Milky Chance auf dem Greentech Festival: Pop-Hits trafen auf industrielle Atmosphäre


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Das Credo der Telekom Street Gigs lautet, Bands und Künstler*innen an Orte zu bringen, an denen man nicht zwingend Live-Konzerte erwarten würde. In der Vergangenheit gab es etwa Showcases von Ed Sheeran auf einer Bergspitze mit Alpenpanorama oder Simple Plan in einem Maislabyrinth.

Im Fall der Kasseler Band Milky Chance, die am 22. Juni 2022 als Eröffnung des Greentech Festivals in Berlin auftraten, war der Veranstaltungsort an sich aber nicht unbedingt ungewöhnlich: Beim Kraftwerk Berlin nahe dem U-Bahnhof Heinrich-Heine-Straße handelt es sich um ein ehemaliges, Anfang der 1960er-Jahre erbautes Heizkraftwerk, in dem mittlerweile regelmäßig Events stattfinden. ROLLING STONE hat den Auftritt der Band, wie auch das Greentech Festival präsentiert.

Im Vergleich zu anderen, gewöhnlicheren Venues spielt das Kraftwerk auch bei in der Rezeption eine nicht zu vernachlässigende Rolle. Die alte, industrielle Halle mit ihren Verschachtelungen und Verstrebungen hat eine düstere Atmosphäre, die einen gewichtigen Teil zum Konzerterlebnis beiträgt — das war bei Milky Chance an diesem Abend nicht anders. Das Lichtdesign der Band trug den geometrischen Gegebenheiten der Umgebung Rechnung: einfache, waagerechte LED-Linienführung, reduziert, minimalistisch und über weite Strecken in zeitloser Synth-Pop-Ästhetik daherkommend.

Akustisch ist das Kraftwerk durchaus eine Herausforderung für transparente Popklänge. Besonders wenn sowohl Sänger Clemens Rehbein als auch Gitarrist Antonio Greger zu ihren E-Gitarren greifen, wird der Sound schon sehr dicht — wir sind eben in einer Umgebung, die Klangwolken und wummernde Bassdrums begünstigt.

 

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Milky Chance, so erzählt Rehbein (der an diesem Abend zwischen deutschen und englischen Ansagen hin- und herwechselt), sind eigentlich relativ müde und geschlaucht. Das nicht ohne Grund: Sie sind gerade aus den USA zurückgekommen, wo sie mehrere Shows gespielt haben — zuletzt am 19. Juni 2022 in Colorado (passend zu ihrer 2021 erschienen Single „Colorado¶, die an diesem Abend ebenfalls auf der Setlist steht). Den Jetlag merkt man ihnen in diesen rund 75 Minuten nicht an — aber Milky Chance sind natürlich auch längst Profis. Die USA haben sie bereits mehrfach betourt, waren in den Shows von Jimmy Kimmel und Kelly Clarkson zu sehen. Auch in Deutschland läuft’s gut: Das Publikum im Kraftwerk geht von Anfang an begeistert mit.

Dass Milky Chance durchaus eine atmosphärische Note in ihrer Musik (von vielen als Folktronica bezeichnet, sie ginge aber definitiv als Pop durch) haben, trifft sich angesichts der Location gut — und auch die Dynamik reizt die Band dramaturgisch gekonnt aus. Im Stück „Loveland“ wird an diesem Abend der Folkanteil ihrer DNA in den Vordergrund gestellt, Akustikgitarre und Mundharmonika prägen das Lied. Eines der Highlights ist das bereits genannte „Colorado“, in dem die LCD-Wand ein Lichtermeer andeutet. Darauf folgt dann „Flashed Junked Mind“, toller, geradliniger Indie-Pop. Im Anschluss gibt „Stolen Dance“, jenes Stück, mit dem die Gruppe 2013 auf YouTube international für Aufmerksamkeit sorgte.

 

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Die Band kommt an diesem Abend für drei Zugaben zurück: „Ego“, danach „Running“. Alles bäumt sich zum großen Finale auf, die Viertel-Bassdrum übernimmt die Führung, treibt stoisch nach vorne. „To give up now?“, singt Rehbein immer wieder. Noch ehe man die Vermutung hat, der Klimax des Stücks wäre zugleich der Schwanengesang des Abends, legen Milky Chance noch einmal nach — und zwar mit dem unbeschwerten, sonnigen Stück „Sweet Sun“. „We were 1969 / We were Jimmy and Janice / We are the prophets of the sails / We chose the way of dimension / We are caught up from the amount of the frenetic love tension“, heißt es darin.

Dazu spielt die Hi-Hat jenen Disco-Beat, der den Indie-Rock der 2000er-Jahre definierte, im Hintergrund ist die Rhythmusgitarre clean und funky, einmal mehr kommt die Mundharmonika ins Rampenlicht — ein buntes Treiben, bei dem auch die LEDs zum tatsächlichen Finale in vielen Farben erstrahlen. Dass Milky Chance mit einem sonnigen Stück aufhören, ist nur passend, denn als die Zuschauer das Kraftwerk verlassen, scheint die Sonne immer noch. Eine schöne Eröffnung eines besonderen Festivals, über das ihr hier mehr erfahren könnt.

Deutsche Telekom/Markus Nass
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