Leonard Cohen – „Songs Of Love And Hate“


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Das Sujet von Cohens brennenden Betrachtungen ist mit dem Titel natürlich klar umschrieben: Lieder über Liebe und Hass, jenen siamesischen Zwillingen, die kein Mensch zu trennen vermag, geschweige denn soll. Wer es versuchte, musste scheitern, damals wie heute. Das sage ich mit allem Respekt, denn die Schlacht um Frau und Verstand liefert schließlich die schönsten Motive zum Leiden und Finstermalen. Aber es strengt an.

Schon das Cover der LP macht bange. Cohen sieht aus wie ein in die Enge getriebener Irrer. Er lächelt, aber das der Sänger zu der Zeit noch im Morast aus Drogen und Alkohol steckte, passt zu dem entrückten Bild. Nicht alle Hörer wollten und konnten die schroffe Atmosphäre mitfühlen. Leonard Cohen wurde, als die Platte 1971 erschien, von der Musikpresse für diese acht Songs abfällig als „Barde aus dem Einzimmerappartment“ verspottet und galt nicht nur den Süchtlingen als Komponist für die paar Minuten vor dem letzten Schuss.

Vielleicht war und ist dieses Labyrinth aus Religion und Knarre aber auch nur zu schwer zu dechiffrieren. Der notorische Cohen-Nachsteiger (und Biograph) Christoph Graf hat es trotz endloser Gespräche mit dem Dichter bis heute nicht geschafft.

Lesen also, um das Bild vom Bild zu verstehen. Oder auch: Ein Künstler ist nur dann ein guter Künstler, wenn er übertreibt. Eine Prämisse, die Cohen natürlich erfüllte: „Well I stepped into an avalanche, it covered up my soul/ When I am not this hunchback that you see, I sleep beneath the golden hill/ You who wish to conquer pain, you must learn, learn to serve me well.“ Der Song heißt „Avalanche“, und man kann so etwas auch bescheidener ausdrücken. Zum Glück hält sich Cohen am Einfachen nicht auf. Schöner leiden, die Erste.

Doch richtig außerordentlich wird das Ganze erst im unbeschreiblichen „Dress Rehearsal Rag“. Es ist wie in Kafkas „Die Verwandlung“, doch ist Cohen nicht zum Insekt mutiert, sondern plötzlich untrennbar an seine eigene Erbärmlichkeit gefesselt. Ein Abgesang, und der Sänger ist ganz und gar nicht auf Kurs: „Four o’clock in the afternoon and I didn’t feel like very much/ I said to myself, „Where are you golden boy, where is your famous golden touch?“/ (..)/ Just take a look at your body now, there’s nothing much to save/ And a bitter voice in the mirror cries, Hey, Prince, you need a shave“. Und dann kommt der unglaublichste Vers, der jemals auf einer Schallplatte zu hören war: „Don’t drink from that cup/ It’s all caked and cracked along the rim/ That’s not electric light, my friend/ That is your vision growing dim.“

Verstärkt wird diese zwielichtige Atmosphäre durch die Streicherarrangements von Paul Buckmaster. Anders als bei den vorigen beiden Alben legte Cohen dieses Mal mehr Wert auf eine raue, gleichwohl nachdrücklichere Instrumentierung.

Und auch das Songwriting gelang ihm vielleicht nie wieder so gut wie auf „Love And Hate“. „Famous Blue Raincoat“, das Cohen auch heute noch gerne live spielt, hätte gar ein Hit werden können. Der nicht gute Sänger Leo Sayer machte aus der Melodie ein Stück names „When I Need You“ und hatte damit prompt seinen ersten und größten Erfolg. Let‘ sing another song boys, this one has grown old and bitter.

Eine Platte, die den Morgen unter Tage beginnt und auch gar nicht erst ans Licht will. Die man besser nicht nachts hört, denn nachts regiert die sinnliche Halbwelt und macht alles noch undurchsichtiger. Eine Platte, die hunderte von Erfahrungen ersetzt und an Intensität und morbidem Wahnsinn nie wieder überboten wurde. Wer sich darauf einließ, erlebte sein graues Wunder.

Columbia, 1971