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Neunte Kunst: Marc-Antoine Mathieu – Kafka am Zeichentisch

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Neunte Kunst: Marc-Antoine Mathieu – Kafka am Zeichentisch

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Wer schon mal einen Comic von Marc-­Antoi­ne Mathieu gelesen hat, ahnt, warum es nur konsequent ist, dass sein neues, im August erscheinendes Werk „­OTTO“ heißt. Der Franzose ist ein Wort-Bild-Magier, der mit ungewohnten Assoziationen alte Denkmuster löst. Ein Titel, den man sowohl von vorn als auch von hinten lesen oder, anders ausgedrückt, in der Mitte spiegeln kann, ist dafür ein guter Anfang.

Die Geschichte handelt von einem erfolgreichen Künstler, der mit In­stallationen und Inszenierungen im Sinne einer „Metaphysik des Doppelten“ weltweit für Furore sorgt. Ob er sich selbst in einer reflektierenden Scheibe oder grafischen Anordnungen spiegelt: Otto begeistert mit seiner Kunst alle. Er selbst fühlt sich jedoch in seinem Konzept gefangen. „,OTTO‘ enthält natürlich einiges von mir selbst“, räumt Mathieu unumwunden ein, biete aber auch die Möglichkeit, über den Künstler im Allgemeinen nachzudenken. „Welcher Künstler hat sich denn noch nicht die Frage gestellt, ob nicht all seine Schöpfungen und Kreationen ver­glichen mit dem echten, ungefilterten und puren Leben absolut sinn- oder nutzlos sind?“

Cover der französischen Ausgabe von „Otto“
Cover der französischen Ausgabe von „Otto“

Spiel mit Reflexion

In seine Krise hinein ereilt Otto die Nachricht vom Tod seiner Eltern. Sie hinterlassen ihm ihr Haus und ­eine Truhe mit Aufzeichnungen aus seiner frühesten Kindheit: bis an den Rand beschriebene Notizhefte, Zeichnungen, Fotografien, Ton- und Videoaufnahmen. „Jeder Tag, jede Stunde seiner Kindheit waren eingehend untersucht, festgehalten in Echtzeit“, heißt es im Comic. Weil sich Otto an seine frühe Kindheit nicht erinnert, ist diese Truhe ein Schatz der Erinnerung, der ihn an die sehnsüchtig gesuchten Ursprünge seiner Existenz führt. Otto taucht in jene Kindheit ein, die ihm dort geboten wird, und verliert sich auf Jahre in den zahlreichen Quellen, die er mithilfe von Wäscheleinen und Erinnerungszetteln in seinem Atelier zu einer gigantischen Skulptur anordnet. Inmitten dieser Skulptur verirrt er sich zwischen den Spiegeln von Zeit und Raum im eigenen Gedankengebäude.

Panel aus „Richtung“
Panel aus „Richtung“

„­OTTO“ ist radikales Spiel mit dem Konzept der Reflexion: Es geht ums Denken und das Widerspiegeln des Selbst in den eigenen Gedanken. Anlass und Ausgangspunkt dieser Auseinandersetzung mit dem Ich ist die geheimnisvolle Truhe. Während der fiktive Künstler es wagt, sie zu entriegeln, würde Mathieu dies unter keinen Umständen machen, wie er einräumt. Spannend und anregend sei aber, dass es in der Kunst möglich ist. „In der Kunst kann man Dinge machen, die einem im Leben unmöglich sind.“

Von dieser Freiheit macht der Franzose in seinen Arbeiten reichlich Gebrauch. Mal lässt er seine Figuren als Doppelgänger aus der Handlung treten und den Fortgang der Ereignisse beobachten („Die 2333. Dimension“), dann wieder erzählt er eine Geschichte in 33 Spiegelungen („3 Sekunden“). Und er verschafft auch schon mal „Gott höchstselbst“ einen irdischen Auftritt oder führt einen Mann mithilfe von Pfeilen durch eine sinnentleerte Welt („Richtung“). Mathieu ist in der Neunten Kunst – wie Johann Sebastian Bach in der Musik oder Franz Kafka unter Literaten – ein Ausnahmekünstler.

Comics als Augenöffner

Der 1959 bei Paris geborene Mathieu studierte an der Hochschule für Schöne Künste in Anger, gründete 1985 eine auf Ausstellungsdesign spezialisierte Grafik­agentur und arbeitete als Szenograf, bevor er mit dem Comiczeichnen begann. Vom ersten Album an sind seine meist in Schwarz-Weiß gehaltenen Werke echte Augenöffner. ­Etwa ein Dutzend Comics sind in den vergangenen 30 Jahren entstanden. Die Ursache für diese geringe Zahl ist die Akkuratesse, die er als Künstler an den Tag legt. Zum einen erfordern seine hochkomplexen Plots ­eine geradezu mathematisch exakte Gesamtkomposition, zum anderen erfordert seine Vorliebe für Zoom und Spiegelung eine derart detaillierte zeichnerische Ausführung, dass sich die Arbeit an einer Einzelseite schon mal über mehrere Tage und Wochen hinziehen kann.

Cover von „Der Wirbel“
Cover von „Der Wirbel“

Ein Wochenende reicht, um sich durch sein komplettes Werk zu lesen. Ein ganzes Leben scheint zu kurz, um es in seinen unzähligen Querverweisen und Andeutungen allumfassend zu verstehen. Schon seine unabgeschlossene und bislang auf sechs Alben angewachsene Comic­reihe „Julius Corentin Acque­facques. Gefangener der Träume“, die in der renommierten Sammlung des Comicmuseums in Angoulême als „wohl erstaunlichste Serie ihrer Zeit“ geführt wird, hält Stoff für unzählige Doktorarbeiten vor. Das Acque­facques-Universum ist eine Hommage an die US-amerikanische Zeitungsserie „Little Nemo In Slumberland“ von Winsor McCay. „McCay war für mich eine Offenbarung“ erklärt Mathieu mit Bezug auf sein Idol, dessen Arbeiten er jedoch erst spät entdeckt habe. Irgendwann in den Achtzigern sei er auf McCays romantische Erzählungen eines kleinen Jungen gestoßen, der auf seinen Traumreisen nach Schlummerland fantastische Abenteuer erlebt. Während Nemo am Ende eines jeden Strips verlässlich aus seinen Träumen purzelt, fällt Acque­facques immer zu Beginn unsanft aus seinem Bett. Wohin? Das ist schwer zu sagen. Denn ob das, was dann folgt, Teil der erzählten Realität oder einfach nur ein Fest des Absurden ist, liegt letztlich im Auge des Betrachters.

Acques­facques, gelesen AKFAK, ist im wahrsten Sinne eine kafkaeske Figur – man lese einfach den Namen rückwärts. Er ist aber auch ein Wiedergänger von Musils „Mann ohne Eigenschaften“. Er ist, was er erlebt, wobei er zum Gefangenen surrealer Träume wird, in denen er durch schwarze Löcher im Bildraster fällt, auf die schiefe Bahn von aus den Seiten emporsteigenden Wirbeln gerät oder sich irgendwo zwischen den Zerrspiegeln verirrt, die das Innere nach außen und das Äußere nach innen kehren.
Muss man für so viel Kreativität selbst auch ein Traumtänzer sein? Mathieu verneint: Er träume insgesamt recht selten. „Um genau zu sein, ich träume wahrscheinlich genauso viel oder wenig wie die meisten anderen, aber ich erinnere mich kaum an meine Träume. Vielleicht liegt das an meinem allgemein schlechten Gedächtnis, und ich versuche meinen Frust über die feh­lenden Erinnerungen mit erfundenen Träumen auszugleichen, die die Erinnerungs­lücken füllen.“

Erinnerungen an David Lynch

Auf der Suche, um seine Erinner­ungslücken zu füllen, ist womöglich auch der anonyme Wanderer in Mathieus letztem Werk, „Richtung“, der sich durch ein Labyrinth aus unzähligen Richtungsangaben kämpft. Es ist die Odyssee eines unbekannten Mannes, die ihn aus dem absoluten Schwarz auf die andere Seite des Spiegels in ein gleißendes Weiß führt. Er durchquert Wüsten und erklimmt Berge, fällt in verborgene Löcher und stolpert in unbekannte Welten, folgt intuitiv den Schatten des Lichts und den verschütteten Spuren der Zeit. Über 250 Seiten hinweg passiert im Grunde nichts und alles, und am Ende ist ein Leben vergangen. Durch die optisch simple, aber narrativ höchst anspruchsvolle Logik entsteht eine nervenaufreibende Spannung, die an David-Lynch-Filme erinnert.

Das Labyrinth, der Spiegel und die Bibliothek sind Motive, die im Werk des Franzosen immer wieder auftauchen. Sie verweisen auf die Literatur von Franz Kafka, Lewis Carroll, Boris Vian und Jorge Luis Borges, auf die surreale Kunst von Salvador ­Dalí, René Magritte und André Breton sowie auf die Psychotherapie nach Sigmund Freud. Auf sie bezieht sich Mathieu mehr oder weniger direkt in seinem vielschichtigen Werk, in dem er dem Wesen des Menschen auf den Grund geht. „Kafka hat mich schon in meiner Jugend gepackt. Ich habe nicht immer alles verstanden, aber ich war von dem, was Kafka zwischen den Worten, in der Tiefe der Schatten versteckt hat, ergriffen: Dort spricht er ganz direkt das Individuum an. Kafka nutzt wie alle guten Schriftsteller die Worte, um sie verschwinden zu lassen. Das Gleiche gilt für Borges, der uns in die verborgenen Winkel der Welt und ins Labyrinth unserer Seele führt. Mich hat er zur Philosophie, aber auch zur Wissenschaft gebracht, zum Nährboden der Imagination.“

Die Frage, ob Glaubwürdigkeit ohne Wirklichkeit auskommt, beantwortet Mathieu in seinen Arbeiten eindeutig positiv. Die Welt ist ein Chaos; wer sie greifen will, kann nur scheitern. Deshalb verliert auch Spiegelkünstler Otto auf der Suche nach seiner eigenen Vergangenheit jeden Bezug zur Wirklichkeit. Das Eintauchen in die Kindheit wird eine endlose Reise zum Ich. „Jede Erleuchtung aus der Truhe war die Geburt einer neuen Wahrheit und der Tod einer Illusion über ihn selbst“, heißt es da. Die Erkenntnis über das Ich entsteht hier im Chaos der unzähligen Erinnerungsschnipsel.

Bis die Grenzen der Realität verschwinden

Anfang Juni eröffnet im Frankfurter Museum Angewandte Kunst eine Ausstellung von Ma­thieus Arbeiten, die Grenzen sprengen und im Bereich der Comic­literatur einmalig sind. Faszinierend daran sei das Spiel mit Sprache und Bild, das Mathieu mit dem „rücksichtslosen Forschungsdrang eines Kindes“ betreibe, so Kurator David Beikirch. „Er bezieht ­dabei alles ein, was die Leser auf Grenzbereiche und Paradoxien zusteuern lässt, die sonst in festgelegten Bereichen eingehegt und ent­dämonisiert worden sind. Das kenne ich sonst nur aus der Musik, dass verschiedene Techniken, Inhalte und Perspektiven zu derart komplexen Narrationen gemischt werden, bis sich die Realitätsebenen und Grenzen gar nicht mehr nachvollziehen und unterscheiden lassen.“ Beikirch spricht in diesem Kontext von einer alchemistischen Kunst, die das Wahrgenommene mit sinnlichen und emotionalen Bezügen neu verknüpft. Man könne dar­in „einen universalen, offenen Kommunikationsraum finden, der konventionelle Diskurse und Ordnungen mit spielerischer Freiheit überschreitet und mit größter Grausamkeit die mühevoll aufrechterhaltenen Gewissheiten und Sicherheiten außer Kraft setzt.“

Wenn das Absurde nach Regeln funktioniert, dann hat Mathieu sie gefunden. Eine Maxime, die er beim Zeichnen seiner Comics beachtet, könnte daher lauten: „Das Absurde hat nur einen Sinn, wenn man es akzeptiert.“ Der Künstler ist, frei nach Houelle­becq, ein menschlicher Sklave, der seiner eigenen Kunst dient. Oder wie es ­eine von Ma­thieus Figuren sagen würde: „Die Kunst hat keinen anderen Sinn, als das Leben interessanter zu machen als die Kunst selbst.“ In diesem Sinne ist das Werk des Franzosen große Kunst. Es ändert den Blick auf die Welt und macht das Leben interessanter.

Editions Delcourt
Reprodukt und Marc-Antoine Mathieu
Reprodukt
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