Kreayshawn und Stooshe: Die Krawallschwestern

Die Red Hot Chili Peppers müssen verwirrt gewesen sein, denn mit dieser Entscheidung bewiesen sie Geschmack. Als sie 2011 ein Video für ihre Single „The Adventures Of Rain Dance Maggie“ brauchten, beauftragten die Protzfunker die damals 21-jährige Natassia Zolot aus San Francisco. Rapperin und Gelegenheitsregisseurin, einem kleinen Kreis unter dem Künstlernamen Kreayshawn bekannt. Ihr „Rain Dance“-Clip wurde bunt und vieldeutig: Einem Nerd werden im Club sonderbare Tropfen in den Drink geschüttet, er halluziniert Ziegenböcke, einen Indoor-Regenschauer und diverse computeranimierte Knallköpfigkeiten.

Der Band gefiel das Ergebnis so gut, dass – sie es nie veröffentlichte. Als Ersatz ließ man ein stinklangweiliges Dachkonzertvideo anfertigen, bei dem zwei Mitglieder ihre Oberkörper zeigen konnten. Kreayshawn hat es verkraftet. Ihr erster eigener Hit war damals schon online, der brummfiepsende Rapkaugummi „Gucci Gucci“, der es heute auf über 35 Millionen Youtube-Durchläufe gebracht hat und ihr einen komfortablen Plattenvertrag verschaffte: Mit einer riesigen pinken Schleife auf dem Kopf und einer brilletragenden Bitch-Sister an der Seite (Lil Debbie von der gemeinsamen Crew White Girl Mob) sieht man sie im Clip durch die Einkaufsstraße laufen und den markentreuen Mädchen ihre Handtaschen madig machen: „Gucci Gucci, Louis Louis, Fendi Fendi, Prada, basic bitches wear that shit so I don‘t even bother!“

Die Frau mit dem Anti-Style-Stil, konsumkritisch und trotzdem spaßbereit. Den Pöblern blieb nur das Totschlagargument, hier produziere sich ein weißes Töchterchen als schwarze Pseudo-Gangsterbraut.

Dabei ist Kreayshawn – die in anderen Videos mit Kuscheltieren hantiert, zur Comicfigur wird und nun ihr Debütalbum „Something ‚Bout Kreay“ veröffentlicht – viel mehr ein Gesicht der neuen, verspielteren, oberflächlich infantilen, aber kaum naiven Generation von Pop-Rapperinnen. Einer extrem losen Clique, die jedem ungefilterten Glamour und allen Authentizitätsgesten fern steht, allerdings auch der radikalen Politik. Und die dem einige Zeit lang universell präsenten Vorbild Lady Gaga völlig entgegenläuft. Ohne sich explizit zu distanzieren.

Wenn, dann scheint hier eher Nicki Minaj ihre Spuren hinterlassen zu haben, der alberne, sinnlos schrille, dafür weniger monströse und musikalisch anerkannte Gaga-Gegenpart. Dass Minaj unter ihren weiblichen Fans pinkfarbene Verkleidungswellen und das mutige Tragen unvorteilhafter Mode auslöst, war letztens auch beim einzigen Deutschlandkonzert in Berlin zu sehen. Im Vergleich zur oft kalten, androgynen Gaga scheint die Neon-Barbie eher als animierenderes Rollenmodell zu wirken. Vielleicht weil sie nahbarer, nachvollziehbarer wirkt. Oder weil schwarze Leggings und pinke Perücken leichter nachzukaufen sind als rohes Fleisch.

Junge Rapperinnen wie Brianna Perry, Angel Haze, Lady Tragik oder Iggy Azalea würden es abstreiten – aber der Minaj-Spirit und die entsprechend grelle Krawallnudeligkeit färbt derzeit vieles, was aus der notorisch lebendigen Pop-Girl-Ecke kommt. In Großbritannien feiert das Mädchentrio Stooshe Top-Ten-Erfolge, das Ende Oktober sein erstes Album bringen wird: eher auf der Soulseite gepflanzt, erfreulich weit weg von der Adele-Pastiche, und mit bunter Schreckschrauben-Attitüde den US-Rap-Komplizinnen sehr nah. Ihre Single „Love Me“ gibt es auch in einer Prä-Plattenvertrag-Version – unter dem Titel „Fuck Me“. Ein wenig glaubt man, bei Stooshe sogar das abgründig Vulgäre der verstorbenen Amy Winehouse widerhallen zu hören. Einer Sängerin, die von Kreayshawn explizit in einem Song gegrüßt wird.

Natürlich gab es auch schon ausreichend Streit unter den Newcomerinnen. Azealia Banks twitterte Böses über Kreayshawn (dass sie keine echte Rapperin sei) und Nicki Minaj (hat außer Arsch und Titten nix zu bieten), Kreayshawn lästerte auch über die Megastar-Schwester-im-Geiste: „Nickis Botschaft an junge Frauen ist, dass sie niedliche Puppen werden sollen.“ Dass sie keine größeren Probleme haben, ist das einzige enttäuschende an der Welle der bissigen Pop-Barbies.


Die besten Songs aller Zeiten: „Paint It Black“ von den Rolling Stones

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