Neko Case: Kein Teufelspakt


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Vorweg gesagt: „Middle Cyclone“ ist eine fabelhafte Platte, mit der Neko Case ihre intuitive Mischung aus Country und Pop und Indie-Collage auf ein neues Rekordhoch hievt. Case ist ohnehin ein bisschen eine Heilige, weil sie bei den New Pornographers so vielen Songs ihr seltsames, stolzes, geheimnisvolles, ungemein weibliches Leben eingehaucht hat. Ihre neue eigene Platte ist nicht mehr übermäßig düster, man wird also in Zukunft nicht mehr Country noir sagen können.

Aber was hat es mit den Tieren auf sich, und warum redet Case so viel vom Wetter? Irgendwie umarmt sie das Biest in ihrem Inneren, aber sie singt nicht von Trieben und Abgründen, wie andere Leute es an dieser Stelle tun würden. Sie singt von Trost und Befreiung. „Ein wichtiges Thema dieser Platte ist es, sich in seine tierische Natur fallen zu lassen, sich nicht gegen sie zu wehren“, erklärt Case. „Ich meine, mach keinen Deal mit dem Teufel um herauszufinden, was der Sinn des Lebens ist. Wir können ja die Existenz Gottes nicht beweisen und auch nicht leugnen, wir wissen nichts, unser Hirn ist zu klein, wir sind Tiere. Für mich hat das etwas sehr Tröstliches.“

Wie schafft Case es nur, dass auf ihrer Platte zwischen den Zeilen genau dieses Ringen von Instinkt und Vernunft spürbar wird? Es schwingt etwas in diesen fabelhaften Liedern, die ein Gesamtbild malen. „Ja, es geht darum zu akzeptieren, dass wir Instinkte haben“, bestätigt Case, „Instinkte haben ja einen schlechten Ruf, sie werden mit weiblichem Aberglauben assoziiert und so. Aber Instinkte sind wichtig. Sie führen zu Intuitionen, die wiederum zu richtigen Entscheidungen führen. Wir müssen uns unserer Instinkte wieder bewusster werden.“

Für ihre Musik stimmt das ohnehin schon immer. Sie entsteht intuitiv, nicht handwerklich. „Ich bin keine ausgebildete Musikerin, ich stochere herum und hoffe verzweifelt, dass sich meine Ideen am Ende wie richtige Lieder anhören. Ich baue den Eiffelturm, aber ich mache es mit Lolly-Stielen. Ich will damit sagen, dass man sich die Dinge selbst machen kann, mit dem was man hat, und dass man das irre ernst nehmen sollte.“

Übrigens ist die in Vermont geborenen Sängerin vor Kurzem in ihre Heimat zurückgekehrt, und auch das gehört zum Thema Bauchgefühl. Nach den Jahren in Vancouver und Tuscon hat sie mitten im ländlichen Nichts eine Farm gekauft, ganz wild inmitten von Gras und Grün und weiterer Farmen. In der eigenen Scheune entstanden nun auch einige Aufnahmen zu „Middle Cyclone“.

Mitglieder der New Pornographers spielten sechs zum Teil schrottreife Klaviere gleichzeitig, das Ergebnis kann man auf einer Handvoll der Lieder hören. Auch andere Freunde waren an der Produk­tion beteiligt- Calexico, die Sadies, Los Lobos, M. Ward und einige andere mehr.

„All diese wunderbaren Musiker und Freunde kamen und spielten- aber sie blieben auch zum Essen. So hatte ich die Zeit, mich nach ihren Familien zu erkundigen und herauszufinden, wie es ihnen mit ihrem Leben geht. Das ist ein ebenso wichtiger Teil des Ganzen.“ Die musikalischen Instinkte funktionieren besser, wenn der zwischenmenschliche Rahmen steht.

Jörn Schlüter