Mädchen für alles. Laut Arbeitsbeschreibung hatte er John dabei zu helfen, ungeschälten Reis zu kochen – doch tatsächlich fuhr Seaman meistens mit einem Mercedes-Kombi und viel Bargeld in der Stadt herum, um Leckereien für John und Spielzeug für Sean zu kaufen. Gemeinsam fuhren sie nach Cold Spring Harbor auf Long Island, wo Lennon ein Anwesen besaß, während Yoko meistens im Dakota blieb. Fred Seaman bekam den Auftrag, ein Segelboot zu kaufen. Ein junger Mann namens Tyler Coneys brachte den beiden das Segeln bei, und bald plante John, den Atlantik zu überqueren und die Themse hinauf nach London zu schippern.

Yoko unterstützte zwar die Reisepläne, doch war England ausgeschlossen. Unter nicht näher erklärten parapsychologischen Vorwänden wurde John für eine Woche nach Kapstadt geschickt, wo er von einem Chauffeur herumkutschiert wurde und zum letzten Mal in seinem Leben mit May Pang telefonierte.

Jesus! Ruf sofort Mutter an! Sie imitieren sie bis ins Detail. Sie haben sie regelrecht studiert

Als er nach New York zurückkehrte, lag der astrologische Befund vor: Die einzig sichere Richtung war Südost – die Bermudas waren das Ziel. Tyler Coneys engagierte zwei seiner Cousins und mietete die Segelyacht Megan Jayne samt Captain Hank. Lennon hatte immer davon geträumt, wie sein Vater und sein Großvater zur See zu fahren. Zwar hatte der Kapitän ihn als Smutje in die Kombüse gestellt – aber als ein Sturm losbrach, musste John am Ruder den Kurs halten. In Ölzeug an die Reling gebunden, stemmte er sich gegen Windböen und Regen und sang angeblich alte Shantys und Balladen, die er in Liverpool gelernt hatte. Fünf Stunden soll er am Ruder überstanden haben – laut dem galligen Biografen Albert Goldman fühlte er sich danach „zum ersten Mal im Leben wie ein richtiger Mann“.

Auf den Bermudas angekommen, sang John für die Crew „Serve Yourself“, eine bissige Parodie auf Bob Dylans „Gotta Serve Somebody“ (die in der „John Lennon Anthology“ enthalten ist), und berichtete Fred Seaman, dass seine schöpferische Kraft wieder erwacht sei. In Hamilton Terrace wurde eine Villa gemietet; Sean und sein Kindermädchen, Uda-San, kamen nach. Lennon hörte oft Bob Marleys Album „Burnin’“– das Stück „Hallelujah Time“ mit der Erkenntnis, das Leben sei doch recht kurz, inspirierte John zu „Borrowed Time“ (das 1984 auf „Milk And Honey“ veröffentlicht wurde). Schon bei dem Wohltätigkeitskonzert One to One 1972 im Madison Square Garden hatte er Yoko übermütig „Reggae, baby!“ zugerufen, und nun plante er ein Album mit karibischen, ozeanischen Songs, das – wo sonst? – auf Jamaika eingespielt werden sollte. Begeistert rief er Yoko an, die derweil in New York und auf Fire Island selbst neue Lieder geschrieben hatte. „I’m Losing You“ skizzierte er, als er Yoko nicht erreichen konnte: „Sie war zu Hause mit so vielen Anrufen beschäftigt, dass ich nicht durchkam. Ich bin wirklich wütend geworden und habe den Song in der Hitze der Erregung geschrieben.“ Deshalb heißt es in dem Song: „Can’t even get you on the telephone.“

Als er doch durchgekommen war, überzeugte Yoko ihren Ehemann davon, dass sie die geplante Platte – gemeinsam getrennt – mit je eigenen Stücken aufnehmen sollten, Titel: „A Heart Play“. Auf den Bermudas hörte John eine Kassette mit Songs von Madness („Sie haben einen der originellsten Sounds: sehr guter Bass, sehr gutes Schlagzeug“), den Pretenders und „Lene Loveritch oder wie immer sie heißt“ (sie heißt Lene Lovich), die Fred Seaman ihm gegeben hatte: „Jetzt möchte ich herausfinden, was es alles gibt. Ich mag’s also“, erzählte John dem BBC-Reporter Andy Peebles. Auch Dub-Reggae faszinierte ihn. In einer Diskothek in New York hörte John dann „Rock Lobster“ von den B-52’s und rief: „Jesus! Ruf Mutter an! Sie imitieren sie bis ins Detail. Sie haben sie studiert. Ich rief also Yoko an. Sie wollte nicht zuhören. Sie ruht in sich selbst.“

Yoko Ono in der New-Wave-Disco

Die Stücke, die Yoko damals verfasste, klangen freilich mit ihrem Disco-Beat und dem schrillen, zackigen Gesang durchaus so, als hätte sie die Talking Heads, Klaus Nomi, Lene Lovich und die B-52’s gehört. „,Kiss Kiss Kiss‘, die Rückseite von ,Starting Over‘, wird oft in New-Wave-Rock-Clubs und Discos gespielt“, sagte John später stolz. „Erzähl ihnen, wie du es in völliger Finsternis und hinter diesen Mauern versteckt aufgenommen hast.“ Yoko erzählte: „Ich fing an zu singen und schaute auf, und alle Tontechniker sahen zu mir hin. Das hat mich gestört, also ließ ich die Lichter ausmachen und den Schirm aufstellen.“ John: „Wir saßen alle da und fragten uns, was sie da macht. Sie hatte einen Orgasmus …“ Yoko: „Das nennt man schauspielern.“ John: „Oh, sehr gut, Schatz, sehr gut. ,Ziggy Stardust‘.“

Keystone-France Gamma-Keystone via Getty Images
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