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Wir brauchen „Imagine“ heute mehr, als John Lennon sich das je erträumte

John Lennon schrieb „Imagine“ an einem Vormittag Anfang 1971 in seinem Zimmer im Landsitz Tittenhurst. Yoko Ono sah zu. Lennon saß an dem weißen Flügel, der aus Filmen und von Fotos inzwischen weltbekannt ist, und komponierte „Imagine“ von Anfang bis Ende, in einem Rutsch.

Die wehmütige Melodie, das federweiche Akkordmuster, die einprägsame Vier-Noten-Folge und fast den kompletten Text – 22 anmutige, schlichte Songzeilen über den Glauben daran, dass man die Welt verändern und heilen kann, wenn die Menschen feststellen, dass sie dieselben Träume haben.

„Er hat sicher nicht gedacht: ,Hey, das wird eine Hymne!‘“, sagte Yoko 30 Jahre später. „,Imagine‘ war einfach das, woran John glaubte – dass wir alle ein Land, eine Welt, ein Volk sind. Den Gedanken wollte er mitteilen.“

Und er war nicht allein damit: Yoko Ono selbst hatte schon vor ihrer Begegnung mit Lennon 1966 in ihrer eigenen Kunst die transformative Kraft von Träumen gefeiert. Die erste Zeile von „Imagine“ – „Imagine there’s no heaven“ – entstammt einer der interaktiven Passagen aus Onos Buch „Grapefruit“ von 1964 („Imagine letting a goldfish swim across the sky“).

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Lennons Sprache aber war Pop, und die beherrschte ein Ex-Beatle freilich perfekt. Er meinte später, „Imagine“ mit seiner Idee der Gleichheit aller Menschen durch Auflösung von Regierungen, Grenzen und Religionen sei „buchstäblich das Kommunistische Manifest“. Aber die elementare Schönheit seiner Melodie, die warme Zurückhaltung in der Stimme und der transparente Sound von Produzent Phil Spector – der Lennons Performance in zarte Streicher hüllte und Echos fliegen ließ wie eine Sommerbrise –, all das unterstrich die Idee fundamentaler Menschlichkeit, von der der Song erzählte.

Lennon wußte, dass er etwas besonderes geschrieben hatte. In einem seiner letzten Interviews erklärte er, „Imagine“ sei den besten Liedern, die er für die Beatles gemacht hatte, ebenbürtig. Aber der Song ist noch mehr, hat eine Bedeutung bekommen, die weit über das Werk Lennons hinausweist – eine zeitlose Hymne voller Trost und Hoffnung, die ihre Hörer durch tiefe Trauer getragen hat, von Lennons eigenem Tod 1980 bis hin zum Grauen des 11. September. Man kann sich heute eine Welt ohne „Imagine“ kaum mehr vorstellen.



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