„Man tut halt immer das, was einem liegt“: Mark Knopfler im RS-Interview

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„Man tut halt immer das, was einem liegt“: Mark Knopfler im RS-Interview

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Auf seinem achten Soloalbum, „Tracker“, taucht Mark Knopfler wieder etwas tiefer ein in seinen ruhigen Fluss aus Folk und Blues,  vermischt in seiner Lyrik historische Persönlichkeiten mit literarischen Topoi und fügt mehr als bisher persönliche Erinnerungen hinzu. Die Musik bedenkt und reflektiert, was war und was daraus wird – diesen nach innen gekehrten, sinnierenden Ton beherrscht Mark Knopfler gut. Weiterforschen, das Lebenslied bearbeiten, die musikalischen Möglichkeiten im Detail erweitern: So macht Knopfler seine Alben.

Haben Sie sich für „Tracker“ etwas Bestimmtes vorgenommen?

Ich hoffe einfach, dass ich in dem, was ich tue, etwas besser werde. Ich konnte in diesem großen Malkasten – denn das ist ein Tonstudio für mich – genug Zeit mit meinen Songs verbringen, das ist ein Privileg. Wir hatten dann eine gute Band-Session, in der all die wundervollen Dinge geschahen, die geschehen, wenn du einen Haufen hervorragender Instrumentalisten zusammenholst.

Die neuen Lieder sind offenbar stärker als sonst von persönlichen Erinnerungen geprägt.

Die Zeit fließt in sie hinein, ja. Wenn ich ein Thema vor Augen habe, das mit einer bestimmten Zeit verbunden ist, dann stelle ich das Lied in diesen Kontext. Nimm zum Beispiel „Beryl“ (ein Song über die in jungen Jahren verkannte Schriftstellerin Beryl Bainbridge – Red.): Sie hätte heute bestimmt einen Booker Prize bekommen, aber damals musste man dafür aus Oxford kommen und vorzugsweise ein Mann sein. Das Lied ist ein period piece, und ich wollte, dass der Sound passt. Deshalb habe ich es gemacht wie einen Beat-Song, im Stil von „Sultans Of Swing“, das geht: bib-bib-bib-bow, und hier ist der Beat: bib-bib-bib-bow-beryl.

In „Basil“ geht es ebenfalls um einen Autor – um Basil Bunting, den Sie Mitte der 60er-Jahre beim „Newcastle Evening Chronicle“ kennenlernten.

Ich war damals copy boy und Basil diese grummelige Figur am Schreibtisch, die sich wegwünschte und lieber nur ihre Gedichte geschrieben hätte. Ich gucke ganz das Teleskop hinunter – ich war vierzehn oder fünfzehn, aber ich habe da gelernt, große Haufen von Zeugs zu einem Text zu kondensieren, das hat mir auch als Songschreiber geholfen. Wer weiß, warum man sich an etwas erinnert, die Sachen kommen von überallher. Das ist Songwriting: Fragmente, die von irgendwoher kommen.

In dem Song „Silver Eagle“ sitzt der Protagonist in einem Tourbus und fährt durch die Stadt einer ehemaligen Geliebten.

Der ist wirklich im Bus entstanden – als ich mit Bob Dylan durch Amerika tourte. Diese Lieder können eine Kombination sein – aus dem Ort, an dem ich gerade bin, dem Buch, das ich gerade lese, und dem, was ich gerade denke. „Sultans Of Swing“, „Money For Nothing“, „Telegraph Road“: alles Lieder, die aus einer Kollision von Büchern und Orten entstanden sind.

Weil man weiß, dass Sie persönliche Erinnerungen verarbeiten, liest man die Texte als autobiografische Äußerungen.

Das kann ich natürlich nicht verhindern. Aber ich sage nicht, man sollte das Lied auf diese Weise verstehen oder auf jene – ich mag das nicht diktieren, denn das würde es verderben.

Der amerikanische Schriftsteller Richard Ford hat die Liner Notes für das Album geschrieben. Kennen Sie ihn persönlich?

Ja, wir kennen uns. Er beginnt seinen Text mit der Erinnerung an ein gemeinsames Frühstück in Maine. Damals hatte ihn ein Songwriter gebeten, ihm einige Liedtexte zu schreiben, und er bat mich um Rat. Offenbar habe ich geantwortet, dass ich an seiner Stelle besser beim Bücherschreiben bleiben würde. (lacht) Aber wir sind immer noch Freunde! Diese kleine Geschichte bringt uns übrigens wieder zum Kondensieren von Texten: Ich kann zwar mit wenigen Worten ein Lied machen – aber meine Prosa reicht höchstens, um meinem Milchmann eine Nachricht zu schreiben. Man tut halt immer das, was einem liegt.

„Tracker“ ist Ihr achtes Soloalbum. Welche Entwicklung sehen Sie in den etwa 20 Jahren, wenn Sie auf diese Alben zurückblicken?

Ich glaube, dass sich viele Dinge im Lauf der Jahre deutlicher zeigen. Am Ende der Karriere der Dire Straits wollte ich einen größeren Malkasten zusammenstellen, um mehr Farben auf meiner Palette zu haben. Ich hatte die Dire Straits so weit entwickelt, wie ich konnte, hatte Pedal-Steel und Saxofon und all das, aber die Lieder, die ich schrieb, versuchten zu sehr, etwas zu sein, das sie nicht waren. Ich wollte einfach hören, was sie brauchten, anstatt sie in eine falsche Ecke zu stellen.

Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich tue. Warum interessiert einen denn überhaupt etwas? Es ist doch ein Chaos hier drin, ich bin mir selbst nicht darüber im Klaren, was meine Instinkte sind. Ich nehme an, dass ich etwas von Blues und Folk verstehe, aber ist das wirklich so? Wenn ich eine keltische Melodie schreibe, weiß ich doch nicht genau, woher die kommt – ich kann höchstens annehmen, dass es damit zu tun hat, dass ich als Kind so viel schottische Musik gehört habe. Du lieferst dich an etwas aus, saugst es auf, und dann kommt eben deine Version davon heraus. Das ist alles.

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