Parole Brandi: Wie Boxen gegen Handysucht helfen kann

Gastautorin Tossia Corman erklärt, was man vom Kampfsport fürs Leben lernen kann.

ROLLING STONE Badge
Empfehlungen der Redaktion

Meine liebe Freundin Charlotte Brandi und ich teilen, unter anderem die Freude darüber uns über die „kaffeewarme, lockenflockig untergeschobene Toxicity“ von 90er-Jahre-Serien auszulassen, und den Drang, die sich dabei aufstauende Wut beim Kampfsporttraining wieder abzubauen.

Du, Charlie, schmeißt dich dafür mehrmals die Woche in deinen Dogi, um dich beim Brazilian Jiu-Jutsu für alle Eventualitäten zu stärken. Ich wickele mir seit knapp acht Jahren regelmäßig Bandagen um die Hände, um beim Training in Düsseldorfs coolstem Boxclub (if you know, you know!) wieder auf klare Gedanken zu kommen.

Schlagabtausch mit einem Chauvi

Und wenn du, Charlotte, mir davon berichtest, wie (once again) ein mittelalter Mann, in diesem Fall mit Rap-Background, dir erzählt, was du als Frau kannst oder nicht kannst, verspüre ich stark den Drang, mir sofort meine Handschuhe anzuziehen und irgendwo draufzuhauen, da möchte ich ganz ehrlich sein. „Süß“, wie es dein Rapper formuliert hat, ist daran irgendwie so gar nichts.

Dass Männer uns trotzdem immer besiegen könnten und würden – ebenfalls ein „Learning“ aus deinem „Gespräch“ mit besagtem Herren – ist, wie du selber sagst, eine bekannte Tatsache und ja Teil eines viel größeren Problems. Zu unterstellen, dass alle Frauen, die Kampfsport betreiben, dies deswegen quasi vergeblich tun, ist eine grobe Unverschämtheit! Auf so vielen Ebenen, dass die jetzt hier aufzuzählen, den Rahmen sprengen würde.

Deswegen möchte ich lieber auf deine Frage antworten, was der Kampfsport mir, respektive uns, beibringen kann, was über das, wie du es formulierst „Siegen und Besiegtwerden“ hinausgeht.

Boxen – der beste Sport der Welt!

Vorausgeschickt sei folgende, kurze Liebeserklärung an das Boxen. Obwohl ich zu Superlativen neige und vielleicht hier und da mal ein wenig, sagen wir, euphorisch übertreibe: Boxen ist der beste Sport der Welt! Wegen der offensichtlichen Benefits, klar. Es wird Ausdauer trainiert, die Kondition gesteigert, man baut Muskeln auf an Körperstellen, von denen man nicht wusste, dass dort überhaupt welche aufzubauen sind. Man wird stärker, schneller, fitter. Und ganz ehrlich – es sieht SO cool aus! Boxen stärkt, neben der harten Schlaghand und den viel arbeitenden Oberschenkeln aber auch die Seele, den Geist – und das Herz.

Gastautorin Tossia Corman
Gastautorin Tossia Corman
privat

Oh, welche Lebenserkenntnisse ich schon hatte, ins Rollen gebracht von einem kleinen Kommentar oder einer Anweisung meines Trainers (dem wahrscheinlich weisesten Box-Instructor des Landes!). „Zeig nicht immer direkt alles.“ Gemeint ist natürlich eine Kampf-Kombination, die (im Ernstfall) ja nur ich kenne und die deswegen potenzielle Gegner:innen verunsichern und auf die Matte befördern kann. Das sollte nicht direkt verraten werden, die Runde im Ring wäre dann eine recht kurze, wahrscheinlich.

Ich höre: Gib nicht immer direkt alles preis, behalte Dinge auch mal für dich, checke erstmal die Situation, bevor du agierst – dann kann dir im besten Fall nicht so viel passieren! Oder: „Mach nicht zu früh auf.“ Das Kommando gilt der Deckung. Trotzdem – dasselbe Prinzip, dieselbe Tragweite für mein Leben abseits des Trainings. „Behalte Abstand, dann behältst du den Überblick“.

Der Sandsack passt nicht in die Hosentasche

Der Sport bringt mir bei, dass es, auch wenn am Ende nur eine Person auf der jeweiligen Seite im Ring steht, immer die Crew braucht, die Community, den Club. Zum Herausfordern, Anfeuern, Stärken und Auffangen. Er zeigt die Freude auf, Erfolge zu teilen. Es geht also um viel mehr als um das pure Auspowern. Es geht um Wachsen, darum die eigene Stärke zu entdecken und zu entwickeln. Aber vor allem geht es um Im-Moment-sein. Und das ist die vielleicht größte Herausforderung, vor allem in einer Zeit, in der wir, ob wir wollen oder nicht, ständig abgelenkt sind durch den Lärm, der um uns herum passiert.

Eine Erkenntnis, die mich erst im vergangenen Jahr ereilt hat, war die, dass die 90 Minuten, die ich insgesamt wöchentlich im Boxclub verbringe, die einzigen (wachen) sind, in denen ich nicht auf mein Handy schaue. Könnte man 2025 noch ein bisschen ausbauen, oder was meinst du, Liebe Charlotte?

Wie ist dein Take zu der ganzen ‚Achtsamkeit-trotzdem-die-Welt-immer-lauter-wird‘-Thematik? Hast du Angst, dass der momentan vielzitierte Zustand des ‚Brainrots‘ überhand nimmt? Und ist Internet-Abstinenz wirklich schaffbar, wo doch Boxsäcke dummerweise sehr viel schlechter zu transportieren sind als Mobiltelefone und daher nur selten zu Hand, wenn mal ein lästiger Gedanke niedergeschlagen oder eine Angst verdroschen werden muss?