Kommentar



Johnny Depp: Der sympathische Arsch hat mal wieder gewonnen


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Das wording zum Prozessende im Depp/Heard-Fall spricht Bände. „Depp scores near-total victory“ titelt die Nachrichtenagentur Reuters. Ein fast-totaler Sieg. Von „Millionen-Klatsche für Amber“ ist in der „Bild“ zu lesen. Die Londoner „Daily Mail“ feiert einen „jubelnden Johnny Depp“. Das Donald Trump nahestehende Boulevardblatt „New York Post“ wiederum nutzt das Votum der Geschworenen für eine republikanische Agenda: „Jury delivers justice in Johnny Depp v. Amber Heard — for the actor and AMERICA!“

Dass Heard von den Geschworenen auch etwas Recht zugesprochen bekam, verblieb medial im Pille-Palle-Bereich. Vielmehr lautet die unterschwellige Botschaft des Fairfax-Urteils in diesem merkwürdigen Freudentaumel: Frauen dürfen wieder verprügelt werden, man darf sich nur nicht dabei erwischen lassen. Oder weiter gefasst: Ein erster Schritt zur Einhegung der #metoo-Hysterie. Eine empfindliche Schlappe für den „Woke Wahnsinn“ (Julian Reichelt).

Amber Heard

In einer seltsamen Allianz mit der Mackerpresse haben mir Frauen quer durch den gesellschaftlichen Gemüsegarten im Inland und Ausland davon erzählt, wie „falsche Schlange“ und „schlimme Opfer-Inszenierung“ sie Heard und ihr Vorwurfs-Bombardement fanden. Die Rolle des schillernden Ex-Depp-Anwalts Adam Waldman, der den Begriff „Missbrauchsschwindel“ in die Welt setzte, wurde dagegen eher in Insiderkreisen diskutiert. Dabei waren es Erzählungen wie diese, die Heards Vorwurfstableau von häuslicher Gewalt haben implodieren lassen.

Also waren alle blaue Augen von Heard nur aufgeschminkt – und Johnny ist halt ein schwieriger, aber sonst ganz dufter Typ? Die im Prozess relevanten Details waren für meine Gesprächsgegenüber kaum zu durchzuschauen. Ist ja – Schluss endlich! – auch alles nicht so wichtig. Hollywood halt. Der Krieg in der Ukraine ist schlimmer. Was dennoch bleibt, ist ein Gesamtbild. Die höhere Botschaft von Fairfax.

Die – nicht repräsentativen – Aussagen basierten nicht auf einer Fangirl-Motivation (wie etwa bei den Unterzeichnern der Anti-Heard-Petition) sondern womöglich in einer tiefsitzenden Abneigung gegen „diese Art von Frau“. Offenbar haben viele Geschlechtsgenossinnen damit schon mal miese Erfahrungen gemacht, küchenpsychologisch betrachtet.

Die Inanspruchnahme der finalen Wahrheit passt zur dicken Piraten-Hose von Depp

Wahrheit hin, Wahrheit her: Amber Heard hat Jenseits der Ungereimtheiten, die sie und ihr Team bei Depps Verleumdungsklage präsentierte, die fundamental falschen Knöpfe gedrückt.

Was bleibt? Der feixende und feiernde Bierboy Johnny Depp, der sogleich erklärte, dass er mit dem Fairfax-Votum nun sein Leben wieder zurückerhalten habe. „Das Beste kommt noch. Ein neues Kapitel hat endlich begonnen“, heißt sein Credo, garniert mit dem lateinischen Sinnspruch: „Veritas numquam perit“ – Die Wahrheit geht niemals unter
Die Inanspruchnahme der finalen Wahrheit passt zur dicken Piraten-Hose von Depp.

Der Triumph sei ihm gegönnt. Und auch die Prognosen, was für ein Mega-Millionen-mäßiger Neustart ihm nun in diversen Blockbustern ihm bevorstehen könnte, werden in seinen Ohren klingen wie Fanfarentöne.

Nunmehr ins Positive gewendet, war der Prozess – neben all den Psychoschlachten – eine gigantische Marketing-Kampagne auch für einen bestimmten Typ Mann: Der sympathische Arsch hat gewonnen.

EVELYN HOCKSTEIN POOL/AFP via Getty Images