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Die Streifenpolizei - der Podcast für Film & Serien vom Rolling Stone & Musikexpress

Life in Tokio – wie das Erdbeben vom 11. März 2011 Japan verändert hat

Tokio, im Februar. Als uns das Erdbeben aus unseren Büros geschüttelt hatte und wir draußen auf der Straße darauf warteten, dass der Boden unter uns endlich aufhören würde zu schwanken, dachten wir, das lange befürchtete große Beben hätte Tokio getroffen. Bald aber sagten uns unsere Mobiltelefone, dass das Epizentrum ganz weit weg war und die Stadt mit Erschütterungen der Stärke 5 oder 6 davongekommen war; stark genug freilich, uns einen Schrecken in den Leib zu jagen, der bis heute anhält. Wer hat schon je 50-Stockwerke-hohe Bürotürme hin- und herschwanken sehen?

Triumph der Ingenieure, haben die Wolkenkratzer die enormen Schockwellen doch unbeschadet überstanden. Auch dem neuen Fernsehturm Tokios konnte das Erdbeben nichts anhaben. Der gerade vollendete Sky Tree ist über einen halben Kilometer hoch, 634 Meter genau, und schwankte nur, seinem Namen alle Ehre machend, wie ein Baum im Wind. Obwohl das Erdbeben auch in Tokio stärker war als irgendeins, an das sich hier jemand erinnert, waren die Schäden an Gebäuden gering. Die Antenne des Tokio Tower – des alten Fernsehturms, der nur halb so hoch ist wie der Sky Tree – hat sich verbogen, und das Dach der Muza Kawasaki Symphony Hall stürzte ein. Gemessen an der Verwüstung im Katastrophengebiet sind das Bagatellen, und die Zerstörung dort hat ja weitgehend die Tsunami, nicht das Monsterbeben angerichtet. Die japanischen Architekten und Bauingenieure haben es gelernt, für Erdbeben zu konstruieren. Das ist beruhigend für alle, die in dieser Riesenstadt leben.

Allein, seit dem großen ostjapanischen Erdbeben gelingt es vielen nicht, die Beklemmung völlig abzuschütteln, die uns damals überkam. Denn das Erdbeben ist noch immer da. Nachts weckt es uns, und tagsüber lässt es plötzlich die Jalousien am Fenster klappern. Manchmal hört man nur ein Knarren im Gebälk oder in den Stahlverstrebungen des Gebäudes, manchmal spürt man einen kleinen Stoß. In der U-Bahn, im Aufzug denkt man gelegentlich, ach nein, bitte nicht jetzt. Aber wäre es besser, wenn man gerade über eine Brücke fährt oder eine Überführung unterquert? Manche Menschen können ihren Sinnen nicht mehr trauen, nicht mehr zwischen tatsächlichen und eingebildeten Erdstößen unterscheiden. Sie fühlen sich wie im Delirium tremens, leiden unter Orientierungslosigkeit und Schlafstörungen. Die Fälle klinischer Depression haben sich in der Folge der Katastrophe gehäuft. Das Beben ist unter uns, im doppelten Sinne des Wortes.

Kooperation

Seit dem 11. März hat die Erde nicht aufgehört zu beben. Bis Ende Januar gab es in Japan knapp 600 Beben der Magnitude 5 oder stärker, davon 96 der Magnitude 6 und sechs der Magnitude 7 oder stärker. Wer die Webseite des japanischen Wetteramts (http://www.jma.go.jp/en/quake/) aufschlägt, kann ständig beobachten, wo gerade die Erde bebt. Nicht nur nach dem eigenen Gefühl, sondern auch nach Auskunft der Wissenschaft ist der Boden unter unseren Füßen instabiler geworden. Seismologen der Universität Kyoto haben während und nach dem Beben vom 11. März gesammelte Daten ausgewertet und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Wahrscheinlichkeit eines starken Erdbebens im Großraum Tokyo durch die Katastrophe signifikant zugenommen hat.

Wann es kommt, weiß niemand. Aber auch wenn wir im Alltag nicht ständig an das Erdbeben denken, ruft es sich doch in kurzen Abständen selbst in Erinnerung. Mobiltelefone sind hierzulande mit einer Erdbebenwarnung ausgerüstet. Überall, wo Menschen zusammenkommen, schaut über kurz oder lang immer jemand auf sein Display, um zu verkünden: ein Zweier hier oder ein Dreier dort.

Ende Januar 2012 prognostizierte das seismologische Institut der Universität Tokio, dass die Hauptstadt in den nächsten vier Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent von einem Erdbeben mindestens der Stärke 7 getroffen wird. Denn in den sechs Monaten nach dem 11. März wurden in Tokio 343 M-3-Beben registriert, gegenüber 47 der gleichen Stärke im vorausgegangenen halben Jahr. Nach dieser Theorie wächst die Wahrscheinlichkeit eines großen Bebens mit der Zunahme kleinerer Beben. Das ist etwas für Spezialisten, aber es steht in der Zeitung und wird in Verlautbarungen der Regierung bekannt gemacht. Was bedeutet es für unseren Alltag? Irgendwie müssen wir uns dazu verhalten. Mehr Wasser, Konserven, Bargeld für den Notfall zuhause lagern. Das Auto vollgetankt halten. Fluchtwege bedenken. Ob das hilft, wird der Ernstfall zeigen. Einstweilen bebt die Erde weiter. 

Florian Coulmas ist seit Oktober 2004 Direktor des Deutschen Instituts für Japanstudien in Tokio. Außerdem arbeitet er als Journalist und Schriftsteller. Seine letzte Veröffentlichung war, gemeinsam mit Judith Stalpers: „Fukushima. Vom Erdbeben zur nuklearen Katastrophe“ (C.H.Beck, 12,95 Euro)

                                                                              


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