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Mann oder Frau? Auch die Klassik hat ihre Transgender-Debatte

„Ich weiß nicht, was ich bin, was ich tue.“ Es ist juveniles Durcheinander, das den Pagen Cherubino in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ in amouröse Abenteuer und geschlechtliche Wirrnisse treibt. Zwischen Gräfin, Zofe und Gärtnerstocher kann und mag er sich nicht entscheiden, er selbst rennt in Frauenkleidern herum, und neuere Inszenierungen lassen sogar den notgeilen Musiklehrer dem knackigen Buben nachstellen.

Der freilich pubertäre Schwerenöter zwischen Kind und Mann wird von einer Frau gesungen, für gewöhnlich von einer Mezzosopranistin. In einer der populärsten Opern der Welt steckt also eine(r) im falschen Stimmkörper, doch das Publikum ist mit dieser Konvention bestens vertraut, ohne sich mit Gendertheorie und Transmenschen beschäftigt zu haben.

Kerle als dauererregte Ammen

Was bedeutet es, wenn sich heute ein Musiker als Transgender zu erkennen gibt in einem Feld, in dem das Spiel mit den Geschlechtern von jeher zum festen Repertoire gehört? Schon bei Monteverdi geben Kerle die dauererregten Ammen als urkomische Nebenfiguren gaben – wie einst in der Antike.

Seit diesen Zeiten kennt man den Hermaphroditen, der als mal sehnsuchtsvoll begehrtes, mal geschmähtes Zwitterwesen in Marmor und Bronze überdeutlich festgehalten wurde. Die Renaissance hingegen verbannte diese frisch ausgegrabenen Relikte in geheime Museumskammern, und die barocken Päpste ließen die Frauen auf der Opernbühne schweigen, delektierten sich aber am spektakulären Gesang der Kastraten. Deren Faszinosum wurde in unserer dem Androgynen zugewandteren Zeit von den Countertenören willig aufgegriffen. Sogar in Frauenkleidern begegnen sie einem inzwischen wieder.

Nach außen hin konservativ und diskret

Das freilich ist Maskenspiel, strikt der Bühne vorbehalten, sollte man meinen. Nicht wenige Opernhäuser sind zwar mit schwulen Leitungsteams bestückt, an manchen soll es sogar noch so etwas wie Besetzungscouches geben, aber nach außen hin gibt man sich konservativ und diskret.

Schwulenfeindliche Künstler werden entlassen, wie kürzlich die Georgierin Tamar Iveri, berühmtere, wie die Putin-Freundin Anna Netrebko, zumindest verspottet. Mögen viele Balletttänzer schwul sein und auch diverse Sänger, man nimmt es zur Kenntnis, spricht aber nicht darüber, vor allem nicht unter den Festangestellten und ganz besonders nicht in der Gruppe der Unkündbaren und Bestverdienenden: den Orchestern.

Horte des Männerbündischen

Die sind immer noch Horte des Männerbündischen, die wenigen Frauen haben kaum etwas geändert. Man muss nur etwa das Bayreuther Festspielorchester aus der Nähe beobachten, da fühlt man sich gesellschaftspolitisch in die Sechzigerjahre zurückgebeamt.



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