Ein Gitarren-Genie ist Bob Dylans Band beigetreten. Wie lange wird das halten?

Julian Lage tauchte Anfang des Monats ohne Vorwarnung in Dylans Band auf – zur Freude aller Gitarren-Aficionados. Sein Terminkalender spricht aber gegen ein langes Gastspiel.

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Als Bob Dylan am 17. Juni dieses Jahres die Bühne der Santa Barbara Bowl betrat, fehlte Gitarrist Doug Lancio – der seit seinem Einstieg in die Begleitband 2021 keine einzige Show verpasst hatte. An Lancios Platz stand Julian Lage: einstiges Wunderkind, in der Jazz-Community fest verwurzelt, Dozent an der School of Jazz and Contemporary Music der New School in New York, und musikalisch erfahren. Er hat schon mit sehr vielen Musiker:innen von Nels Cline und David Grisman bis Yoko Ono, John Zorn und Bill Frisell zusammengearbeitet.

Julian Lage ist kein Superstar, aber unter Musikern genießt er höchste Wertschätzung – er gilt weithin als einer der talentiertesten und vielseitigsten Gitarristen der Welt. Doch ganz in Dylans Manier wurde dieser bemerkenswerte Neuzugang mit keinerlei Ankündigung begleitet. Lages letzter Instagram-Post – ein Foto des Albums „Kentucky Blues“ des texanischen Blues-Musikers Little Hat Jones – liegt zehn Wochen zurück, und sein surreales Patreon dreht sich um fiktive „ungesendete Briefe“ zwischen historischen Persönlichkeiten, die sich nie begegnet sind. Die jüngsten Einträge zeigen Tennessee Ernie Ford, der an Alfred Hitchcock schreibt, und Eddie Cochran, der sich an Hulk Hogan wendet.

Manche Fans vermuteten, Lage springe lediglich für eine einzige Nacht ein. Doch er war bei den vergangenen sechs Shows dabei, und von Lancio fehlt jede Spur. Dylans Kameraverbot macht es schwer, ordentliches Videomaterial von diesen Auftritten zu bekommen, aber einige unerschrockene Fans haben die Regeln ignoriert und Clips auf YouTube gestellt. Dazu gibt es jede Menge sauberes Audiomaterial. Zusammengenommen zeigt es: Lage setzt eigene Akzente im Material, harmoniert gut mit Mitgitarrist Bob Britt – bleibt dabei aber im Hintergrund und hält sich eng an Dylans Arrangements.

Warum Lancio verschwand

Über die Gründe für Lancios Abgang und Lages plötzliches Erscheinen zu spekulieren ist sinnlos: Keiner der beiden hat sich dazu geäußert, und Dylans Umfeld arbeitet mit strikter Geheimhaltung. Festhalten lässt sich aber: Lancio spielte die ersten sieben Shows von Dylans Long Hot Summer Tour ’26 (so nennen es die offiziellen T-Shirts) in diesem Monat, bevor er nach dem Konzert vom 14. Juni im Greek Theatre in Berkeley, Kalifornien, von der Bildfläche verschwand. Ein solcher Abgang mitten auf Tour ist ausgesprochen selten. Dylan wechselt seine Bandmitglieder zwar regelmäßig – zuletzt kamen und gingen die Schlagzeuger in einer Frequenz, die an Spinal Tap erinnerte –, aber das passiert fast immer zwischen den einzelnen Tourphasen.

Es gibt allerdings Präzedenzfälle. Der Routinier Duke Robillard, der auf Dylans 1997er-Klassiker „Time Out of Mind“ mitgespielt hatte, stieß am 5. April 2013 zur Band und verließ sie irgendwann zwischen der Show vom 30. Juni in Nashville und dem Konzert vom 2. Juli desselben Jahres in Memphis. „[Dylan] fing an, sich sehr seltsam zu verhalten“, sagte Robillard 2025 gegenüber Boston.com. „Ich entschied, dass ich zu alt bin, um mich mit so was zu beschäftigen. Er hat den Ruf, anders und schwierig zu sein, wenn er es will. Ich sagte einfach: ‚Es tut mir leid, aber ich fahre nach Hause.’“

Auf Nachfrage wollte Robillard in jenem Interview nicht ins Detail gehen. „Alles, was ich sagen kann: Das kommt in mein Buch“, erklärte er. „Ich schreibe ein Buch, und das wird ein Kapitel sein … Es ist eine lange Geschichte, sehr komplex. Ich habe etwas getan, das ihm nicht gefiel, und er hätte sich nicht aufregen sollen. Ich kann es einfach nicht erklären. Sie werden warten müssen, tut mir leid [lacht]. Es ist zu seltsam und eine zu lange Geschichte.“

Lages Terminkalender als Problem

Charlie Sexton, der zwischen 1999 und 2002 erstmals in Dylans Band gespielt hatte, übernahm 2013 von Robillard. Er hatte in jenem Sommer aber bereits andere Verpflichtungen mit Court Yard Hounds, einem Nebenprojekt der Chicks. Das führte zu einer kuriosen Situation, in der Sexton in jenem Sommer immer dann bei Dylan auftauchte, wenn sein Kalender es erlaubte, während der kanadische Gitarrist Colin Linden als sein Ersatzmann fungierte.

Auch Julian Lage steuert auf Terminkonflikte zu. Für Dylans Show am 26. Juni in Albuquerque, New Mexico, ist er noch dabei – doch am 29. Juni soll er im Brooklyner Venue National Sawdust auftreten und sein Album „Scenes From Above“ (Anfang dieses Jahres auf Blue Note Records erschienen) mit einem Auftritt und einer Diskussionsrunde vorstellen. Genau an jenem Abend spielt Dylan im Moody Amphitheater in Austin, Texas. Ohne Klontechnik wird Lage dort nicht erscheinen können.

Darüber hinaus hat Lage im Juli und bis weit ins Jahresende – sogar bis ins Jahr 2027 – Verpflichtungen, die ein Vollzeit-Engagement in Dylans Band unmöglich machen. Denkbar wäre eine Art Sexton/Linden-Arrangement, bei dem er immer wieder einspringt. Wahrscheinlich ist das aber nicht. Eher kehrt Lancio zurück, oder ein anderer Gitarrist stößt zur Band.

Ein Kapitel für die Ewigkeit

Egal wie es weitergeht: Lage hat seiner Vita eine beeindruckende Zeile hinzugefügt. Und er wird Dylan-Geschichten zu erzählen haben für den Rest seines Lebens. Bleibt zu hoffen, dass er Tagebuch führt. Ein Buch mit dem Titel „Dreizehn Tage auf Tour mit Bob Dylan“ – das würden wir sehr gerne lesen.

Andy Greene schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil

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