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„John Wick“-Regisseur Chad Stahelski im Interview:„Jeder Actionfilm sieht verdammt nochmal gleich aus“

Mittlerweile als Regisseur der „John Wick“-Reihe gefeiert, musste sich Chad Stahelski wortwörtlich alles selbst erkämpfen. Als Reeves‘ ehemaliger Stuntman aus „Matrix“ avancierte Chad Stahelski zum großen Fighter im Business. „John Wick“ ist die logische Konsequenz einer echten Zusammenarbeit zweier Action-Profis.

Herr Stahelski, die Geschichte zu Ihrem neuen Film „John Wick: Kapitel 3“ begann schon einige Jahre vorher mit der „Matrix“-Trilogie, die das Action-Genre für immer verändert hat.

Chad Stahelski: Ja, ich hatte Glück, dass ich mit Leuten arbeiten durfte, die sehr gut waren. Mein Partner und ich haben uns damals entschieden, dass wir auf Action-Design setzen wollten, um die Action zu verbessern. Wir haben die Action angelegt, gedreht und produziert. Und in diesem Punkt sind wir ziemlich einzigartig, es gibt nur drei oder vier Jungs im ganzen Business, die das tun, und wir sind zwei von ihnen. Wir hatten einige wirklich gute Leute, von denen wir lernen konnten – nicht nur Stuntmen, sondern auch Produzenten und Regisseure. Nachdem „The Matrix“ erschienen war, wollten die Studios, dass die Leute zu ihnen kommen und bei der Action helfen.

Sie sind anschließend vom durchschnittlichen Stuntman zu einem der größten Choreographen im Business aufgestiegen.

Wir haben die „John Wick“-Filme gemacht, um uns über uns selbst und Actionfilme lustig zu machen. Es ist nicht beabsichtigt, das alles ernst zu nehmen. Es geht nicht um CGIs oder große Explosionen. Und Keanu ist athletisch, aber er ist ein normaler Mensch. Er ist nicht anders als du und ich. Wenn du also jemanden hast, der gewillt, engagiert und leidenschaftlich ist, und du dir die Zeit und das Geld nimmst, ihn auszubilden und deine Crew dazu zu bringen, gute Action zu machen, dann kannst du gute Action machen. Das Problem mit Hollywood heute ist: Jeder Action- oder Superhelden-Film sieht verdammt nochmal gleich aus. Es sind die gleichen Leute, die die Effekte machen, das gleiche Stunt-Team. Niemand will anders sein, weil die Regisseure nicht anders sein wollen, so einfach ist das. Der Regisseur muss in allem gut sein, aber die meisten Leute wollen nicht in allem gut sein. Die Story hört nicht mit der Action auf und umgekehrt. „John Wick“ funktioniert nur, weil alles zusammenpasst.

Reeves is ready in „John Wick: Kapitel 3“

Aber es gibt einen Unterschied zwischen Action- und Stuntszenen, den man im Film auch erkennt.

Actionszenen müssen nicht zwingend von Stuntmen gemacht werden. Die meisten Regisseure treffen nicht schnell genug Entscheidungen. Bei den meisten Filmen kommen die Kameramänner nicht oder erst spät zu den Proben. Mein Kameramann probt mit dem Stuntman, zwei bis drei Monate. Wir planen von Anfang an. So wie Steven Spielberg, Christopher Nolan, James Cameron, David Fincher, Guy Ritchie – deshalb sind diese Jungs gut. Wenn das Publikum mehr erwartet, wird Hollywood ihm mehr geben. Es gibt wirklich schlechte Filme da draußen, egal ob Superhelden- oder Actionfilm, die eine halbe Milliarde Dollar einbringen, aber es sind schlechte Filme. Aber alle geben Hollywood zu verstehen: „Es ist okay, faul zu sein, es ist okay, nicht gut zu sein“. Versteh‘ mich nicht falsch, es gibt auch viele gute Filme. Aber als Vergleich: Wenn die Leute weiterhin die gleiche beschissene Jacke aus dem gleichen Laden kaufen, gehen die davon aus, dass es eine gute Jacke ist. Es liegt an euch, Leute!

Sie sagten, Keanu Reeves‘ Rolle als John Wick ist eine Art Comeback seit der „Matrix“, zumindest als Action-Darsteller?

Ich denke schon, ja. Keanu hat das Schauspielern schon immer gemocht, er liebt seinen Job wirklich. Und das ist der Grund warum wir die Action choreographieren, damit er sie spielen kann. Ich will nicht das Stunt-Double, weil das Stunt-Double nicht schauspielern kann, so wie Keanu. Man sieht Keanu wie er in den Actionszenen diese witzigen Grimassen zieht (macht aaahhhh uuuhhh aaahhhhhhh, Anm. d. Red.) und das ist der Grund, warum man John Wick mag. Oder besser gesagt, man mag nicht John Wick, sondern Keanu Reeves als John Wick. Und nur, weil man ihn die ganze Zeit sieht. Es ist wie mit Tom Cruise, den ich liebe, aber er ist der einzige andere Kerl, der das so macht.

Es gibt also diese eine Regel, dass alles was John Wick im Film macht, auch Keanu Reeves machen kann.

Ich choreographiere so viel wie ich kann mit meinem Stunt-Team, und der Trick ist: Wir hören nicht auf, Keanu zu trainieren. Also selbst kurz vor dem Kampf trainieren wir ihn, um ihn noch besser und besser zu machen. Die meisten Leute choreographieren vor dem Dreh für vier Wochen, dann bringen sie einem den Kampf vier Wochen lang bei, dann fangen sie an zu filmen. Wenn die Kampfszene also in zwei Monaten ansteht, dann wirst du nicht mehr besser bezüglich dieses Kampfes. Wir trainieren weiter und weiter und am Vortag gehen wir ihn nochmal durch, wir choreographieren noch den Tag vor dem Dreh zum Kampf. Das bringt die beste Performance hervor.

Ich denke man sieht das auch im Film, dass Keanu auf einem hohen Level ist, aber gleichzeitig Spaß an der Sache hat.

Genau, und falls er irgendetwas nicht hinbekommt, verändern wir es ein wenig. Für mich ist es wichtiger, dass Keanu die Actionszenen spielt. Macht es für den Zuschauer einen Unterschied ob er einen High- oder einen Low-Kick macht? Ich glaube nicht.

Wussten Sie vorher, zu was er allem in der Lage ist?

Wir haben damals bei „Matrix“ sehr viel miteinander trainiert. Wir sind mittlerweile beide deutlich älter, also ist auch der Körper ein anderer und man benötigt mehr Zeit. Wir machen nicht mehr das ganze Herumspringen und -Kicken, aber viele andere Sachen. Ich denke, Keanu bewegt sich jetzt besser, als er es in der „Matrix“-Trilogie getan hat. Er übte weitere 15 Jahre Martial Arts und Ichigo und all diese anderen Kampftechniken. Und er trainiert hart, er ist geschickter – es ist bei ihm in Fleisch und Blut übergegangen.

Also war Keanu die richtige Wahl?

Kann man sich vorstellen, dass es jemand anderes hinbekommen hätte? Wir hätten trotzdem „John Wick“ machen können, aber es wäre nicht der gleiche Film. Wir würden jetzt nicht derart über die Action reden. „John Wick“ ist auf einer Ebene aufgebaut, in der man die langen Takes merkt, es ist fließend, es fühlt sich wie eine Live-Show an, das kann man mit keinem so machen wie mit Keanu. Ich habe nie mit jemandem zusammengearbeitet, der so engagiert ist wie er.

ROLLING STONE sprach auch mit Hauptdarsteller Keanu Reeves. Das komplette Interview gibt es hier.

„John Wick: Kapitel 3“ ist ab Donnerstag (23. Mai) im Kino zu sehen. Der vierte Teil der Reihe wurde jetzt offiziell bestätigt – er soll am 21. Mai 2021 erscheinen.

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John Macdougall AFP/Getty Images


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