Pass the Mic! Zum Tod von Adam Yauch


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Man soll sparsam umgehen mit großen Begriffen – aber manches spricht dafür, dass Adam Yauch ein Pionier der Popmusik war und mehr noch: ein Neuerer der Techniken und Strategien von Pop-Kunst überhaupt. Die Beastie Boys haben niemals viel von sich erzählt, kein Aufheben gemacht um ihr Leben und sich nicht als Stars begriffen – um so mehr erzählten sie von ihrer Zeit, ihrer Umgebung und den Umständen, unter denen „Kunst“ in den 80er-Jahren des, jawohl: vergangenen Jahrhunderts produziert wurde.

Yauch, 1964 in Brooklyn geboren, gründete mit seinem Freund Michael Diamond bereits 1979 die Beastie Boys, er selbst spielte den elektrischen Bass, Diamond saß am Schlagzeug, John Berry bediente die Gitarre. Sie waren fasziniert vom Hardcore der Stunde, von den Bad Brains und Black Flag. Yauchs frühes Peudonym Nathaniel Hörnblowér verweist bereits auf den ausgeprägten literarischen Verstand, den Eklektizismus und Witz des Jugendlichen. Ende 1982 trat das Trio am Bard College auf, und Philip Pucci machte daraus den Film „Beastie“, indem er einige der Zuschauer mit 16mm-Kameras ausrüstete, eine zentrale Kamera auf dem Balkon positionierte und das Material später zusammenschnitt. Nach dem Auftritt verließ John Berry die Band, Adam Horvitz kam als Gitarrist. Schon der Song „Cooky Puss“ verband Punk-Rock-Gelärme mit Rap und wurde in den New Yorker Clubs gespielt. Von nun an beschäftigten die Beastie Boys auf der Bühne einen DJ und nannten sich MCA (Yauch), Mike D (Diamond) und Ad-Rock (Horvitz). Und sie lernten den Studenten Rick Rubin kennen, einen besessenen Freak und Tüftler, mit dem sie 1985 die EP „Rock Hard“ produzierten. Rubin gründete das Label Def Jam.

Ein Jahr später erschien „Licensed To Ill“, ein Album voll Nerd-Humor, derben Sprüchen, Grölerei und Unflat. „(You Gotta) Fight For Your Right (To Party)“ wurde allerorten zum Party-Hit für Pubertierende; dabei wurde die Ironie des Stücks übersehen: Schon die Klammern zeigen an, dass es sich um eine Antwort auf die Hippie- und Bürgerrechts-Bewegung, die Eltern-Generation also, handelt. Die Beastie Boys waren nicht nur die erste erfolgreiche weiße HipHop-Band, sie brachten das Jahrzehnt höhnisch auf die hedonistische bis hirnrissige Parole: Das Recht auf Feiern und Saufen wurde auch in dem Videoclip eindrucksvoll inszeniert.

Bald danach endete das pubertäre Vergnügen. Mit den Dust Brothers als Produzenten arbeiteten die Beastie Boys an „Paul’s Boutique“, einem Taj Mahal aus Sound-Splittern, unverfrorenen Samples und Text- und Geräuschlawinen von allen Seiten. Als die wahrhaft postmoderne Collage 1989 erschien, fand sie nicht überall freundliche Aufnahme: Zwar waren mehr als 100 Songs durch die Häckselmaschinen gedreht worden, aber um Lieder im eigentlichen Sinn ging es den Beasties nicht. Vielmehr hatten sie eine Straßenecke in Brooklyn vertont und ihren Lieblingsladen für Platten und Krimskrams – insofern war es auch eine sentimentale Erinnerungsarbeit.

Erst 1992 trat die Band wieder auf den Plan: Ausgerechnet in Kalifornien war „Check Your Head“ entstanden, eine rüde, großenteils traditionell aufgenommene Platte; nicht nur der Hit „Sabotage“ legte Sprengsätze an die amerikanische Sicht der Dinge. Bei Konzerten spielten die Beasties ihre Instrumente selbst, das Sampling wurde reduziert. Die Beastie Boys waren jetzt die Lieblingsgruppe der (weißen) Intellektuellen und der Pop-Kritik und loteten auf „Ill Communication“ (1994) die Informations- und Meinungsströme weiter aus – mit desaströsen Befunden: In den Trümmern der Popkultur, abgebildet in den zerhackten und zerrissenen Sound-Halden, türmt sich ein nicht beherrschbarer Moloch auf.

Mittlerweile spielte die Band bei Festivals neben den Smashing Pumpkins, einer der größten Rockbands der Zeit. Adam Yauch trat den Rückzug ins Private an, wandte sich dem Buddhismus zu, gründete den Milarepa Fund zur Unterstützung von Tibet und veranstaltete 1996 in San Francisco das Tibetan Freedom Festival. „Hello Nasty“ (1998) brachte keine neuen Impulse – bald erschien das Debüt von Eminem, der die bereit gestellten Techniken für seine egozentrische Inszenierung nutzte und zum Superstar wurde.

Erst 2004 veröffentlichten die Beastie Boys „To The 5 Boroughs“, eine Hommage an de fünf Bezirke ihrer Heimatstadt nach den Anschlägen vom September 2001. Auf dem gezeichneten Cover sind die Twin Towers noch intakt, und im „Open Letter To NYC“ sprechen sich die Künstler selbst Mut zu. Adam Yauch beschäftigte sich neben seinem politischen Engagement zunehmend mit Filmarbeiten und der Restaurierung und Erweiterung der frühen Alben.

Im Jahr 2009 wurde bei ihm Ohrspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert; in einem Statement erklärte Yauch – mittlerweile verheiratet und Vater einer Tochter -, die Krankheit sei behandelbar. Das längst angekündigte Album „Hot Sauce Committe Part Two“ wurde mehrfach verschoben und erschien erst 2011 fast ohne Promotion: Die Beastie Boys schickten online einen Stream der Platte in den Madison Square Garden – die vorletzte ironische Volte. Die letzte folgte ohne ihr Zutun: Im Dezember des Jahres gaben die Väter der Rock and Roll Hall of Fame bekannt, dass die Beastie Boys in die Galerie aufgenommen würden, gemeinsam mit LL Cool J und Chuck D.

An der der Zeremonie im April konnte Adam Yauch nicht mehr teilnehmen. Mike Diamond und Adam Horvitz verlasen die von ihm verfasste Dankesrede, wohl den letzten Text des großen Wortkünstlers und Alchimisten. Am vergangenen Freitag starb Adam Yauch, 47 Jahre alt.

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