Pedro Almodovar: Torero im Kampf der Geschlechter

Die Party war schon einige Zeit im Gang, als das Gespräch auf Almodóvar kam. Es ging um die Frage, ob er seine beste Zeit bereits hinter sich habe, und darum, ob seine Filme eher Frauen- oder Männerfilme seien. „Frauenfilme natürlich, das ist doch klar!“, sagte eine Mittvierzigerin, die in einer Almodóvar-Geschichte sicher eine Rolle als Oberärztin oder Gefängnisdirektorin bekommen hätte. „Alle seine Hauptfiguren sind Frauen. Und seht euch an, wie viele Schauspielerinnen er entdeckt hat! Er hat Carmen Maura berühmt gemacht, Victoria Abril, Penélope Cruz. Und von Rossy de Palma hätten wir ohne ihn sicher nie etwas gehört.“ – „Du machst es dir zu einfach“, entgegnete ein jüngerer, elegant gekleideter Mann, Typ Karriereanwalt mit musischen Neigungen. „Es sind die Männer, die in seinen Filmen die dramatischsten Entwicklungen durchmachen. Der verliebte Krankenpfleger in ‚Sprich mit ihr‘. Der entlassene Gefangene in ‚Live Flesh‘. Der Ex-Sträfling Antonio Banderas in ‚Fessle mich!‘. Und dann ‚Schlechte Erziehung‘, dieser Schlüsselfilm, in

dem praktisch nur Männerfiguren vorkommen! Da, wo es bei Almodóvar ums Ganze geht, um Leben und Tod, stehen die Männer im Mittelpunkt, die Frauen sind Opfer oder Zuschauer.“ – „Ihr habt beide recht“, sagte ein Germanistikdozent mit angegrautem Bart, „aber ihr überseht das Wichtigste. Früher hat Almodóvar in seinen Filmen mit den Geschlechterstereotypen experimentiert. Er hat von Inzest, Lustmord, Transsexuellen und zwanghaften Voyeuren erzählt, er hat die Klischees aufgeblasen, bis sie platzten. Heute begnügt er sich damit, virtuoses Kunstkino mit klassischen Männer- und Frauenrollen zu machen. Und wenn er von Emanzipation erzählt, wie in ‚Volver‘, stopft er dabei der Cruz die Oberweite aus, damit sie die Machos im Publikum schön scharfmacht. Almodóvar ist vom Avantgarde- zum Edelregisseur geworden.“

So ging das noch eine ganze Weile. Und es wäre gar nicht der Rede wert, wenn in diesem Party-Talk nicht etwas zum Vorschein gekommen wäre, das schon allein für die Einzigartigkeit von Almodóvars Kino spricht. Denn der Spanier ist einer der ganz wenigen großen Regisseure – neben Lars von Trier und, vielleicht, Terrence Malick (aber das ist ein anderer Fall) –, über die man sich überhaupt noch aufregen kann. Wer streitet schon heute noch über Wim Wenders? Oder Ken Loach? Oder den wundermilden Aki Kaurismäki? Längst ist das Autorenkino, das einmal in Cannes, Berlin oder auch bei den Oscars in Hollywood für jede Art von Skandal gut war, zum ganzjährigen Museumsbetrieb mit Dauerausstellung und wechselnden Hommagen geworden.



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