Comic-Blog (02)

Neunte Kunst: In Geiselhaft der eigenen Gedanken und Gelüste

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Neunte Kunst: In Geiselhaft der eigenen Gedanken und Gelüste

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„Geisel“ von Guy Delisle: Die Qualen der verlorenen Zeit

Guy Delisle ist einer der bedeutendsten Graphic-Novel-Autoren der Gegenwart. Ein großes Publikum fand der Kanadier vor allem mit seinen politischen Comic-Reiseberichten (in Deutschland bei Reprodukt): In „Shenzhen“ beschreibt er, wie er als Animationskünstler in der chinesischen Millionen-Trabantenstadt arbeitet und lauter „Lost in Translation“-Momente erlebt. In „Pjöngjang“ erzählt er von seinen Erlebnissen in Nord-Korea.

Seine zwei nachfolgenden Reisebücher „Aufzeichnungen aus Burma“ und „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ sind ebenfalls autobiografisch. Seine Frau arbeitet bei den Ärzten ohne Grenzen und war in Burma und Israel eingesetzt. Guy kümmerte sich vor Ort um die Kleinkinder und beschreibt in den Büchern seine Dreifachrolle als Freelance-Künstler, Papa und Reisender mit wachem Blick für politische Zustände.

Auszug aus „Geisel“

Für sein neues Projekt „Geisel“ hat Delisle sich nun ein Land vorgenommen, von dem selbst in den Nachrichten kaum mehr etwas zu hören ist: Tschetschenien. Es ist aber nicht seine Geschichte, sondern die eines bekannten „Ärze ohne Grenzen“-Mitarbeiters, der Ende der 90ern in Tschetschenien verschleppt worden und von Freischärlern mehrere Monate festgehalten worden ist. Eine beklemmende Lektüre, die den Leser die Emotionen und Innenwelt eines Entführungsopfers erfahrbar macht. Reprodukt

(RS)

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„Patience“ von Daniel Clowes: Reise in die Vergangenheit

Patience und Jack wurden nicht auf der Sonnenseite des Lebens geboren. Beide wuchsen in bescheidenen Verhältnissen auf; Geldsorgen, Scham, Ausgrenzung und Gewalt lernten sie schon früh kennen. Kein Wunder, dass sie beim jeweils anderen den lange gesuchten Halt finden. Als Pa­tience von Jack ein Kind erwartet, keimt Hoffnung auf. Doch nur wenige Tage später findet Jack seine Freundin tot in der Wohnung und wird als Tatverdächtiger festgenommen.

Jack ist ein klassischer Antiheld à la Daniel ­Clowes. Er ist in der Welt, in die sein Schöpfer ihn gesetzt hat, hoffnungslos verloren, doch er macht sie sich zu eigen. Nach seiner Entlassung aus dem Knast springt die Erzählung aus dem Jahr 2012 ins Jahr 2029, als Jack in den Besitz eines mysteriösen Zeitreiseapparats gerät. Er beamt sich damit um Jahrzehnte zurück, um den Mord an Pa­tience zu verhindern und sein Leben wieder in die richtigen Bahnen zu führen. Das ist nur der Anfang zahlreicher Zeitreisen, die Jack mit Patience’ beklagenswerter Lebensgeschichte, aber auch mit seiner eigenen verkorksten Biografie konfrontieren.

Und mit jeder verpassten Chance, den Lauf der Ereignisse zu verändern, rückt die Frage in den Vordergrund, ob ein Eingriff in die Geschichte den erhofften Effekt zeitigen würde: Würde er ihr, wenn er sie als Kind bei einer seiner Zeitreisen aus der Armut holte, später überhaupt begegnen? Mit jeder Zeitreise erfährt man etwas mehr über Patience’ Vergangenheit, und mit jeder Informa­tion wird Jacks Plan waghalsiger.

Clowes ist spätestens seit seinem Magazin „Eightball“ aus den späten Achtzigern eines der größten zeitgenössischen Comicgenies; auch ­Giganten wie Adrian To­mine oder Chris ­Ware schwärmen von seinen Arbeiten, die mit Terry Zwigoffs „Ghost World“ zudem den Weg auf die Leinwand gefunden haben. Im Sommer kommt eine Adaption des großartigen Comics „Wilson“ in die Kinos – das gleichnamige Album wird dafür neu aufgelegt.
Klare Linien, knallige Farben und unter die Haut gehende Dialoge prägen das Werk des Amerikaners. In „Pa­tience“, dieser sensationell visua­lisierten Zeitreise samt düsteren Verwicklungen, reizt Clowes die Möglichkeiten der sequenziellen Erzählkunst vollends aus. Ein weiteres Meisterwerk. Reprodukt

(Thomas Hummitzsch, RS 03/17)

Szene aus „Ghost World“
Szene aus „Ghost World“

„Esmera“ von Zep und Vince: Orgasmorphosen

Ausgerechnet der Comic tut sich seit Jahren, wenn nicht sogar seit Jahrzehnten, schwer mit der Erotik. Vielleicht liegt es am Porno-Overkill, an den unendlich vielen Videos und Bildern im Netz, die es unmöglich machen, gegen deren Drastik fantasievoll anzutexten und anzuzeichnen. Schmuddeleien wie „Das Schiff der Verrückten“ von Noé oder die schon längst zur Gewohnheit gewordenen Manga-Hardcore-Spielereien können den Höhenflügen, die das Genre durch die Arbeiten von Robert Crumb und vor allem Milo Manara („Gullivera“) gewann, längst nicht gerecht werden.

Dabei böten sich doch so viele Möglichkeiten! Der schweizer Comickünstler Zep, der den frivolen Knirps Titeuf ins Leben rief, hat sich als Texter mit  dem Zeichner Vince zusammengetan, um eine jener tolldreisten Geschichten zu erzählen, in der die Menschen sich nach dem Sex nicht in Gedanken zerquälen, ob es nun für eine längere Beziehung reicht oder nicht. In „Esmera“ geht es um ein junges Mädchen, das in einer Klosterschule erzogen wird und von ihrer längst sexuell aktiven Kameradin Rochelle dazu angeleitet wird, selbst einmal einige zärtliche Erfahrungen zu machen. Irgendwann bietet sich die Freundin selbst als Lehrmeisterin zur Steigerung der Lust (und zum Erleben eines echten Höhepunkts) an.

Ein einschneidendes Erlebnis, verwandelt sich Esmera doch danach plötzlich zum Mann. Und wechselt sie nach jedem weiteren Orgasmus wieder das Geschlecht. So wird das Studentenleben zu einer aufreizenden Suche nach der eigenen Identität.

Die sehr schmale narrative Grundlage lebt von diesem für Verwechslungs- und Situationskomik brillant nutzbaren Kniff, der natürlich in der Kunstgeschichte von Ovid aufwärts so ziemlich in jeder erdenklichen Variante durchexerziert wurde – und hier doch ziemlich frisch daherkommt. Das liegt vor allem an der intellektuellen Verdichtung des Topos, den Zep dazu nutzt, über die Tabuisierung der Lust und die viel zu selten genutzten (körperlichen) Möglichkeiten des Erwachsenwerdens nachzudenken. Unterstützt wird dies von den geradezu fotorealistischen Zeichnungen Vince’, die sich großzügig im ästhetischen Baukasten pornographischer Inszenierung bedienen.

Auch wenn der schmalen Graphic Novel zum Schluss die Argumente für weitere pikante Sexszenen auszugehen drohen, unterhält die Erzählung auf reichlich hohem Niveau und erinnert daran, dass sich Comic, Kino und Literatur ganz sicher nicht von der Internet- und VR-Pornographie ausspielen lassen sollten, wenn es um die Bebilderung von menschlichen Gelüsten und Sehnsüchten geht. Splitter

(MV)


„Swamp Thing“-Zeichner Bernie Wrightson ist tot

Kurz vor Fertigstellung dieses Blog-Eintrags erreicht uns noch die Nachricht, dass der großartige Bernie Wrightson, der Zeichner von „Swamp Thing“, bereits vor einigen Tagen gestorben ist. Der US-Comic-Veteran wurde vor allem durch seine brillant bebilderten und schauderhaften Horror-Comics (Z.B. unter dem Titel „Badtime Stories“) bekannt. Nach 1954 war alles, was mit Sex und Crime aus dem Comic verschwunden, als der so genannte Comic Code eingeführt wurde. Wrightson holte das Grauen und zuweilen auch den Ekel zurück ins Bild und widmete sich fantastischen Adaptionen von Frankenstein, Stephen Kings „Creep Show“ und Vampirella.

Mit „The Cult“ warf er 1988 – bereits im Frühherbst seiner Karriere – eine gefeierte, vierteilige Batman-Story auf den Markt. Darin wird der Fledermausmann Opfer eines spirituellen Irren namens Deacon Blackfire, der in der Kanalisation Gothmas gekaperte Obdachlose zu einer Armee der Finsternis formt. Ein hellsichtiger Comic, der nichts von seiner gesellschaftskritischen Schärfe verloren hat. (MV)

„Charlie Hebdo“-Zeichnerin Catherine Meurisse: „Nach dem Anschlag war alles schwierig!“

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