Freiwillige Filmkontrolle


Laurie Anderson über ihre erste Begegnung mit Kunst-Star Julian Schnabel


von

Von LAURIE ANDERSON

Es ist Anfang Juni, und die Welt zerfällt in Stücke. Wir unterhalten uns am Telefon über den jüngsten Polizeimord an Rayshard Brooks in Atlanta und die Iandes- und weltweiten „Black Lives Matter“-Kundgebungen. Julian schickt mir Gedanken für eine Arbeit zum Thema Verbrechen, darunter Antonin Artauds Text über van Gogh, „Der Selbstmörder durch die Gesellschaft“, mit einer Abbildung von Julians erstem Tellerbild, The Patients and the Doctots. Wir fragen uns: Was können wir tun?

Es ist Juni 2020 und in New York ist noch immer alles geschlossen. Etliche Läden und Restaurants in unserem Viertel sind mit Brettern vernagelt. Mir fällt es schwer, diese Kurzgeschichte über meinen Freund zu schreiben. Ich lasse mich von der Ausnahmesituation immer wieder völlig vereinnahmen. Liegt es an der Pandemie, dass ich das Leben aus der Entfernung wahrnehme, als Panorama verlorener Orte und längst verstorbener Menschen?

Das Telefon klingelt, es ist Julian, und er liest mir aus seinem Manuskript „ln the Hand of Dante“ vor. Die Pandemie dauert an, doch Julian schreibt, überarbeitet Drehbücher, malt. „Ich vermisse Shooter, ich habe ihn seit Monaten nicht gesehen“, sagt er und schickt mir ein Video von seinem sechsjährigen Sohn Shooter, der langsam einschläft, während er ihm auf FaceTime vorliest.

In diesem Sommer hat ein neues Gemälde eines großen blinden Mädchens keinen lila Streifen über den Augen mehr. Diesmal hat sie gar keine Augen. Wo die Augen gewesen wären, verläuft nur eine lange Narbe. Ich habe das neue Bild vor ein paar Tagen in Julians Freiluftatelier gesehen, das er in Montauk gebaut hat. Das Bild handelt nicht nur von der Blindheit der Weißen, sondern allgemein von Augen, die man nicht hat.

Alte Zeiten

Ich muss Julian ungefähr zu der Zeit kennengelernt haben, als er am Whitney Independent Study Program bei Ron Clark und Yvonne Rainer teilnahm. Ich erinnere mich noch an einen Kreis aus Klappstühlen, an Leute, die auf Fensterbrettern saßen, und an intensive Diskussionen über Politik und über abstrakte Ideen wie the edge. Julian war gerade aus Texas eingetroffen und war der einzige Maler im Programm, dem die Behauptung, die Malerei sei tot, nichts auszumachen schien. Er war dabei, New York wiederzuentdecken, und der andere Teil seiner Ausbildung folgte jede Nacht ab ein Uhr in Mickey Ruskins Max’s Kansas City, einer Künstlerbar.

Dort wurde der junge Julian über seinen ersten und besten New Yorker Freund, Bob Williamson, in die Welt der bedeutenden New Yorker Künstler eingeführt. Er lernte Robert Smithson, Richard Serra, Willern de Kooning, Blinky Palermo, Brice Manien, Neil Williams, Larry Poons und John Chamberlain kennen, um nur einige zu nennen.

Wir lebten in unterschiedlichen Welten, ich erholte mich gerade von minimalistischer Skulptur. Wir umkreisten einander in der Gesellschaft gemeinsamer Freunde – Gordon Matta-Clark und Susan Ensley, Dickie Landry, die Galerien von Leo Castelli und lleana Sonnabend am West Broadway Nr. 420, Trisha Brown, Philip Glass, John Chamberlain , Vito Acconci und Maleolm Morley. Es waren die späten 1970er Jahre, und New York war wie heute dunkel und geheimnisvoll. In SoHo wohnten wir in verlassenen Gebäuden – die Zukunft war ungewiss.

Die Künstler begannen jedoch, in großen Dimensionen zu denken. in sehr großen. Jeder, den ich kannte, schien an einer Oper zu arbeiten. Man begegnete sich am West Broadway, immer in Arbeitsschuhen und Malkleidern, und fragte: „Was macht deine Oper?“ „Alles gut, und deine?“ Nur wenige von uns machten wirklich Opem , auch wenn wir sie trotzdem so nannten. Julian war damals einer der Künstler, die völlig neue Maßstäbe schufen, eine eigene Ikonografie, eine seltsame Bildwelt, mit einer ungeheuren Energie. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch keine Galerie, nur wenige hatten seine Arbeit gesehen. Er malte ein Bild mit einem toten Hund auf metallgrünem Grund, daneben die Worte „Zeichne eine Familie“.

Eines Tages lud er die Galeristin Paula Cooper zu sich ein, die nur sagte: „Ich habe bereits einen Hundemaler in der Galerie.“ Das war Jonathan Borofsky. Jedenfalls kannte ich Julian damals kaum, aber meinem engen Freund Gordon Matta-Clark waren seine Bilder im Atelier seiner Freundin Susan Ensley aufgefallen, wo Julian arbeitete. Er empfahl ihn Holly Solomon, die als erste ein Bild von Julian in New York ausstellte. Das war einige Jahre später und Julian malte keine Hunde mehr, sondern Jack the Beflboy.

Unsere Wege kreuzten sich hin und wieder, aber erst ungefähr 25 Jahre später, als mein Mann Lou Reed und ich 1989 auf die gegenüberliegende Straßenseite von Julian ins West Village zogen, wurden er und ich richtige Freunde.

Wir fühlten uns verloren in den bedrohlichen Räumen, die wir in einem ehemaligen Frauengefängnis gefunden hatten. Lou hatte gute Design-Ideen und suchte einige ungewöhnliche Lampen aus. Er bat Julian um Rat. Julian brachte uns einen Mast, der zu einem Treppengeländer wurde, marokkanische Türen, die ein balkonartiges Schlafzimmer abgrenzten, und wandelte das Wohnzimmer zu einem Shakespeare’schen Innenhof um, mit mehreren Vorhängen aus dickem rotem Samt, die über zwei Stockwerke reichten und sich auf den stillen Hudson River öffneten.

Durch Julians Nachbarschaft fühlten wir uns im West Village heimisch. Nach Monaten der Isolation denke ich daran, wie sehr ich es liebte, durch das nächtliche New York nach Hause zu gehen und oben im riesigen rosafarbenen Palazzo Chupi helle Lichter zu sehen. Ich erinnere mich noch an Julians Mode l aus lauter gestapelten Pappkartons für das neue Gebäude. Während es mit seinen Balkons, Arkaden, Zinnenbögen heranwuchs – wie ein fantastisches Märchen –, bewahrte es sich die Aura einer kindlichen Vorstellung.

Auszug aus: „Ich kannte ihn kaum und dann oder die Migration des Schnabeltiers nach Australien“ (Alle Bilder: Taschen)

Julian Schnabel macht aus dem Leben Kunst: Er malt auf alltäglichen mit deren eigener Vergangenheit aufgeladenen Materialien, dreht Filme, die Künstler und andere Helden porträtieren oder verwirklicht seinen Traum von einem venezianischen Palast in New York. Der großformatige Band, der in limitierter Auflage beim Taschen-Verlag erscheint, entstand in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler und bietet die Möglichkeit, Schnabels Kunst auf eine Weise zu erfahren, die ansonsten nur in der persönlichen Begegnung mit den Werken möglich ist.

Julian Schnabel
Edition von 1.000 Exemplaren
Hardcover in Schlagkassette, 33 x 44 cm, 7,83 kg, 570 Seiten,
nummeriert und von Julian Schnabel signiert
€ 750
TASCHEN.com


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