Neue Musikbücher: „London Babylon“ von Steve Overbury


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Swinging London ist die Hure Babylon, ist Katalysator kreativer Schübe, ist Olymp, von dessen Gipfel herab zwei Musikgruppen Blitze der Erleuchtung schicken, ist Ort des zügellosen Hedonismus, der Dekadenz und der Entgleisungen, ist „the grooviest place in the world, ever“. Steve Overbury kann sich einfach nicht entscheiden, welcher dieser und zahlloser weiterer Aspekte ihn am meisten fasziniert. Also begibt er sich auf eine literarische Tour de Force, häuft Fakten auf und schmückt Gerüchte aus. Und wenn des Autors zuweilen dubiose Quellen zu versiegen drohen, imaginiert er Dialoge. So muss es gewesen sein, wenn Mick und Paul und Jimi einander die Meinung geigten, anno ’67. Overburys Who’s Who der „beautiful people“ schließt Dichter und Dealer ein, Mäzene und Mörder, Satanisten, Stricher, Aristokraten, Groupies und allerlei anderes parasitäres Gesindel, das trabantenartig um das Doppelgestirn Beatles/Stones kreiste.

Das Verhältnis der lichtspendenden Majestäten zueinander wird als komplexes beschrieben. Die Antipoden pflegten eine kumpelhafte Rivalität, achteten darauf, dass ihre Gravitätsfelder sich möglichst nicht berührten und genossen den Nimbus der Unantastbarkeit. The Beatles & The Rolling Stones als Pop-Ratpack mit globalem Einfluss. Den Overbury feiert, während die Eskapaden nachgeordneter Kulturschaffender nicht selten zu Possen degradiert werden. Überhaupt ist ein Hang zu Skurrilitäten zu konstatieren, der vordergründig unterhält, indes keine Einsichten vermittelt.

Weitaus interessanter sind die Ausführungen zu den Wechselwirkungen von Geld und Geburt, von Libertinage und Tradition. Donald Cammells und Nic Roegs Film „Performance“, der die Kollision zweier unvereinbarer Lebenswelten inmitten des irrwitzig swingenden London zeigt, wird ein ganzes Kapitel gewidmet. Die Moral, an die sich der flüchtige Eastend-Gangster angesichts promiskuitiver Westend-Allüren des Rockstars klammert wie ein Ertrinkender, erweist sich als destruktive. Realität verschwimmt psychedelisch, die Handlung löst sich auf, das Ende wird verrätselt. Ein ambivalenter Abgesang auf die vitalste Epoche einer Stadt, deren Stadtmauer
bereits im 12.Jahrhundert „Babeylone“ hieß. (Overbury, ca 20 Euro)

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Wolfgang Doebeling

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