Jury urteilt: Live Nation hat als Monopol agiert

Live Nation wurde im Kartellrechtsverfahren für haftbar befunden. Die Folgen könnten von hohen Schadensersatzzahlungen bis zur Zerschlagung des Konzerns reichen.

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Live Nation ist im mit Spannung erwarteten Kartellrechtsverfahren für haftbar befunden worden – ein bemerkenswertes Urteil, das die Live-Entertainment-Branche grundlegend verändern könnte, wie die „New York Times“ berichtet. Die Jury beratschlagte vier Tage lang, bevor sie zu dem Schluss kam, dass das Unternehmen als Monopol gegen das Kartellrecht verstoßen hat.

Den mehr als 30 Bundesstaaten, die gegen Live Nation und Ticketmaster klagten, gelang es schließlich, die Jury davon zu überzeugen, dass der Konzern durch seine marktbeherrschende Stellung im Ticketing, bei der Konzertvermarktung und im Venue-Betrieb ein Monopol darstellt. Die klagenden Staaten argumentierten, Live Nation habe Künstler und Veranstaltungsorte durch Drohungen und Vergeltungsmaßnahmen dazu gedrängt, ihre Dienste zu nutzen. Zu den konkreten Vorwürfen gehörte, dass Live Nation lukrative Konzerttourneen von Venues zurückgehalten habe, die keine Exklusivverträge mit Ticketmaster abschlossen – und dass Künstler nur dann in Live-Nation-eigenen Amphitheatern auftreten durften, wenn sie gleichzeitig die Konzertpromotion-Dienste des Unternehmens in Anspruch nahmen.

Eine genaue Strafe steht noch aus, doch die Konsequenzen könnten von hohen Schadensersatzzahlungen bis zur möglichen Zerschlagung von Live Nation und Ticketmaster reichen. Wahrscheinlich ist auch, dass Live Nation das Urteil anfechten wird – womit sich der Fall noch mehrere Jahre hinziehen könnte.

Historisches Urteil gegen Live Nation

Eine Stellungnahme von Live Nation lag zunächst nicht vor.

Dennoch ist das Urteil ein historisches und markiert den bislang bedeutendsten Versuch, ein Unternehmen in die Schranken zu weisen, das die Live-Musikbranche, den Sport und andere Veranstaltungssektoren seit mehr als 15 Jahren dominiert. Live Nation stand bereits früher unter rechtlichem Druck – insbesondere bei einer Untersuchung aus dem Jahr 2018, bei der es um den Vorwurf ging, das Unternehmen habe gegen die Auflagen eines Vergleichs mit dem Justizministerium (Department of Justice) verstoßen. Dieser Vergleich war 2010 im Zuge der Fusion von Live Nation und Ticketmaster geschlossen worden und sollte verhindern, dass Live Nation Venues unter Druck setzt, die andere Ticketing-Dienste nutzen.

Die Angelegenheit wurde Ende 2019 beigelegt, nachdem das DOJ festgestellt hatte, dass Live Nation gegen die Vergleichsbedingungen verstoßen hatte. Als Konsequenz wurde der Vergleich um fünf Jahre verlängert und der Wortlaut so präzisiert, dass Live Nation Venues, die einen anderen Ticketing-Anbieter nutzten, weder bedrohen noch benachteiligen durfte. Der Vorwurf, dass Live Nation genau das weiterhin getan habe, bildete einen zentralen Bestandteil der Kartellklage, die das DOJ 2024 einreichte.

Der Sieg der Bundesstaaten ist auch deshalb bemerkenswert, weil der Prozessverlauf alles andere als vorhersehbar war. Nach einer Woche vor Gericht verkündete das DOJ überraschend eine Einigung mit Live Nation, die Schadensersatzzahlungen sowie Zugeständnisse im Ticketing-Bereich und beim Amphitheater-Geschäft umfasste. Während sieben der ursprünglich klagenden Staaten den DOJ-Bedingungen zustimmten, lehnten die Generalstaatsanwälte der übrigen den Deal ab – einige kritisierten die Konditionen scharf als unzureichend. Um den Fall weiterzuführen, engagierten die Staaten externe Anwälte unter der Leitung des Kartellrechtsexperten Jeffrey Kessler, der nur eine Woche Zeit hatte, sich vorzubereiten.

Brisante Beweise und prominente Zeugen

Die vergangenen sechs Wochen der Gerichtsverhandlungen gewährten seltene Einblicke in das Innenleben von Live Nation und Ticketmaster: Massen von E-Mails, internen Nachrichten und sogar heimlich aufgezeichneten Telefonaten wurden als Beweismittel eingereicht. Das wohl brisanteste Dokument waren Nachrichten zweier Ticketing-Direktoren, die damit prahlten, Fans mit hohen Zusatzgebühren – etwa für Parkplätze – regelrecht „auszurauben“ und „auszunutzen“. Live Nation erklärte in einer Stellungnahme, der Austausch spiegele „absolut nicht unsere Werte oder unsere Arbeitsweise wider“.

Im Zeugenstand erschienen auch zahlreiche Top-Führungskräfte von Live Nation, darunter CEO Michael Rapino. Die Jury hörte außerdem von hochrangigen Vertretern der größten Konkurrenten des Konzerns wie AEG und SeatGeek sowie von Sachverständigen. Obwohl der Prozess weitreichende Konsequenzen für die Musikbranche und Künstler aller Art hatte, trat keiner von ihnen als Zeuge auf – wenngleich Kid Rock, ein bekannter Ticketmaster-Kritiker, auf der ursprünglichen Zeugenliste stand.

Der Fall gewann auch eine politische Dimension, als Live Nation bei der Trump-Administration Lobbyarbeit gegen die Klage betrieb. Im Rahmen dieser Bemühungen berief das Unternehmen Ric Grenell – einen langjährigen Trump-Vertrauten und früheren Präsidenten des Kennedy Center – in seinen Vorstand. Laut mehreren Berichten gehörten zum Lobbying-Team des Konzerns außerdem die frühere Trump-Beraterin und Wahlkampfleiterin Kellyanne Conway sowie der MAGA-Influencer und Anwalt Mike Davis. (Davis hatte auch daran mitgewirkt, das DOJ dazu zu bewegen, seinen Widerstand gegen die 14 Milliarden Dollar schwere Fusion von Hewlett Packard und Juniper Networks aufzugeben.)

Trumps Einmischung im Weißen Haus

Einem Bericht des „Wall Street Journal“ zufolge schaltete sich sogar Trump persönlich in die Gespräche ein, die dem Vergleich mit Live Nation vorausgingen. Nachdem der Präsident von prominenten Persönlichkeiten auf den Fall aufmerksam gemacht worden war, begann er zu fragen, was eine Einigung verzögere.

Der Vergleich soll am 5. März, einem Donnerstag, im Weißen Haus erzielt worden sein – das Gericht wurde jedoch erst bei einer Anhörung am darauffolgenden Montag, dem 9. März, informiert. Selbst einige DOJ-Anwälte waren von dem Deal überrascht, während Richter Arun Subramanian den Zeitablauf als „absolut inakzeptabel“ bezeichnete.

Jon Blistein schreibt für den ROLLING STONE USA. Hier geht es zum US-Profil