Kevin Spaceys „Krankheit“ löst keine Versicherungszahlung aus – Jury entscheidet gegen „House of Cards“-Produktionsfirma
Eine Jury hat entschieden, dass Kevin Spaceys „Krankheit“ nicht der ausschlaggebende Grund für die Verluste der Produktionsfirma war – und die Versicherung damit aus dem Schneider ist.
Eine Versicherungsgesellschaft muss nicht zahlen: Eine Jury hat entschieden, dass Kevin Spaceys mutmaßliches Verhalten am Set von „House of Cards“ sowie seine anschließende Diagnose „sexuell zwanghaftes Verhalten“ in einer Reha-Klinik im Jahr 2017 nicht der „wichtigste“ Grund dafür waren, dass die Serienmacher Verluste erlitten, als sie die Produktion stoppten und ihn aus der letzten Staffel herausschrieben.
Nach eineinhalb Tagen Beratung kamen die Geschworenen zu dem Schluss, dass die Produktionsfirma Media Rights Capital nicht beweisen konnte, dass Spaceys „Krankheit“ während der sechsten Staffel „die vorherrschende Ursache“ dieser Verluste gewesen sei. In Interviews nach dem Urteil erklärten die Jurymitglieder, die Beweise hätten zwar gezeigt, dass Spacey tatsächlich eine anerkannte Diagnose einer versicherten Erkrankung erhalten habe – doch andere Faktoren seien für den angeblichen Schaden von 29,5 Millionen Dollar ausschlaggebender gewesen.
„Ich glaubte nicht, dass seine Krankheit der ‚vorherrschende‘ Grund für den Verlust war. Ich denke, es war der Reputationsschaden und die schlechte PR“, sagt die 29-jährige Geschworene Olivia Osborne gegenüber ROLLING STONE. „Als [Netflix-Co-CEO] Ted Sarandos diese E-Mail schickte, in der er erklärte, Kevin Spacey sei erledigt, wussten sie noch gar nicht, was seine Krankheit war.“
Die entscheidende E-Mail
Osborne bezog sich auf eine interne E-Mail von Netflix-Co-Chef Ted Sarandos vom 2. November 2017, die ein zentrales Beweisstück für den Versicherer Fireman’s Fund darstellte. Sarandos schickte die Nachricht, nachdem Spacey in aufeinanderfolgenden Artikeln von „BuzzFeed News“ und CNN im Oktober 2017 des sexuellen Fehlverhaltens beschuldigt worden war – just in dem Moment, als die #MeToo-Bewegung an Fahrt gewann.
„Es gibt kein Szenario, in dem Kevin Spacey in irgendeiner Version einer letzten Staffel der Serie auftreten wird“, schrieb Sarandos in der kurzen Nachricht, die während des Zivilprozesses im kalifornischen Santa Monica wiederholt zitiert wurde. Spaceys formelle Diagnose „sexuell zwanghaftes Verhalten“ wurde indes erst im psychiatrischen Abschlussbericht festgehalten, der ausgestellt wurde, als Spacey am 16. Dezember 2017 aus der Klinik The Meadows entlassen wurde. Spacey sagte persönlich aus, las aus seinen Entlassungsunterlagen vor und erklärte, er habe keine medizinische Grundlage, die Diagnose anzufechten – auch wenn er ihr nicht zustimme.
Zwei weitere Geschworene, die anonym bleiben wollten, bestätigten, dass das Verfahren letztlich am Begriff „vorherrschend“ gehangen habe, der als notwendiges Element in der ersten Frage des Urteilsformulars aufgeführt war. „Das war der Knackpunkt. Wir waren der Meinung, dass es eine Reihe von Ursachen gab und seine ‚Krankheit‘ nicht die wichtigste war“, sagte eine der Frauen, die Vorsitzende der Jury, gegenüber ROLLING STONE.
Geschworene zweifeln an Spaceys Auftritt
„Wir alle fanden, dass Spacey die Kriterien für eine ernsthafte Erkrankung erfüllte: zwanghaftes Sexualverhalten. Aber einige dachten, er hätte seine Aufgaben trotzdem noch erfüllen können“, sagte eine andere Geschworene und fügte hinzu, sie sei von Spaceys persönlicher Aussage, in der er seine formelle Diagnose bestritt, nicht überzeugt worden. „Er war sehr auf Effekt bedacht. Es war, als würde er flirten und versuchen, Augenkontakt mit uns herzustellen. Er versuchte, witzig zu sein, aber dabei enthüllte er sich eher selbst. Er schien in einer Welt der Verleugnung zu leben.“
In den Schlussplädoyers der Vorwoche hatte MRC argumentiert, Spaceys „psychische Erkrankung“ habe ihn zu einer Gefahr am Set gemacht und seine Entfernung unausweichlich gemacht. „Spacey war krank, und seine Krankheit verhinderte zwangsläufig, dass er seine Pflichten erfüllen konnte“, sagte MRC-Anwalt Adam Ziffer. „Mr. Spacey konnte nicht zurückgebracht werden, weil er ein dauerhaftes Risiko für die Besetzung und die Crew von ‚House of Cards‘ darstellte. … MRC hätte sich einer massiven Haftung ausgesetzt, wenn es Mr. Spacey zurück ans Set gebracht hätte.“
Leon Gladstone, ein Anwalt des Versicherers, argumentierte, „die eigentliche Ursache des Schadens war ein Verhalten, das an die Öffentlichkeit gelangte.“ Er sagte, Bedenken hinsichtlich Spaceys Verhaltens gingen bis zur ersten Staffel der Serie im Jahr 2012 zurück, als ein Produktionsassistent dem Schauspieler vorwarf, einen anzüglichen Kommentar gemacht und seinen Gürtel berührt zu haben. Die Produzenten hätten die Vorwürfe untersucht, die Serie aber fortgesetzt, so Gladstone – und ergänzte, dass die Verantwortlichen 2017 anders reagiert hätten, weil die Anschuldigungen damals nationale Aufmerksamkeit erregt hatten.
Der Kontext: #MeToo und Hollywood
Wochen nachdem die „New York Times“ im Oktober 2017 ihre bahnbrechende Recherche über Harvey Weinstein veröffentlicht hatte, die eine umfassende Aufarbeitung sexuellen Fehlverhaltens in Hollywood auslöste, berichtete der Schauspieler Anthony Rapp gegenüber „BuzzFeed News“, Kevin Spacey habe sich ihm 1986 sexuell genähert – damals war Rapp 14 Jahre alt. Wenige Tage später berichtete CNN von den Schilderungen acht anonymer „House of Cards“-Crewmitglieder, die Spacey vorwarfen, sich räuberisch verhalten zu haben – darunter der Vorwurf, einen Handschlag initiiert und die Hand der betreffenden Person dann in Richtung seines Schritts gezogen zu haben.
Spacey, 66, sagte aus, er habe die Behandlung in The Meadows zu einer Zeit aufgesucht, als sein „Leben sich anfühlte, als würde es zusammenbrechen“. Er habe Fragen zu seinem Verhalten und seinen persönlichen Grenzen klären wollen, erklärte er. Teile seiner Krankenakte bestritt Spacey und wies einige der dort beschriebenen Handlungen von sich.
„Ich kann Ihnen sagen, dass in den Krankenakten Aussagen auftauchen, die mir zugeschrieben werden, die ich nie gemacht habe“, sagte er mit erhobener Stimme. Die Narrativnotizen der Ärzte enthielten offensichtliche Ungenauigkeiten, so Spacey. „Sie gehen davon aus, dass ich einen britischen Akzent habe und eine Frau“, sagte der unverheiratete, offen schwule Schauspieler. „Die haben es mit 29 anderen Männern zu tun. Ich habe keine Ahnung, wie die ihre Notizen führen.“
Vorgeschichte und frühere Urteile
Der Versicherungsstreit folgte auf frühere Verfahren zwischen Spacey und MRC. Ein Schiedsrichter befand Spacey für Verluste in Höhe von 31 Millionen Dollar haftbar – eine Summe, die später im Rahmen eines Vergleichs auf 1 Million Dollar reduziert wurde, der an seine Bereitschaft geknüpft war, auszusagen und Krankenakten im Versicherungsfall offenzulegen.
Beim Prozess argumentierten MRCs Anwälte, Spacey verleugne seinen Zustand nach wie vor, und verwiesen auf seine jahrelange Weigerung, Krankenakten herauszugeben, sowie auf seine Aussage, er sei kein Sexsüchtiger. Der Versicherer bestand darauf, er sei durchaus in der Lage gewesen aufzutreten und hätte zurückkehren können, um die Serie abzuschließen.
Im Jahr 2022 befand eine Jury am Bundesgericht in Manhattan die Beweise für unzureichend, um Spacey für Rapps Vorwürfe haftbar zu machen. 2023 wurde er in London von Vorwürfen des sexuellen Übergriffs gegen vier Männer freigesprochen. Vergangene Woche berichtete die BBC, Spacey habe außergerichtliche Einigungen mit drei Männern erzielt, die ihn des sexuellen Fehlverhaltens beschuldigten – mehrere der Vorwürfe standen im Zusammenhang mit seiner Zeit als künstlerischer Leiter des Old Vic Theaters in London von 2004 bis 2013. Die Vergleiche kamen zustande, als Spacey auf einen Zivilprozess am Londoner High Court wegen dieser Anschuldigungen zusteuerte.