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Pere Ubu live in Berlin: Der Marsbewohner will sein Merchandise loswerden

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Pere Ubu live in Berlin: Der Marsbewohner will sein Merchandise loswerden

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Pere Ubu-Kopf David Thomas eröffnet das Konzert im Berliner Quasimodo mit einer Ansage ans Publikum: „Here’s how this show is gonna work: we’re gonna play an improvisation for 30 minutes, then we’ll take a five minute break, really just five minutes,  and come back to play a professional set“. Da kann man nur staunen – als wäre bei dieser Band je eine klare Trennlinie zwischen Improvisation und einstudiertem Spiel zu ziehen gewesen. Der experimentelle, ins Absurde driftende Gestus ist Pere Ubu seit dem legendären Debütalbum „The Modern Dance“ eigen. Auch die mal mehr, mal weniger gelungenen Eskapaden, welche die Band in drei Jahrzehnten in unregelmäßigen Abständen auf Platte gebracht hat, zeugen davon.

Die Bühne betreten zu fortgeschrittener Stunde jedoch sechs ältere Herren (mit Ausnahme des Schlagzeugers, welcher noch unter 40 zu sein scheint), die man sich ebenso gut als Englischlehrer oder Versicherungsvertreter vorstellen könnte. Die jeder Rock ‘n’ Roll-Mystik entbehrende Inszenierung, die Pere Ubu seit jeher kultivieren, wirkt live noch greifbarer. David Thomas stellte ja auch einst seine These auf, die beste Musik werde von Menschen aus der Mittelschicht gemacht, da diese im Zweifel auch andere Karriereoptionen haben und so das Experiment und dessen Scheitern im Kauf nehmen können – und sah mit seiner wohlgenährten Figur und den billigen Anzügen schon in den 70er-Jahren eher aus wie ein Nachwuchspolitiker aus dem amerikanischen Heartland, weniger wie der Sänger einer avantgardistischen Gitarrenband. Rock ‘n’ Roll als nüchternes Geschäft, nicht als dringlicher Ausdruck, das war stets seine subversive Haltung.

Mit jener führt die Band auch ihre Musik auf: Thomas sitzt auf einem Hocker und singt seine Verse vor sich hin, die Statik der restlichen Band – der Drummer legt sich ins Zeug, ansonsten gibt es maximal ein kleines Wippen hier und da, keine Bewegung – hat etwas nahezu Entkörperlichtes. Dass man im vollgepackten Club Quasimodo so gut wie nichts vom Geschehen auf der Bühne sehen kann, ist auf absurde Weise fast schon völlig egal. Wenn da nicht die Musik wäre: Wie aus einem brodelnden Vulkan erheben die Musiker in dem halbstündigen Eröffnungsstück Rhytmen und Melodiefetzen, plötzliche Einbrüche eines Saxofons oder Keyboards aus dem Nichts, würgen Harmonien schroff ab und lassen andere mit zwingendem Verve heiß laufen. Man kommt nicht umher festzustellen, dass die Mischung aus Rockmusik, Free-Jazz und Dadaismus wohl nirgendwo fiebriger dargeboten wird, als bei Pere Ubu; auch nach so vielen Jahren.

Als dieses Klanggewitter vorüber ist, kehren Pere Ubu nach kurzer Pause wie angekündigt mit ihrem „Song-Set“ zurück auf die Bühne und spielen den an Captain Beefheart geschulten Post-Punk, wie man ihn von den Platten kennt. Die Intervalle zwischen den recht kurzen Stücken nutzt der schelmische Thomas für krude Ansagen, etwa dass das Publikum unangenehm rieche – und auf ihn als Marsbewohner wirke wie ein Haufen osteuropäischer Klone. Nun ja. Zum größten Teil besteht die Setlist aus Material des aktuellen Albums „Carnival Of Souls“, die Rückschau auf die eigene musikalische Geschichte wird auf ein Minimum begrenzt. Es ist damit ein Konzert, das sich nicht zu mehr als der Summe seiner Teile zusammenfügt, einen aber trotzdem bestens unterhält.

Zum Schluss spielt David Thomas das Spiel mit der absurden Unterwanderung von Rockklischees durch eine White-Collar-Arbeitsmoral konsequent zu Ende: Nun fange der wichtigste Teil des Konzerts an, informiert er das Publikum: 1) das Set sei zu Ende, 2) jetzt komme der einzige Teil des Konzerts, welcher ihn und die Band selbst in irgendeiner Weise interessiere, nämlich am Merchandise-Stand Sachen zu verkaufen. Wäre sicher auch ein passabler Kaufmann geworden, David Thomas.

Allerdings wäre die Popgeschichte dann um wichtige Impulse wie „The Modern Dance“ und „Dub Housing“ ärmer. Achso! Ob Pere Ubu die auch gespielt haben? Nein.

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