Gourmet-Tipp

Darum müssen Sie jetzt unbedingt kanadischen Whiskey probieren

Manchmal bedarf es des Zufalls, um ein hartnäckiges Vorurteil zu korrigieren. Seit der Autor vor ewigen Zeiten den einst durchaus beliebten Canadian Club als eher langweilig aussortiert hatte, hatte er nie mehr einen Gedanken an kanadischen Whiskey verschwendet. Bis ihm auf der Frankfurter Buchmesse ein aufstrebender Schriftsteller über den Weg lief: Sven Heuchert hatte soeben seinen ersten Roman, „Dunkels Gesetz“, veröffentlicht, galt als Geheimtipp der Country-noir-­Szene und – nicht nur seines buschigen Vollbarts und seines rustikalen Outfits wegen – als eigenwillig.

Tatsächlich taxierte Heuchert mich eine Weile, ehe er einen Flachmann zückte und mir einen Schluck anbot. Nicht weniger eigenwillig schmeckte, was sich wie sanft brennendes Öl im Rachen ausbreitete. Das Zeug erinnerte an Bourbon, nur komplexer, mildherb und ohne die erdenschwere Süße der meisten Südstaaten-Whiskeys. „Caribou Crossing Sin­gle Barrel!“ – „Okeee?“ – „Canadian“, klärte Heuchert auf. „Selbst mitgebracht. Schwer zu kriegen hier.“

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So entspann sich ein Gespräch, das zwischen Schnapsvorlieben und Lieblings­autoren mäanderte und in dessen Verlauf sich herausstellte, dass Heuchert nicht einfach ein Faible für ausgefallene Whiskeys hatte, sondern ein inniges Verhältnis zu Kanada pflegte. In den endlosen Wäldern des Nordostens, wohin sein Schwieger­vater ausgewandert war, ging er oft auf die Jagd; dort fand er die Inspiration für seinen nächsten Roman. In diesem geht es –natürlich – um die Jagd, um einen Mann, dessen Leben nach dem Tod seines Sohnes auseinanderfällt. Da es bis zum Erscheinen noch eine Weile hin war, verabredeten wir uns auf ein Whiskey-Tasting, zu dem er schließlich diesen Sommer in seinen Garten bat.

Südliche Süße des Roggens

Stilecht hatte Heuchert im Smoker ein paar Rippchen vom selbst erlegten Wildschwein gegart, und nachdem diese vertilgt waren, kam der erste Canadian auf den Tisch. Lot 40, benannt nach dem Grundstück in Millhaven/Ontario, auf dem der Pionier Joshua Booth, der nach dem Bürgerkrieg nach Kanada emigriert war, seinen ersten Whiskey brannte. Lot 40 ist ein reiner Roggenwhiskey, zehn Prozent werden zur Aromenverstärkung gemälzt. Das Resultat ist ein straighter Brand, der von der Trockenheit und Würze des Roggens dominiert und durch eine leicht karamellige Süße gemildert wird. Sehr ausgewogen, sodass, wie Heuchert mit einem Smirk hinzufügte, auch die Hipster in Toronto heiß darauf seien.

Als Gegenpol offerierte er einen Pike Creek Rye, der zu 100 Prozent aus Mais gebrannt wird und in alten Rumfässern sein Finish erhält, was ihn zu einem eher feinwürzig-süßen Erlebnis macht. Als Drittes kam ein Collingwood, der – obwohl er auf dem klassischen amerikanischen Rezept von Mais, Roggen und Gerste basiert und vom Jack-Daniel’s-Masterblender verantwortet wird – als besonders kanadisch gilt, weil er mit Ahornspänen ausgebaut wird. Der vierte schließlich, Dark Horse, stellte eine besondere Herausforderung dar, weil es zwei Ingredienzen herauszuschmecken galt, an denen der Autor jedoch krachend scheiterte. Die schwere Südstaaten-Süße, meinte Heuchert, resultiere daraus, dass ihm nicht nur acht Prozent US-amerikanischer Bourbon zugesetzt wird, sondern auch ein Prozent reiner Sherry, weshalb das Ganze am ­Ende schmeckte wie ein Kuss zwischen Scarlett O’Hara und Rhett Butler.

Entsprechend dem toleranten Nationalcharakter Kanadas gibt es auch beim Whiskey kaum Vorschriften, die die Kreativität der Brenner und Blender einschränken. Deshalb dürfen auch jene Whiskeys Rye genannt werden, die gar keinen Roggen enthalten. Aber da die kanadischen Destillerien gemeinhin verantwortungsvoll mit ihrer Freiheit umgehen und zudem keinerlei künstliche Farbstoffe beimischen, führt man sich fast immer ein reines Naturprodukt zu.

Zum Schluss des Abends kredenzte Heuchert einen besonders seltenen Tropfen: einen in der kleinen, aber feinen Copperhead-Destille in Ontario erstandenen Magnetawan Rye Moonshine, ein reiner Roggenbrand, der sanft wie eine kräuselnde Welle über die Zunge glitt, ehe er – der Prosa des Autors angemessen – im Rachen eine gewaltige Explosion entfachte.


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