Martha Wainwright: Verwandlung in eine Chansonette.


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Edith Piaf wurde „Spatz von Paris“ genannt, doch in ihrem nur 1,47 Meter großem Körper steckten mehr Talent, Lebensgier und Energie als in Amy Winehouse. Die 1915 geborene Sängerin hatte eine schwere Kindheit, liebte Männer, die nicht gut für sie waren, verfiel dem Alkohol, schaffte es, von ihm loszukommen, nur um schon bald wieder mit dem Saufen anzufangen. Dabei sang sie, als ginge es um ihr Leben. In Chansons wie den Welthits „La vie en rose“ und „Non, je ne regrette rien“ erschuf sie ein ewiges Bild von Frankreich und der unbändigen Lebenslust seiner Bewohnerinnen.

„Ich liebe ihre Lieder, seit ich acht Jahre alt bin“, schwärmt Martha Wainwright, die nun „Sans Fusils, Ni Souliers, A Paris“ veröffentlicht, ein Album mit Songs von Edith Piaf. „Mein Bruder Rufus hat damals regelmäßig ihre Platten aufgelegt, meine Mutter hatte einige in ihrer Sammlung. Wir drehten dann im Wohnzimmer die Lautstärke so richtig auf und sangen lauthals mit. Irgendetwas an ihr hat mich schon als Kind total begeistert, wahrscheinlich die totale Hingabe.“

Trotzdem reagierte die New Yorker Sängerin und Songwriterin zunächst zurückhaltend, als der Produzent Hal Willner ihr vorschlug, ein Album mit Chansons von Edith Piaf aufzunehmen. „Sie war mir ein bisschen zu berühmt und legendär. Hal und ich haben uns dann über 200 Songs von ihr angehört und einige weniger bekannte Stücke ausgesucht. Das Ganze ist ja nicht nur ein Tribut an Edith, sondern auch an die Autoren ihrer Songs. Es war interessant zu sehen, wie sich die Stile im Lauf der Jahre abwechseln. Da gibt es Lieder über unerwiderte Liebe, über tote Soldaten und über das Leben auf der Straße – es ist ein weites Spektrum.“

Den Produzenten Hal Willner sollte man vielleicht kurz vorstellen: Seine Karriere als Fachmann für Tribute-Alben begann 1985 mit dem meisterlichen „Lost In The Stars – The Music Of Kurt Weill“, wo Van Dyke Parks, Lou Reed, Tom Waits und andere Größen die Lieder des deutschen Komponisten interpretierten. Es folgten ähnliche Zusammenstellungen zu Charles Mingus, den Walt-Disney-Filmmusiken, Leonard Cohen und – und zuletzt die Piratenlieder-Schatzkiste „Rogue’s Gallery“. „Hal wollte schon lange ein Album mit Chansons von Edith Piaf zusammenstellen“, erzählt die in Kanada aufgewachsene Martha. „Als er erfuhr, dass ich zweisprachig bin, war ich für ihn wohl die perfekte Wahl.“

Die Aufnahmen fanden im letzten Juni an drei aufeinanderfolgenden Abenden im New Yorker Dixon Place Theatre statt. Die Band war eher ein Orchester, am Bass stand Marthas Mann, Brad Albetta. Auch die Backing-Vocals wurden interfamiliär besetzt: mit Mutter Kate McGarrigle und einer Cousine. Und La Wainwright legt eine verblüffende Ähnlichkeit mit Catherine Deneuve an den Tag. Die Performance und die mitreißende Musik sind perfekt arrangiert und entwickeln dennoch die nötige Leichtigkeit: „Wir haben einen Teil des Materials vorher in einem Club in kleiner Besetzung getestet: nur Gitarre, Piano, Bass und Gesang. Das kam gut an und hat Spaß gemacht. In einem Studio hat man viel mehr Druck. Live dagegen entsteht Begeisterung und Energie.“

Die Verehrung tragischer Heldinnen des Showgeschäfts liegt bei den Wainwrights in der Familie: Erst vor zwei Jahren veröffentlichte Bruder Rufus sein Album „Rufus Does Judy At Carnegie Hall“ – eine komplette Neueinspielung des legendären Judy-Garland-Albums „Judy At Carnegie Hall“. Wollte Martha auch etwas in der Art? „Es gibt deutliche Unterschiede“, betont sie. „Sein Album ist vor allem eine Verneigung vor dem Klassiker von 1961. Die Orchestrierung ist praktisch identisch, und ich glaube, er hat auch in der gleichen Tonart gesungen. Mein Tribut an Edith Piaf ist deutlich leiser, und es geht mehr um mich, wie ich ihre Lieder repräsentiere.“

Die ganz großen Piaf-Hits haben Martha Wainwright und Hal Willner deshalb vermieden – was die Plattenfirma mit Enttäuschung hinnahm. Doch gerade, weil man nie von einem Gassenhauer hochgeschreckt wird, funktionieren Chansons wie „Adieu mon coeur“, „Vieux Piano“ oder „Le foule“ wie ein rauschhafter Abend in Montmartre. Wenn man Wainwrights im Prinzip recht amerikanische Alben kennt, kann man es anfangs kaum fassen, wie farbenprächtig und stimmgewaltig sie diese Stücke zum Leben erweckt. Auch wenn es nicht immer ganz leicht war: „Französische Texte sind außergewöhnlich wortreich, im Englischen sagt man vieles knapper und einfacher. Ich habe deshalb vom Blatt ablesen müssen, weil ich mir so viel einfach nicht merken konnte. Auch diese ganzen Wortkaskaden aus mir herauszubekommen, ohne hängenzubleiben, war nicht leicht. Man benutzt für Französisch offenbar ganz andere Muskeln.“ Darüber lacht die Sängerin heute zu Recht herzlich – denn sie hat es ja bravourös geschafft.

Jürgen Ziemer