Mama und die Strawberry Fields. Joachim Hentschel über den neuen Lennon-Film „Nowhere Boy“.

Der Film ist keine zwei Minuten alt, und schon holt John Lennon den Schwanz raus. Da sind er (gespielt von Aaron Johnson) und sein Freund Pete (Josh Bolt) eben mit den Rennrädern – vorbei am Waisenhaus Strawberry Field, weiter durch den englischgrünen Park – zur Liverpooler Quarry Bank High School gefahren. Die Brille, die er der Tante zuliebe beim Abschied noch aufgesetzt hat, steckt längst wieder in der Schuluniformtasche, als ihnen vor dem Tor die Klassenkameradin Marie (Obacht: die katzenhaft schöne Ophelia Lovibond) und ihre blonde Freundin begegnen. Von denen er sich gern provozieren lässt, den Hosenschlitz zu öffnen.

Die Girls schauen, lachen, rollen die Augen. Nach dem nächsten Schnitt sitzt der Exhibitionist schon beim Rektor auf der Strafbank, der ihm erklärt, er solle sich bitte möglichst bald einen Job am Hafen suchen. Die Bildungskarriere verlaufe doch eher ins Nirgendwo.

Dass „Nowhere Boy“ (ab 8. Dezember in den deutschen Kinos) eine Art Rock’n’Roll-Movie sein soll, merkt man bereits in diesen paar Szenen. Es geht um die Lust der Teenager, um die geile Freude an der symbolischen Handlung, um Provokation, Risiko, romantisch gebrochene Verbote, sinnlose Hüftschwünge, visionäres Denken und den dritten Bildungsweg. Von den vielen Coming-of-age-Geschichten mit Musikaspekt, denen wir spätestens seit Hornbys „High Fidelity“ zu applaudieren gezwungen waren, unterscheidet sich das Spielfilmdebüt der britischen Künstlerin Sam Taylor-Wood aber vor allem in einer Hinsicht: Wir wissen von Anfang an, wie alles weitergeht. Wir kennen das Ende schon.

Die Handlung setzt hier im Sommer 1955 ein, kurz bevor dem 14-jährigen John Lennon der Onkel und Ziehvater George wegstirbt und der Junge sich auf die Suche nach seinen wahren Eltern macht. Und blendet sich im Sommer 1960 aus, als der gereifte John, der die Brille längst voller Stolz draußen auf der Straße trägt, mit seiner Band zu einem einzigartigen Engagement nach Hamburg aufbricht. Sozusagen das Prequel zu Iain Softleys „Backbeat“ von 1994, in dem die Reeperbahn-Zeit der Beatles nacherzählt wurde.

Der Gruppenname wird in „Nowhere Boy“ übrigens kein einziges Mal genannt. Ist das trotzdem ein Beatles-Film? Ja, weil man die Wurzeln aller kommenden Triumphe und Kämpfe zwischen Lennon, McCartney und Harrison immer wieder in den Jugendjahren und den ersten Begegnungen suchen wird. Und nein, weil Johns gesammelte Freudsche Phasen hier das eigentliche Thema sind, die frühkindliche Prägung, die Traumata, alles von Ödipus bis Vaterkomplex, nicht wirklich die Musik und das Genie. Eben auch ein Psychofilm, Stoff für die Urschreitherapie. Was auf dem Soundtrack einem Beatles-Beitrag noch am nächsten kommt, ist „In Spite Of All The Danger“, die prähistorische McCartney-Harrison-Komposition. Zum Abspann läuft dann jedenfalls Lennons Solosong „Mother“ von 1970: „Mother, you had me/ But I never had you.“ Und so weiter.

Die Mutter Julia, gespielt von Anne-Marie Duff, ist im Film ein vom Winde verwehter, umso stärker funkensprühender Wildfang mit roten Haaren. Dass John im Haus der erziehungsberechtigten Pflegetante Mimi (Kristin Scott Thomas) nur ein paar Ecken entfernt von der echten Mama aufgewachsen ist, erfährt er durch Zufall (zumindest im Film – in der biografischen Realität war der Kontakt wohl regelmäßiger). Neugierig baut er Kontakt zur unbekannten Mutter auf, schleicht zu ihr wie der Liebhaber zur heimlichen Affäre. Und bekommt bei ihr alles, was er im anstandskühlen, schwarzgekleideten Reich der Tante vermisst: Julia stopft ihm Kuchen in den Mund, nimmt ihn mit zum Flanieren über die Strandparade von crazy Blackpool. Tanzt mit ihm zur Jukebox, obwohl alle wilden Seemänner auch gern mal wollen.

Wieso die Mutter ihn damals überhaupt weggegeben hat, erfährt man als Zuschauer zu dem Zeitpunkt noch nicht. Die Macht der ersten Liebe – wenn auch zwischen Mama und Sohn – spürt man in diesen überschwänglichen Szenen aber deutlich genug: Sie ist ein Weckruf, ein Versprechen, ein Tritt in den Hintern. Julia bringt John zum Rock’n’Roll. Sie spielt im das Nuttenlied „Maggie May“ auf dem Banjo vor. Sie kauft ihm die erste Gitarre. Sie zeigt ihm Elvis in der Wochenschau. Wenn John Lennon sich kurz danach vor dem Spiegel die Haare zum sprungbereiten Entenschwanz schleimt, will er damit nicht nur den Mädchen gefallen. Sondern auch seiner Erzeugerin.

Lennons lebenslange Hassliebe zu Mutterfiguren aller Art ist so sprichwörtlich, dass man es keinem Autoren übelnehmen kann, das Drehbuch an ihr aufzuhängen. In einem detailreichen Film wie „Nowhere Boy“ ist die Quellenlage natürlich dennoch ein heikles Ding. Neben den diversen, oft widersprüchlichen Lennon-Biografien existieren zur frühen Lebensphase auch Bücher von Pauline Lennon, der späten Ehefrau von Johns leiblichem Vater Alfred, und von Cynthia, Johns erster Gattin. „Imagine This: Growing Up With My Brother John Lennon“ von Julia Baird, einer von Johns Liverpooler Halbschwestern, diente für „Nowhere Boy“ als historische Hauptvorlage. Obwohl die Regisseurin Sam Taylor-Wood unter anderem im „Vanity Fair“-Interview dem eigenen Werk vorausschickte, man solle es bloß nicht als Biopic auffassen: „Ich glaube nicht, dass man über einen Lebenslauf alles sicher wissen muss, um es zu verstehen.“

Künstlerischer Selbstschutz dürfte da auch im Spiel sein. Taylor-Wood, Jahrgang 1967, hatte zuvor keine Kinoerfahrung, war als reine Kunstfilmerin und Fotografin bekannt geworden, hatte verwesende Hasen, Opern-Playbacksänger oder über Stühlen schwebende Menschen gezeigt und sich mit ihrem Boyfriend Henry Bond als John-und-Yoko-Double inszeniert. Das Angebot, mit dem Lennon-Spielfilm von den Museen in die Lichtspielhäuser und Festivals zu kommen, wollte sie eigentlich auch schon ablehnen – doch als sie für die Fahrt zur finalen Besprechung ihren Wagen startete, hörte sie plötzlich die Stimme des Meisters: „(Just Like) Starting Over“ kam im Autoradio. Offenbar hatte er sie ausgewählt.

Auch Yoko Ono, über deren Tisch ja irgendwie jedes Bild und Drehbuch geht, in dem eine Nickelbrille vorkommt, nickte ab. Nicht ohne einen ihrer berüchtigten Ratschläge zu geben: Pflegetante Mimi sei – anders als im ersten Entwurf – keineswegs der gefühllose Drachen gewesen, den viele Biografen aus ihr machen wollten. Sogar Paul McCartney half bei der Detailrecherche: John habe derart schlecht gesehen, dass er ohne Brille nicht mal Bäume von Menschen unterscheiden konnte. Skriptautor Matt Greenhalgh war zum Glück schon geübt darin, mit solchen Besserwissereien umzugehen. Er hat auch Anton Corbijns „Control“ geschrieben, den Film über Joy Divisions Ian Curtis, noch so eine nordenglische Inspirations- und Trauma-Story mit erheblicher Tragweite und Fallhöhe.

Der Film-John sieht dem echten dann weniger ähnlich als gedacht. Regisseurin Taylor-Wood schickte bei den Castings perfekte Doppelgänger weg, behielt lieber den damals 18-jährigen Aaron Johnson, der für sie viel mehr den Geist des frühen Lennon ausstrahlte, obwohl die Nase nicht stimmte. Johnson, Südostengländer aus Buckinghamshire, spielte damals die Hauptrolle im blutigen Comic-Flash „Kick-Ass“, sprach vor der Kamera Collegeboy-Amerikanisch, musste in den Pausen schon mal den Liverpooler Scouse-Akzent üben. In Cannes kam später heraus, dass er während der „Nowhere Boy“-Dreharbeiten ausgerechnet mit der 23 Jahre älteren Regisseurin Taylor-Wood angebandelt hatte (was zufällig zum Ödipus-Thema passte). Schon vor dem Filmstart kam die gemeinsame Tochter zur Welt – ein so junger Vater war mit 22 Jahren – bei Julians Geburt – nicht mal der echte Lennon.

Johnson ist natürlich großartig in der Rolle, sieht erst wie ein zu heiß gewaschener kleiner Lord aus, verwandelt sich dann in einen Suburbia-Halbstarken mit orange-kariertem Hemd, wenn er bei der Kirchweih zum ersten Mal Paul McCartney trifft, später mit Teddyboy-Jackett und rotem Revers, als er auf der eigenen Geburtstagsfeier mit ansehen muss, wie der niedliche McCartney im Badezimmer Mutter Julia angräbt und ihr „Love Me Tender“ vorsingt. Ein Faustkampf zwischen den beiden wurde extra dazuerfunden: Am Ende erkennen die Rivalenfreunde, dass das Schicksal ihnen die gleiche Wunde gerissen hat. McCartneys Mutter starb an Krebs, Julia gab ihren Baby-John – verwirrt und überfordert – an die Tante ab. Das schweißt die jungen Musiker zum Duo zusammen, sagt der Film. Für ein paar Jahre zumindest.

Die These ist eher simple Psychologie. Überhaupt waren die ersten Zuschauer überrascht, dass die Künstlerin Taylor-Wood einen im Kern so konventionellen, fast schon biederen Film ablieferte. Die himmlisch-dämonische Stiftung des Genies Lennon ist weder zu sehen noch zu spüren, vielleicht abgesehen vom schaurigen Walross, das er ins Schulheft malt. Stilistisch fühlt sich „Nowhere Boy“ wie ein gewöhnliches 50er-Jahre-Retro-Drama an, mit rennenden Schulkindern, Wohnzimmertänzen zu alten Schlagern, Elvis-Imitatoren und verhallten Rückblenden, die den Verlassenheits-Komplex des kleinen Lennon illustrieren. Der Junge muss die erste, enttäuschte Liebe zur eigenen Mutter überwinden, um Mann zu werden – das ist, ganz kurzgefasst, die Lösung. Für einen Rock’n’Roll-Film doch ein etwas niedrig gesetztes Ziel.

Wie es weitergeht? Die BBC zeigte jedenfalls vergangenen Sommer die Eigenproduktion „Lennon Naked“, das nächste Biopic, das die Bekanntschaft mit Yoko, das Ende der Beatles und den Wandel Lennons zum weißgekleideten Eso-Aktionisten abdeckt. „Doctor Who“-Schauspieler Christopher Eccleston gibt ihn als so sarkastischen wie verträumten Wolkengucker, auch hier wird die frühe, brutale Trennung von den Eltern filmisch zur Wurzel fürs gesamte Lebensdesign erklärt.

John-Lennon-Kino ist nun mal immer Familiendrama – wird also endlich Zeit, dass mal jemand das „Lost Weekend“ verfilmt, die spektakuläre Affäre mit May Pang, 18-monatige Sauftour und Freibeuterei. Judd Apatow hätte sicher schon ein passendes Drehbuch in der Kommode.

Joachim Hentschel


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