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Mit sorgendem Blick. So war das Øya Festival in Oslo


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Der Blick auf das Øya Festival in diesem Jahr war natürlich ein anderer. Nicht einmal drei Wochen waren seit dem Morden des Anders Breivik in Oslo und auf der Insel Utøya vergangen. Die Spielstätte des viertägigen Festivals – der Mittelalterpark in Oslo – lag zudem nur knapp eine Viertelstunde Fußweg von der ersten Anschlagstelle entfernt. So wunderte es nicht, dass man immer wieder Gerüchte hörte, dieser oder jener Musiker hätte sich zur Domkirche begeben, um das langsam vergammelnde Rosenmeer zu begutachten, das sich dort seit den ersten Gedenkveranstaltungen und Trauermärschen sammelt.

Gerade die internationalen Gäste des Festivals – Musiker wie Pressevertreter oder am Line-up interessierte – konnten kaum diesen Blick auf die Norweger abschalten, diesen taxierenden, beobachtenden, stumm fragenenden „Wie geht’s euch eigentlich so?“. Man schämte sich bisweilen ein wenig dafür, denn die Stimmung im Øya-Publikum, das überwiegend aus Oslo selbst zu stammen schien, war durchweg ausgelassen. Das neu gefundene Motto des Øya trug also Früchte. „Taking Oslo back!“, hatten die Veranstalter trotzig verkündet. Es seien Zeiten der „Trauer und Besinnung“, hieß es in einem offiziellen Statement. „Die letzten Tage waren sehr hart und geradezu unwirklich.“ Aber: „Festivals, Konzerte und andere kulturelle oder sportliche Veranstaltungen sollen Arenen für gemeinsame positive Erfahrungen werden und uns in harten Zeiten zusammenführen.“

Wie Recht sie damit hatten, sah man besonders schön beim Konzert der Avett Brothers am sonnigen Samstagnachmittag. Dabei war die Band um Seth und Scott Avett eine der wenigen, die einen kurzen Momente der Schockstarre auslöste. Als die beiden ohne ihre Band im Rücken das bedächtige „Murdered In The City“ anspielten, konnte man fast hören, wie vielen der Atem stockte. Zu leiser Gitarre sangen die beiden Zeilen wie diese: “ If I get murdered in the city / Go read the letter in my desk / Don’t worry with all my belongings / But pay attention to the list / Make sure my sister knows I loved her / Make sure my mother knows the same / Always remember, there is nothing worth sharing / Like the love that let us share our name.“ Man wollte dieses wunderbare Lied und diesen brutalen Anschlag nicht zusammendenken – und trotzdem taten es viele für die Länge dieser Strophen. Aber die Avett Brothers ließen die Menge alles andere als betroffen zurück: Nach fulminanten 60 Minuten, in denen sie sich restlos verausgabten, verabschiedeten sie sich mit dem Titelsong ihres letzten Albums und überließen dem Publikum die letzten Zeilen: „Three words that became hard to say: ‚I‘ and ‚love‘ and ‚you‘.“

Das Øya 2011 war also alles andere als eine Betroffenheitsveranstaltung. Vielmehr wähnte man sich auf der Luxus-Ausgabe eines Festivals, was zu einem großen Teil an dem Line-up lag, dass sich las, als hätten verdammt geschmackssichere Musikfans einfach ihre Lieblinge versammelt – und genug Geld an der Hand, um diese auch zu finanzieren. So kamen vergessen geglaubte und kurzzeitig wieder aufgetauchte alte Helden (Sebadoh, Pulp, Guided By Voices, Jayhawks, Kyuss Lives!) ebenso zu ihrem Recht wie die spannendsten Vertreter des norwegischen Musiknachwuchses (Team Me, Kitchie Kitchie Ki Mi O), Hipster-Acts, auf die sich gerade alle einigen können (Jamie XX, Pantha Du Prince, James Blake, Twin Shadow), krudes Heimisches, das man wohl nur als Skandinavier versteht (Kvelertak, Fjorden Baby!, Hakan Hellström) und sogar Superstars wie Kanye West, der stilecht mit zwanzig eher klassisch ausgebildeten Tänzerinnen anreiste.

Auch das Ambiente wirkte wie ein einziger VIP-Bereich, was zu einem Großteil an der interessanten Spielstätte lag: Der Mittelalterpark ist nämlich ein kleines, grünes Eiland samt Kunstsee inmitten eines Gewimmels aus Autobahnen und neuen protzigen Bürokomplexen, die sich nur ein Architekt mit Selbtbewusstseinsstörungen ausdenken kann. So konnte man also bei den andächtigen, vom Sonnenlicht erleuchteten Gigs der Fleet Foxes und der Jayhawks entspannt am Wasser sitzen, lauschte den Songs über die „Blue Ridge Mountains“ und dem grünen Gras des morgigen Tages und schaute dabei all diese erschreckend hübschen Menschen an. Oder man saß auf schicken Plastiksesseln, die für jedermann bereit gestellt wurden und bestaunte aus der Ferne Kanye West mit seiner imposanten Show. Diese sollte übrigens noch für die ein oder andere Schlagzeile sorgen. Mr. West echauffierte sich nämlich lautstark über „the fucking press. Or should I say DE PRESS!“ Der Grund: Ständig dämonisiere man ihn oder reiße Zitate aus dem Kontext, wie unlängst seine Äußerungen, dass er sich bisweilen so unverstanden wie Hitler fühle. Aber, er habe es auch ohne Presse geschafft, gerade erst, mit Jay-Z – Nr. 1 in 27 Ländern. „Without any fucking press!“ Aber er sei froh über diese begeisterte Crowd, die ihn fast anderthalb Stunden mit wehenden Armen feierte, während er „Hit after hit after hit“ raushaue.

Man sollte an dieser Stelle allerdings noch erwähnen, dass auch die Preise eher für Menschen mit VIP-Status oder einem Osloer Durchschnittsgehalt gedacht sind: Ein Bier kostet immerhin schlanke 11 Euro. Als man sich darüber bei einer jungen Norwegerin ein wenig kleinlaut beklagte, wurde man unter nettem Gelächter getadelt: „Das ist wieder typisch. Alle kommen hier hin und anstelle uns für unsere Musik, unsere Kultur, unsere Natur und unsere Architektur zu loben, wird nur die ganze Zeit über den teuren Alkohol gemeckert.“ Da hatte sie irgendwie auch Recht.

Die Higlights auf dem diesjährigen Øya sah wohl ein Jeder woanders – sicher ist jedoch, dass Pulp mal wieder bewiesen, dass sie die Sache mit der Reunion ernst nehmen und sich gefälligst so verausgaben, wie ihre treuen und neuen Fans es verdient haben. Sebadoh bekamen ihre Rückkehr leider nicht ganz so überzeugend auf die Bühne. Es mag seltsam klingen, sich bei Sebadoh über Soundprobleme zu beschweren, aber das permanente Fiepen trieb leider Lou Barlow dermaßen in die Verzweiflung, dass er noch hilfloser wirke, als er es so schon manchmal tut – und so den ein oder anderen Einstieg versemmelte. „Beauty Of The Ride“ schrebbelte und jubilierte dennoch wie die zerschossene Hymne, die dieser Song nun mal ist – und auch „Brand New Love“ hätte überzeugt, wenn es nicht gegen den Krach der nächsten Band auf der Nebenbühne hätte anklingen müssen.

Eine Band, die übrigens gar nicht so schlecht war: Kitchie Kitchie Ki Mi O präsentierten sich als perfektionistische Nick Cave-Jünger, die mit fetter Produktion auftrumpften und bei der Namensfindung wohl eher die „Murder Ballads“-B-Seiten-Version des Songs „King Kong Kitchie Kitchie Ki-Me-O“ im Sinn hatten, als das Original von Chubby Parker. Für die Reunion von Guided By Voices im klassischen „Alien Lanes“ Line-up und ihrer einzigen Europashow war dann extra ein überschaubarer, aber wunderbar fanatischer Fanhaufen aus England angereist. Die Songauswahl beschränkte sich dabei überwiegend auf die Hits und B-Seiten von „Bee Thousand“ und „Alien Lanes“. Das machten die Herren um Robert Pollard sogleich mit „A Salty Salute“ als Opener klar. Optisch wusste man nie so recht, wie ernst sich die Band noch selber nimmt. Pollard riskierte amüsante Bühnensprünge, Mitch Mitchell hatte den Zeigefinger öfter in der Luft als an der Gitarre und Greg Demos war ein fleisch gewordener Hippie-Alptraum in knallbunter Streifenhose mit Schlag. Sah man aber in die glücklichen Gesichter ihrer Crew und der Fans, wusste man, dass dieses Konzert für alle auf und vor der Bühne beteiligten ein denkwürdiges war. Dennoch wurde man danach ein wenig schräg angeschaut – so als müsse man noch erklären, warum diese Band so großartig ist.

Es ist natürlich schwierig, bei einem Viertages-Konzert alle überzeugenden Acts aufzulisten, gerade weil das Line-up in seiner Geschmackssicherheit ein erstaunliche Trefferquote hatte. Den weißen Soulboy Mayer Hawthorne sollte man auf jeden Fall lobend erwähnen, ebenso die lebhaften Givers, die ja bereits auf unserer Website als Artist To Watch vorgestellt wurden. Oder das imposante Glockenspiel von Pantha Du Prince and the Bell Laboratory, der mit giganischen Stahlglocken seine Songs erst dekonstruierte, um sie im Anschluss neu zusammenzuklöppeln. Aphex Twin, einer der Headliner am Donnerstag wiederum überzeugte auch und vor allem visuell. Er ließ während seiner Show Gesichter im Publikum filmen und baute diese in bisweilen böse Visuals ein, versetzte ihnen Fratzenmasken, setzte sie auf Pin-up-Bildchen und ließ ihnen bunte Dreiecke aus dem Hirn wachsen. Bei einem solch fotogenen Völkchen wie den Norwegern ergab das eine ebenso geniale wie nervtötetende Show – ganz im Sinne von Aphex Twin. 

Als dann am Samstagabend die letzten Akkorde verklangen, schien es, als hätte das Øya 2011 seine schwere Mission erfüllt. Oslo war wieder – zumindest im Mittelalterpark – auf der guten, der freudigen Seiten. Taking Oslo back? Mission accomplished. Den sorgenden Blick stellen wir im nächsten Jahr also einfach ab…


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