New Noises 97

Parallel zum reizüberfluteten Weihnachtsgeschäft möchten wir Ihnen einige Favoriten der Redaktion vorstellen: Etabliertes von Julian Casablancas oder Blitzen Trapper Seite an Seite mit Geheimtipps wie dem tollen A.A. Bondy.

01 Was Julian Casablancas in den vier Jahren seit dem letzten Strokes-Album gemacht hat (außer jener Kooperation mit Santi Gold und Pharell Williams für Converse), lag weitestgehend im Dunkeln – bis dieses Frühjahr plötzlich ein Clip auf des Sängers Webseite auf ein in Bälde erscheinendes Solo-Album verwies. Selbiges heißt „Phrazes For The Young“, ist inzwischen erschienen, und beweist einmal mehr: Casablancas ist das wahre Genie der New Yorker Band. Für „llth Dimension“ destillierte er aus der DNA der Strokes, Achtziger-Zitaten und modernen Dance-Beats eine Art schicksalsschweren, überaus melodiereichen Zukunftspop. Und wie sehr wir die zerdehnte Lakonie und Wehmut dieser Stimme vermisst haben!

02 Seit sie 2003 im Nachgang eines offenbar explosiven Auftritts in Glastonbury unter Vertrag genommen wurden, verläuft die Karriere der britischen Band The Boxer Rebellion antizyklisch. Während allgemein über sinkende Umsätze gejammert wird, überlebten die Briten den Niedergang von Alan Mc-Gees Poptones-Label. Mit neuem Vertragspartner ausgestattet, geriet der Band die Veröffentlichung ihres zweiten Albums „Union“ zum Husarenstreich: Die erste Single wurde binnen einer Woche über 500 000 Mal bei iTunes geladen und verwies Mitbewerber wie Coldplay und die Kings Of Leon auf die Plätze. Das dazugehörige Album schließlich erreichte den fünften Platz der englischen Charts. Wie gehabt evozieren The Boxer Rebellion-Songs wie „Spitting Fire“ auf ganz wunderbare Weise die frühen U2.

03 Sie werden sich noch an Clap Your Hands Say Yeah erinnern -jene Band, deren Name vor einigen Jahren in jedem zweiten Text über die neuen Distributions- und Vermarktungsmöglichkeiten im Internet gedroppt wurde, weil die Amerikaner eine beachtliche Zahl von Tonträgern über die eigene Webseite verkauft, eingetütet und in die ganze Welt verschickt hatten. Ein System, das so oder ähnlich noch bei den Arctic Monkey funktionierte – und danach leider gar nicht mehr. CYHSY haben sich trotzdem gehalten, auch wenn ihre tolle zweite Platte ein bisschen untergegangen ist. Nun versucht sich der Sänger Alec Ounsworth an einem ersten Solo-Album – und erweist sich abermals als formidabler Songschreiber und Interpret. Ähnlich wie „Me And You, Watson“ sind die meisten Songs auf „Mo Beauty“ ein wenig geradliniger als das Werk der Hauptband. Aber Ounsworths flirrend-nervöses Organ implantiert eine gesunde Spur Wahnsinn ganz von selbst.

04 Vielleicht ist Ihnen der Mann aufgefallen, der unlängst die Deutschland-Konzerte der Feiice Brothers eröffnete. Nur mit einer Gitarre ausgerüstet, verbreitete A. A. Bondy andächtiges Schweigen und ging mit Indie-geschulter Americana hochintensiv zu Herzen. Auch im sonstigen Leben ist Auguste Arthur Bondy, wie er komplett heißt, ein Freund der Brothers und bedient sich aus ähnlichen musikalischen Töpfen. Während der Aufnahmen zu seinem zweiten, großartigen Album „When The Devil’s Loose“ aß er nach eigenem Bekunden mit Vorliebe Catnsh, die Verwandten halfen derweil beim Einspielen der Lieder. Es sind die besten, die man seit längerer Zeit gehört hat.

Leider hatte die Plattenfirma kein Geld, das solchermaßen entstandene Werk zu vermarkten. Der zuständige Promoter hörte Bondy – und bot seine Dienste umsonst an. Mehr braucht man nicht zu sagen.

05 Die Brooklyner Szene ist ein unübersichtliches Gewusel, in dem man schnell untergehen kann. Laufend kommen junge Musiker nach Williamsburg – und versanden nicht selten hinterm Tresen einer der unzähligen Bars. Nicht zuletzt deshalb warteten Joe D’Agostino und Matthew Miller, bis sie sich in den umliegenden Stadtteilen einen Namen gemacht und vor allem eine vernünftige Aufnahme produziert hatten. 2008 -Pitchfork.com hatte gerade ihr selbst produziertes Debüt als „best new music“ bezeichnet – gingen Cymbals Eat Guitars dann zum Großangriff über. Sie bemusterten die wichtigsten Plattenläden, bis sie schließlich gar im NME besprochen wurden. „Why There Are Mountains“ ist nun ihr erstes „richtiges“ Album. Es weist Cymbals Eat Guitars als eine der interessantesten und vielseitigsten neuen Bands aus. Von Noise über Shoegaze-Verweise bis hin zum weltumarmend juchzenden Indie-Pop von „Indiana“.

06 Wenn Sie heute Sänger einer New Yorker Indie-Band sind, können Sie ohne Solo-Album gleich einpacken. Nach Paul Banks, Karen O und Julian Casablancas kommt nun auch Kyp Malone, im Hauptberuf bei den großartigen TV On The Radio, mit einem Solowerk. Bereits seit Jahren arbeitet Malone parallel an eigener Musik, nun hat er einige seiner Songs unter dem Moniker Rain Machine zu einem ersten Album zusammengefasst. Als Interimswerk will er „Rain Machine“ indes nicht verstanden wissen. Vielmehr handele es sich um Musik, die den Hörer mühelos auf eine andere Bewusstseinsebene hieven könne, wie Malone jüngst erklärte. Ob bewusstseinserweiternd oder nicht: Jedenfalls sind Songs wie „Leave The Lights On“ insgesamt spröder und noch offener als das Werk seiner Hauptband.

07 Als reisenden Killer mit gelegentlichen Knastaufenthalten mag man sich den an sich sehr schwiegersohntauglichen Eric Early gar nicht vorstellen. Trotzdem hat er mit seiner Band Blitzen Trapper die, nun ja, fluffige Mörderballade „Black River Killer“ aufgenommen: „Then I went to the river for to take a swim/ You know that black river water is as black as sin.“ Übrigens der Titelsong einer vor einigen Wochen erschienen EP mit sieben Songs aus den letzten sieben Jahren, mit der Blitzen Trapper eine Art erste Bilanz ziehen. Während diese Zeilen geschrieben werden, steckt die Band aus Portland bereits in den Vorbereitungen für ein fünftes Album.

08 So einfach kann es eben auch gehen: Während der Großteil der Menschheit immer noch nicht verstanden hat, wie sie eigentlich zustande gekommen ist, diese komische Krise, in deren Mitte wir uns gerade befinden, pfeift der Grandseigneur der Hamburger Schule auf Runde Tische und tiefgründige Analysen. „Ich erkläre diese Krise für beendet“, heißt Bernd Begemanns neues Album mit der Befreiung. Und natürlich kann sich jeder aussuchen, welche Krise nun gemeint ist – denn irgendwo und irgendwie ist ja immer Krise, und sei es im Privaten. Worin die Lösung liegt? Im Konsum, wir ahnten es bereits, jedenfalls nicht, wie wir in „All deine Netzteile“ ein weiteres Mal auf herrlich berückende Weise erklärt bekommen. Eher schon in diesem Zuckerwattepop.

09 Sie steht schon länger, jene Connection zwischen Belgien und Joshua Tree, wo die Queens Of The Stone Age mit Vorliebe ihre Platten in Dave Katchings Rancho De La Luna-Studio aufnehmen. Den belgischen Rockmusiker Tim Vanhamel (Millionaire) und Josh Homme verbindet eine Männerfreundschaft, die sich bereits in musikalischen Kollaborationen niederschlug. Aus dem Millionaire-Umfeld rekrutieren sich auch Creature With the Atom Brain, auf deren neuem Album „Transsylvania“ die Homme-Buddies Mark Lanegan und Chris Goss zum Einsatz kommen. Wirklich nötig haben die Belgier die prominente Schützenhilfe allerdings nicht – hypnotischpsychedelische Gitarren und raumgreifende Melodien wie in „The Color Of Sundown“ können sie auch alleine.

10 Selten zuvor komponierte Mark Eitzel so spartanisch wie auf „Klamath“. Das Album ist betitelt nach jenem Fluss, an dessen Ufer der Songschreiber eine Holzhütte bezog, um dort nach einer Tournee zur Ruhe zu kommen und die Songs für sein erstes Solo-Album seit acht Jahren einzuspielen. Eitzel wanderte durch einsame Wälder und war bald besessen von dem Gedanken, deren unheilvoll majestätische Stille in Musik umzudenken. In „The Blood On My Hands“ gelingt dieses Ansinnen vortrefflich.

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