Michael Patrick Kelly: Straßenmusiker, Superstar, Sinnsucher

Er war Mitglied der berühmt-berüchtigten Kelly Family, schrieb seinen ersten Hit mit 15. Dann wurde ihm alles zu viel und Michael Patrick Kelly verschwand jahrelang in einem Kloster. Nun ist er wieder auf Tour.

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Der Abend startet nicht dort, wo man ihn erwarten würde – sondern mitten in der Halle. Michael Patrick Kelly bahnt sich singend seinen Weg durchs Publikum in der Berliner Uber Arena bis zur Bühne. An seinem Ziel leuchtet eine große Kugel. Eine orange-rote Sonnenfinsternis, die sich langsam öffnet. Kellys Silhouette hebt sich dunkel davor ab, bewegt sich, noch bevor sich der Blick sortiert hat.

Es ist ein Auftakt, der zu dem passt, was kurz darauf folgt. „Das wird ein sehr menschlicher Abend“, sind Kellys erste Worte an das Publikum. Ein „Safe Space“, „wo wir den Trubel einfach mal draußen lassen können“. Der Takt ist gesetzt.

Mit „Traces“ ist der irisch-amerikanische Singer-Songwriter aktuell auf großer Arena-Tour unterwegs, die ihn durch Städte wie Hamburg, München und Berlin führt, bevor es im Sommer auf die Open-Air-Bühnen geht. Musikalisch bewegt sich Kelly mit seinem sechsten Studioalbum zwischen Pop, Rock und Folk, getragen von erlebten Geschichten. Songs wie „Run Free“ handeln vom Loslassen, „Healing“ vom Zulassen von Schmerz, „The Day My Daddy Died“ von Verlust. Das Album gibt dabei nicht nur den Namen der Tour vor, sondern auch ihr Thema: „Traces“ kreist um die Frage, welche Spuren Menschen hinterlassen – im eigenen Leben und im Leben anderer. Ein Gedanke, der Kelly schon lange begleitet.

Im Sommer kommt Kelly auf die großen Open Air Bühnen

Die Uber Arena ist voll, aber nicht laut. Viele Konzertbesucher bleiben zunächst sitzen, hören zu, lassen sich Zeit. Es ist eher ein freundliches, aufmerksames Publikum als ein euphorisches. Niemand schreit, niemand drängt sich in den Vordergrund. Die Energie entsteht langsam, dafür gleichmäßig.

Auf der Bühne öffnet sich derweil der Raum visuell zu einer weiten Landschaft. Warme Farben, etwas Wüstenhaftes, vereinzelte Bäume. Kelly steht darin zunächst in schwarzer, langer Jacke, die Haare ein wenig verweht. Die Stimme des 48-jährigen ist präzise, ausdauernd, auffällig klar für eine Halle dieser Größe.

Musikalisch spannt sich der Abend über Kellys Idee von Spuren: groß angelegte Popsongs, die den Raum füllen, und immer wieder reduzierte Momente, in denen nur noch Stimme und Gitarre bleiben. Neue Songs fügen sich dabei selbstverständlich zwischen ältere Stücke, ohne dass ein Bruch entsteht. Es geht weniger darum, verschiedene Phasen seiner Karriere abzubilden, als diese Spuren miteinander zu verbinden.

„Best Bad Friend“ bringt Dynamik in die Halle – und Rae Garvey gleich mit. Die beiden ändern die Stimmung spürbar. Menschen stehen auf, klatschen, bewegen sich. Es soll nicht der einzige Gast an diesem Abend bleiben. Ein besonderer Moment entsteht, als Kelly eine Teilnehmerin aus der letzten Staffel der Sat.1-Show „The Voice Kids“ auf die Bühne holt. Mit geflochtenen Zöpfen und Kuscheltier steht eine erstaunlich souveräne Neunjährige vor tausenden Menschen und singt Yvonne Catterfelds „Für dich“.

Zwischendurch wird es immer wieder lässig. In einem Moment schnappt sich Kelly eine Kamera, filmt ins Publikum, reagiert auf von Fans hochgehaltene Schilder, holt spontan Leute auf die Bühne, spricht mit ihnen, greift Zurufe auf. „Ich finde die Distanz zwischen Fan und ‚Star‘ sehr befremdlich. Ich möchte, auch wenn ich auf einer Bühne stehe, eine echte Begegnung mit dem Publikum auf Augenhöhe“, sagt Kelly später im Interview mit dem Rolling Stone. Es sind diese kleinen Szenen, die zeigen, dass er den Kontakt zu den tausenden Menschen im Raum sucht und ihn auch findet. „Live-Musik kann über jede Identitätsgrenze hinweg Einheit schaffen, und ist darin einzigartig“, so Kelly.

Vom weltberühmten Straßenmusiker zum Sinnsucher im Kloster

Eine der längeren Passagen beginnt mit einer Geschichte. „Stell dir vor, du bist 20“, sagt er. Reich, erfolgreich, alles da. „Die ganze Welt kreist um mich, ich bin ein Egoist“, zitiert er. Im Publikum wird gelacht, eine Konzertbesucherin kommentiert: „Ist verdammt lang her.“ Kelly erzählt weiter. Von dem Punkt, an dem all das nicht mehr reichte. Von der Leere inmitten des Überflusses.

Es ist ein Bild, das nicht zufällig gewählt ist. Als Teil der Kelly Family gerät er früh in eine extreme Form von Öffentlichkeit. Für seine Familie, die über Jahre hinweg von Straßenmusik lebt, schreibt er mit 15 seinen ersten Welthit. Wenig später steht er vor Millionenpublikum. Nähe und Distanz, kleine Anfänge und große Bühnen.

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Er erzählt weiter von einer Reise, die seinen Blick verändert. Kalkutta, Begegnungen, ein Perspektivwechsel. „Extrem heilsam und wertvoll ist für mich die Verbindung zu Menschen, die Dir das blanke und rohe Leben vor Augen führen. Für mich waren die größten Lehrer in Dankbarkeit und Zufriedenheit Menschen, die mit körperlichen Beeinträchtigungen leben, oder in krasser Armut. Die am wenigsten besitzen, können oft das meiste geben“, sagt Kelly gegenüber dem ROLLING STONE. Mit 26 kehrt Kelly der Öffentlichkeit den Rücken, tritt in ein französisches Kloster ein und entscheidet sich für ein Leben in Stille. „Du hörst auf, dich um dich selbst zu drehen“, sagt er. Nach mehreren Jahren findet er zurück zur Musik – mit gereifteren Songs und einer Solokarriere, die noch einmal an Fahrt aufnimmt.

Kelly spricht auf der Bühne über Familie, über das, was bleibt. „Viele Menschen treten in dein Leben, aber nur wenige hinterlassen wirklich Spuren.“ Er erzählt von seinem früh verstorbenen Vater, von Angst, von Versöhnung. „Verzeihen befreit dich von Groll und Wut.“

„Ich möchte, dass wir alle im Konzert ein Zeichen setzen“

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Michael Patrick Kelly

Gegen Ende verändert sich die Stimmung noch einmal. Es ist der emotionale Höhepunkt von Kellys Reise. Seit Jahren engagiert er sich für Friedens- und Hilfsprojekte, seit 2024 auch als SDG-Botschafter für „Frieden und Gerechtigkeit“ der Vereinten Nationen. Eine Glocke wird auf die Bühne gebracht: die „Peace Bell“, ein Projekt, das Kelly selbst initiiert hat – gegossen aus alten Kriegswaffen. „Ich fände es stark, wenn wir mitten in diesem Konzert ein Zeichen setzen“, sagt er und bittet um eine Minute Stille. Im Publikum werden Zettel hochgehalten, auf denen „Frieden“ in verschiedenen Sprachen steht, erleuchtet von Handylichtern.

Nach fast drei Stunden endet der Abend allmählich. Kelly bedankt sich bei der Crew, beim Publikum, bei den Menschen, die ihn begleitet haben. Währenddessen verändert sich das Licht langsam, wird heller, wärmer. Hinter Kelly geht die Sonne auf.

Die Lichter gehen an. Was bleibt, ist ein Abend, der sich über Begegnungen definiert, über gleichnisartige Geschichten und über die Spuren, die Menschen hinterlassen. Genauso, wie Michael Patrick Kelly es versprochen hatte. Welche Spur er am Ende bei anderen Menschen hinterlassen möchte? „Das Schöne an der Musik ist, dass man es nicht wirklich in der Hand hat, was sie bei den Menschen bewirkt. Diese Eigendynamik der Musik finde ich grandios. Es hält mich unendlich dankbar und ehrfürchtig, dass Menschen meine Musik zum Soundtrack ihres Lebens machen“, sagt Kelly.

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