70. Geburtstag

Mark Knopfler & Dire Straits: Mein Leben in 10 Songs

Wer schon einmal auf Höhe des Londoner Stadtteils Chelsea an der Themse entlanggegangen ist, könnte ihnen über den Weg gelaufen sein: zwei Herren im besten Alter, die sich beim Spazieren angeregt über die Spuren der Geschichte im Stadtbild der britischen Metropole unterhalten. Der ältere der beiden fotografiert jedes Detail: Pflastersteine, Straßenlampen. Er ist 83, heißt Bill Wyman und spielte einmal bei den Rolling Stones Bass. „Bill ist ein geborener Historiker“, sagt sein Kumpan, der 69‑jährige Mark Knopfler. „Es ist großartig, mit ihm in der Gegend herumzulaufen, weil er einen dauernd auf irgendwas Besonderes hinweist. Er kennt jeden Winkel.“ Erkannt habe die beiden bei ihren Ausflügen noch niemand. „Die Leute sagen höchstens: Guck mal, die zwei alten Deppen, was machen die da?‘“

Der Glamour des Rockstarlebens ist wohl nicht mehr, was er einmal war, aber im Gegensatz zu seinem Kollegen dem Ex-Stone hat Mark Knopfler immer schon eine geradezu provokante Normalität kultiviert und mit diesem Anti-­Image des Gitarrenhelden der Gemäßigten Abermillionen von Platten verkauft.

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Reunion-­Tourneen zu runden Jubiläen mögen nicht Knopflers Sache sein, aber das erste Dire-Straits-Album ist 40 Jahre alt geworden, und einige der Texte auf „Down The Road Wherever“ gehen zurück zu den Anfängen seiner Musikerlaufbahn. Ein guter Anlass also, um mit ihm gemeinsam entlang von zehn Songs aus den letzten vier Dekaden und entlang des neuen Albums die Geschichte seiner Karriere nachzuerzählen.

Mark Knopfler in action - hier live in Barcelona
Mark Knopfler in action – hier live in Barcelona

Mark Knopfler: Die 10 wichtigsten Songs seines Lebens

1. Matchstick Man (Down The Road Wherever, 2018)

Eine akustische Soloballade mit irischem Feel erzählt eine Geschichte vom Weihnachtstag 1974: „Hitchin’ home to Geordie Land/ Climbing up on that old truck/ With your old bag and your guitar.“ Mark Knopfler erinnert sich an sein 25-jähriges Ich aus der Vogelperspektive: ein kleines Strichmännchen in einer weißen Schneelandschaft irgendwo in den Midlands. „Ich stand da mit meiner Gitarre völlig verloren an der Straßen­kreuzung. Ich hatte in Penzance, am südwestlichen Ende Britanniens, einen Gig gespielt und wollte per Anhalter nach Hause kommen. Ein Lkw hatte mich ein gutes Stück die alte A1 hoch gefahren und da abgesetzt. Es war damals sehr selten, dass jemand am Feiertag arbeitete, die Straßen waren also völlig leer, und ich war 500 Meilen entfernt von Newcastle, wo ich Weihnachten mit der Familie verbringen wollte. Ich stand auf diesem erhöhten Kreisverkehr und konnte meilenweit sehen. Da war nichts als Sonnenschein und Schnee, ziemlich schön eigentlich. Und ich erinnere mich an diesen Moment der Einsicht. Mit einem Mal wurde mir völlig klar, was ich mit meinem Leben machen wollte.“

Damals, als die Euphorie der Sixties lange vorbei war und die Selbstermächtigung des Punk noch in weiter Ferne lag, brauchte es schone eine Menge Sendungs­bewusstsein, vielleicht sogar Verblendung, um mit Mitte 20 noch an eine Rock-Karriere zu glauben. „Vielleicht“, sagt Knopfler. „Aber ich spürte, wie die Songs aus mir heraus an die Oberfläche drängten.“

2. Sultans of Swing (Dire Straits, 1978)

Nach der Uni war Mark nach London gezogen, hatte sich von seiner Jugendliebe aus Newcastle scheiden lassen und bestritt seinen Lebensunterhalt vor allem als Uni-Dozent in Essex, zwischendurch aber auch als Lagerarbeiter für eine Textilfirma in Earls Court. Sein Bruder David folgte ihm in die Metropole, und gemeinsam mit Schlagzeuger Pick Withers und dem groß gewachsenen Bassisten John Illsley formierten sie 1977 die Dire Straits. „Sultans Of Swing“ war einer der Songs auf ihrem ersten Demo-Band, das in die dankbaren Hände des Radio-­London-DJs Charlie Gillett fiel. Der Text zelebriert die von der Musik­presse weitgehend ignorierte Live-Szene in den Pubs des damals hoffnungslos unglamourösen Londoner Südens. Im Jahr des Punk, vor dem Hintergrund der Debütalben der Sex Pistols, von The Clash und The Jam, hätte man kaum uncoolere Zeilen schreiben können als „Harry doesn’t mind if he doesn’t make the scene/ He’s got a daytime job, he’s doing all right“, ganz abgesehen von Knopflers dylanesk nasaler Stimme, seinem glasklaren, cleanen Stratocaster-Sound und seiner Neigung zu laut Punk-Dogma gänzlich ver­pönten ausgedehnten Soli.

Aber Gillett, den Autor des popgeschichtlichen Pionierwerks „The Sound Of The City“, der zuvor schon Leuten wie Ian Dury und Elvis Costello zu ihrem ersten Airplay verholfen hatte, störte das ganz und gar nicht. Er spielte den Song in seiner Show rauf und runter und brachte der Band damit einen Plattenvertrag beim von abseits des musikalischen Modedidakts stehenden Bands wie Status Quo, Thin Lizzy und Black Sabbath gut durchgefütterten Label Vertigo Records ein. Von Mitte Februar bis Anfang März 1978 nahm Stevie Winwoods Bruder Muff mit Knopfler & Co. in den Londoner Basing-Street-Studios in nur zwei Wochen ihr titelloses Debütalbum auf. Aber wer die Demo- mit der Album-Version von „Sultans“ vergleicht, wird feststellen, dass es daran nicht mehr viel zu produzieren gab – die Dire Straits wussten ganz genau, wie sie klingen wollten.

„Man muss einfach auf sich und seine Musik fixiert sein“, erklärt Knopfler rückblickend. „Ich fand das, was ich mochte, durchaus cool. Ich pflegte eine Leidenschaft für rare Folk- und Blues-Platten. Wirklich frühes String-Band-Zeug aus den Zwanzigern und Dreißigern, das damals sonst niemand hörte. Und ich war auch ganz verrückt nach Dylan. Ich mochte diese Dualität zwischen Rockmusik auf der einen Seite und der Roots-­Musik auf der anderen. So was gibt den Songs, die man schreibt, eine gewisse Tiefe.“ Oder wie es in „Sultans Of Swing“ heißt: „It ain’t what they call rock’n’roll.“

3. Gotta Serve Somebody (Bob Dylan: Slow Train Coming, 1979)

Die erste Zusammenarbeit Mark Knopflers mit seinem vielleicht größten Idol erntete viel Hohn für die evangelikal-christliche Schlagseite des Songmaterials. Aber wie alle von Dylans scheinbaren Fehlschlägen hat auch „Slow Train Coming“ seine Fürsprecher. Nick Cave zum Beispiel betrachtet „Gotta Serve Somebody“ als wegweisend wichtig für seine eigene Songwriter-Kunst. „Nick Cave versteht das, weil er versteht“, sagt Knopfler. „Das wird immer eine Minderheitenmeinung bleiben, aber so wie ich das sehe, war Bob Dylan immer schon ein spiritueller Mensch gewesen, und das wollte er nun auf diesem Album weiter erforschen.“
Für den 30-jährigen Knopfler war es sowieso schon aufregend genug, plötzlich mit Bob Dylan, dem großen Soul-Produzenten Jerry Wexler und Keyboarder Barry Beckett in den berühmten Muscle-Shoals-Studios zu sitzen.

Mit den beiden Genannten hatten die Dire Straits bereits im vorangegangenen Winter auf den Bahamas ihr zweites Album, „Communiqué“, aufgenommen. „Wir spielten mit den Straits noch in kleineren Lokalen, und wir waren damals auf einer amerikanischen Club-Tournee, als diese Beziehung zu Dylan sich entwickelte“, erzählt Knopfler. Der erleuchtete Poet hatte auf Wexlers Hinweis hin ein Konzert der Band im Roxy in Los Angeles besucht und war von seinem fingerfertigen Londoner Adepten sichtlich beeindruckt. „Plötzlich fand ich mich in Santa Monica wieder, wo Bob ein Haus hatte, um mit mir die Songs durchzugehen, die er zu skizzieren begonnen hatte. Er wollte das machen, was er selbst eine ‚professionelle‘ Platte nannte.“

4. Telegraph Road (Dire Straits: Love Over Gold, 1982)

Fakten ohne zwingenden Zusammenhang: 1982 stand Margaret Thatcher auf dem Höhepunkt ihrer Macht, Ronald Reagan am Beginn seiner ersten Amtsperiode, und die Dire Straits waren eine der größten Rockbands der Welt. Auf ihrer dritten LP, „Making Movies“, hatte Mark Knopfler in Bruce Springsteens Produzent Jimmy Iovine und E-Street-Band-­Keyboarder Roy Bittan die Leute gefunden, die Songs wie „Romeo & Juliet“ oder „Tunnel Of Love“ – entsprechend dem Titel des Albums – zu großem Kino aufzublasen wussten. Das in einer dekadenten großen Geste aus bloß fünf ungeniert überlangen Songs bestehende nächste Album, „Love Over Gold“, produzierte Knopfler zwar selbst, doch im Arrangement und den Sprachbildern seines 14-Minuten-Epos „Telegraph Road“ war der Einfluss von Springsteens mythologisiertem Amerika unüberhörbar präsent. Gleichzeitig sprachen bittere Zeilen über Arbeitslosigkeit und Deindustrialisierung in jener knallharten, monetaristischen Ära aber auch dem britischen Publikum aus der Seele. Nicht umsonst hieß der Titelsong „Liebe über Gold“.

„Ich war auf der echten Telegraph Road in Detroit unterwegs“, erklärt Knopfler. „Ich saß im Tourbus, sah die Häuserreihen vorbeiziehen und versuchte mir vorzustellen, wie es da wohl früher ausgesehen haben mochte. Ich hatte gerade dieses Ding von Robert Crumb (das aus chronologisch geordneten Cartoons bestehende Poster ‚A Short History Of America‘ – Red.) von einem Freund geschenkt bekommen, und das war meine Inspiration zu dem Text. Diese Serie von Zeichnungen zeigt zuerst das ländliche Idyll, und dann wird es langsam zugedeckt mit all den Telegrafen­masten und Tankstellen und Burger-Joints. Der Song geht genauso. Zeile um Zeile fügt sich das Bild zur Gegenwart. Die moderne urbane Panik begann sich damals zu verbreiten und verlangte nach Ausdruck. Die Sorge, dass wir vielleicht aus dem ländlichen Paradies eine Hölle erschaffen hatten und unsere Ressourcen begrenzt waren. So was wird einem bewusst, wenn man die Welt bereist.“

Die Dire Straits waren mittlerweile von einer Rockband zu einem wandernden mittelgroßen Unternehmen geworden, das sich mit Sattelschleppern und Bussen durch die Lande wälzte. Viel zu groß für Knopflers Geschmack. „Ich wollte sehr einfach arbeiten und meine Musik mit nur zwei, drei Leuten, vielleicht sogar allein machen. Oder mit einer größeren Besetzung, wenn der Song es verlangte. Ich suchte diese Flexibilität, und eigentlich habe ich eine Version davon erst jetzt erreicht.“

5. Going Home (Local Hero, 1983)

Als Mark Knopfler seinen ersten Film-Soundtrack aufnahm, war „Love Over Gold“ gerade erst auf dem Weg in die Charts. Der lange Abschied von seiner Band begann also bereits vor dem Höhepunkt ihrer Karriere. Und während für ihn kein Weg zu Dire Straits zurückführt, hatte er nichts dagegen, in jenem Jahr die Musik für eine kommende Bühnenversion des Films „Local Hero“ von Bill Forsyth zu produzieren. „Das hätte ich nie gedacht“, gibt Knopfler zu, „Ein Musical? Ich? Aber ich liebe die ‚Local Hero‘-Geschichte. Sie rührt mich sehr. Es war also leicht, Ja zu sagen. Ich war mir bloß nicht sicher, ob ich Songs für alle Figuren würde schreiben können. Aber siehe da, ich konnte!“

Auf „Local Hero“ fand der in Glasgow geborene Knopfler zur Tonalität der nordbritischen Volksmusik. „Es ist anscheinend sehr einfach für mich, auf dieses keltische Ding zurückzugreifen. Das war die erste Musik, die ich als Baby in Schottland zu hören bekam. Und als achtjähriges Kind hörte ich dann die Songs der Tyneside. Für mich fühlt es sich völlig natürlich an, mit einem dreckigen, bluesigen Gitarrensound in einer keltischen Band zu spielen.“

6. Brothers In Arms (Dire Straits: Brothers in Arms, 1985)

Der grobkörnig und weich verzerrte Sound der Lead-Gitarre bei „Going Home“, gebettet auf Gebirgsnebel sugge­rierende Synthesizer, deutete im Nachhinein betrachtet wohl bereits auf den Titeltrack des zwei Jahre später erschienenen großen Erfolgsalbums der Dire Straits als auserwählte Stereoanlagen-Vorzeigeband der CD-Ära hin. „Brothers In Arms“ war zwar Knopflers verspäteter Kommentar zum Falkland­krieg, passte aber so wie das ebenfalls 1985 erschienene „Russians“ von Sting in die zunehmend pazifistische Stimmung der Zeit.

Apropos Sting, dessen Gastauftritt bei „Money For Nothing“, jener MTV-Satire, die ironischerweise zu einem der größten Hits des Senders wurde, haben wir uns in dieser Liste wohlweislich gespart. Knopfler leidet jetzt noch darunter, dass manche das von ihm in einem Kaufhaus aufgeschnappte Gespräch zwischen zwei frustrierten Küchenlieferanten beharrlich für seine eigene Perspektive halten – inklusive der kontroversen Passage, wo jene einen Rockstar im Fernsehen als „kleine Schwuchtel“ bezeichnen („that little faggot, he’s a millionaire“): „Das würde ich heute nicht mehr schreiben“, sagt Knopfler. Schade, die Zeile zeigt nämlich sehr schön, wie der Rückgriff auf ein vereinendes Vorurteil als Rache des kleinen Mannes funktioniert.

7. One Song At A Time (Down The Road Wherever, 2018)

Der Titel dieses Songs aus dem neuen Soloalbum geht auf den Country-Gitarrenhelden Chet Atkins zurück, mit dem Knopfler 1990 das virtuose Zupfduell „Neck And Neck“ aufnahm: „ ,One song at a time‘ war so eine Phrase, die Chet verwendete, wenn er über seine Kindheit sprach“, erklärt Mark Knopfler. „Und das blieb mir im Kopf. Er spielte sich Song um Song aus der Armut heraus. Chet erzählte mir, wie kalt die Winter in Tennessee sind und dass er nicht einmal einen Mantel für den Schulweg hatte. Er wurde immer sehr emotional, wenn er über solche Dinge sprach.“

Aber Knopflers Song spielt nicht in Tennessee, sondern in London, genauer gesagt im südlichen Vorort Deptford, ebendort, wo einst die Karriere der ­Dire Straits begann – mit einem Open-Air-Gig als Vorband von Squeeze auf einer Geröllhalde gleich hinter dem Wohnblock, wo John Illsley und David Knopfler wohnten. „I’ll see you later when it’s 1979“, singt Knopfler. „I’ll be picking my way out of here, one song at a time.“

Der Text zieht zwar auch Parallelen zu einem anderen London mehrere Jahrhunderte davor – siehe die Anspielungen auf den „Newgate jig“, das zappelnde „Tanzen“ der Gehenkten in einem von Londons gefürchtetsten Gefängnissen, gebührend folkig begleitet von John McCuskers Fiedel und Michael McGoldricks irischer Flöte. Wenn er „poor old fakers, trying to dance in my old my shoes“ auf „I’ll be gone over the ocean with my transatlantic blues“ reimt, klingt das allerdings mehr wie eine Kritik an der gegenwärtigen Musikszene.

„Aber nein!“, sagt Knopfler und winkt ab. „Es heißt, dass ich immer mein Ding machen muss, egal was die anderen tun.“ Mitte der Neunziger bedeutete dieser Grundsatz, dass er – vier Jahre nach ihrem letzten Studioalbum, „On Every Street“ – die Dire Straits auflöste. In jenem Jahr erschien Knopfler nicht einmal zu deren zeremonieller Aufnahme in die Rock and Roll Hall of Fame.

8. Rüdiger (Golden Heart, 1996)

Auf Mark Knopflers erstem Soloalbum (seine Soundtracks und das Nebenprojekt Notting Hillbillies nicht mitgerechnet) findet sich dieser samtpfötig-jazzige Cha-Cha-Cha über einen in Rockstar­kreisen berüchtigten deutschen Autogrammjäger. „Manchmal brechen einem die Leute, die man (an der Backstage-Tür) sieht, das Herz“, sagt Knopfler. „Man denkt darüber nach, wer die sind und was die sonst tun. Ich schrieb diesen Song, kurz nachdem John Lennon ermordet wurde, aber die Melodie dazu fiel mir erst 16 Jahre später ein.“

Wie sich herausstellte, war Rüdiger kein Mark Chapman, und was immer aus ihm geworden sein mag, er ist heute nicht mehr auf Autogrammjagd. Sein Verewiger weint ihm jedenfalls nicht nach: „Diese Leute machen keine Unterschiede, was Moralität betrifft. Sie holen sich genauso ein Autogramm vom schlimmsten Diktator wie vom berühmtesten Musiker. Es geht nur darum, wie bekannt man ist. Und dieser Song machte Rüdiger selbst berühmt. Da konnte er mal sehen, wie sich das anfühlt. Ich glaube nicht, dass es ihm gefiel.“ Auch Knopfler gefiel seine eigene Berühmtheit wohl nicht. Seine Sololaufbahn bedeutete auch seinen Abschied von den Mega­bühnen dieser Welt, de facto den Rückzug von der Rolle des Rockstars.

9. If This Is Goodbye (Mark Knopfler & Emmylou Harris: All The Roadrunning, 2006)

Von all seinen zusammenarbeiten mit alten legenden wie bob Dylan, Randy Newman, Chet Atkins und John Fogerty war die mit der großen Country-Sängerin Emmylou Harris wohl eine der gelungensten. Den Text zu diesem Song hatte Knopfler unter dem Eindruck der letzten Botschaften geschrieben, die die Opfer des Anschlags von 9/11 in den Twin Towers vor ihrem Tod mit ihren Nächsten ausgetauscht hatten. „Meine Wohnung in New York war damals im Greenwich Village, und von der hinteren Terrasse aus konnte ich die Towers sehen. Es war ein alles veränderndes Ereignis, aber selbst da fand der menschliche Geist immer noch einen Weg, sich auszudrücken. Das ist eigentlich unglaublich!“

Von allen Songs, die Knopfler geschrieben hat, ruft „If This Is Goodbye“ vielleicht die intensivsten Reaktionen hervor: „Was die Leute mir dazu sagen, ist oft wunderschön. Ich erinnere mich, wie einmal nach einem Konzert ein Mann auf mich zukam und mich ansprach: ‚Ich wollte Ihnen nur sagen, ich hatte heute Selbstmordgedanken. Aber meine Freunde haben mich überredet, auszugehen und Sie spielen zu sehen. Ich wollte, dass Sie das wissen. Ich mache jetzt weiter. Ich werde weiterleben.‘ Das machte mich sehr, sehr glücklich, und ich habe es nie vergessen! Es war wie für ein Geschenk für mich.“

10. Just A Boy Away From Home (Down The Road Wherever, 2018)

Oberflächlich betrachtet beruht dieser song von Knopflers neuem Album auf einer simplen Anekdote: „Mein Vater war gerade in Rente gegangen und hatte einen Herzinfarkt erlitten. Er lag im Krankenhaus und tat sich selbst furchtbar leid. Und er hörte einen Jungen, der auf der Straße ‚You’ll Never Walk Alone‘ sang. In Newcastle, mitten in der Nacht! Das musste ein Liverpool-Fan gewesen sein, der seinen Zug verpasst hatte.“

In seinem Bottleneckgitarren-Solo zitiert Knopfler die 1963 von Gerry And The Pacemakers popularisierte Weise von Rodgers und Hammerstein, aber unterschwellig ist mit dem „Boy Away From Home“ im Songtitel wohl nicht nur jener Fußballfan, sondern auch sein Vater gemeint. Erwin Knopfler, agnostisch-marxistisches Kind einer jüdischen Familie, war 1939 aus seiner Heimat Ungarn nach England geflohen. „Für mich war es großartig, einen Vater zu haben, der aus irgendeinem Grund am Rande der Gesellschaft ist. Kinder versetzen sich in die Sichtweise des Elternteils, der die Dinge etwas anders sieht als die Norm. Und das erweitert ihre Perspektive, es ist ein Vorteil“, sagt der Mann, dem man gern vorwirft, trotz all seines Erfolgs ein unentspannter Grummler geblieben zu sein. „Denn ein Auge, das zu entspannt ist, sieht nicht alles.“ Man sollte Mark Knopfler nicht unterschätzen. Er versteht, weil er versteht.

@XaviTorrent WireImage

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