
Pet Shop Boys: Neugier schlägt Langeweile
Haben wir verlernt, uns zu langweilen? Ein Loblied auf die Leere im Kopf, durch die Neues entsteht
Seit 1991 war mir nicht mehr langweilig, jedenfalls nicht länger als ein paar Minuten. Dabei ist mir das Grundgefühl sehr vertraut – also diese Leere um einen herum, die fehlenden Ereignisse und Erlebnisse, die Leere im Kopf. Wer in den 70er- und 80er-Jahren in einem Dorf aufgewachsen ist, erinnert sich wahrscheinlich daran: Keine Freunde in der Nähe (die wohnten immer im übernächsten Kaff, also zu weit weg mit dem Fahrrad), kein Fernsehen vor 17:50 Uhr, einfach nichts zu tun. Also nach der Schule, am Wochenende und in den Ferien stundenlang auf dem Bett rumfläzen, in die Luft gucken und sich fragen, wann das Leben wohl anfängt. Ach, herrlich – denkt man heute. Damals war es Tortur, weil man ja nicht sicher sein konnte, dass es wirklich beginnt. Was, wenn es immer so öde bleibt?
Heute ist längst nachgewiesen, dass Langeweile für Kinder sinnvoll ist, weil ihre Gehirne so besser wachsen können. (Sehr vereinfacht gesagt – wir sind ja nicht im Bio-LK.) Ich wollte damals aber, dass mein Erfahrungsschatz wächst, ich wollte raus. Also ging ich 1991, direkt nach dem Abitur, für ein Dreivierteljahr nach England. „When a man is tired of London, he is tired of life“, behauptete Samuel Johnson 1777, und auch wenn es eine etwas zu simple Erkenntnis ist, hätte ich sie doch sofort unterschrieben. Johnson schrieb auch: „Curiosity is, in great and generous minds, the first passion and the last.“
Neil Tennants Stimme schwebt über dieser Welt
Wer neugierig ist, langweilt sich nicht. Es gibt immer etwas zu entdecken. In den Monaten in der für mich aufregendsten Stadt überhaupt war „Being Boring“, 1990 auf „Behaviour“ veröffentlicht, der perfekte Soundtrack. Seitdem ist es mein liebstes Lied der Pet Shop Boys – eine Band, gegen deren unwiderstehliche Melodien ich mich noch nie wehren konnte, auch nicht als Teenager mit einer Metal-Kutte. Allein wie Neil Tennants Stimme meilenweit über dieser Welt schwebt!
„When you’re young, you find inspiration/ In anyone who’s ever gone/ And opened up a closing door …“
„When you’re young, you find inspiration/ In anyone who’s ever gone/ And opened up a closing door/ She said, ‚We were never feeling bored/ ’Cause we were never being boring‘“, sang Tennant, und ich fühlte mich zu Hause. Die unendlich scheinende Zeit, die sich vor einer 19-Jährigen erstreckt, ist voller Möglichkeiten – zumindest theoretisch. Tennant war freilich schon weiter: „I never dreamt that I would get to be/ The creature that I always meant to be.“
Der Kopf eines erwachsenen Menschen ist immer voll
Das ist wohl die sogenannte Selbstverwirklichung – eigentlich ein gutes, nur inflationär benutztes Wort. Sogar dass einige geliebte Menschen inzwischen fehlen, ist aushaltbar, solange die Erinnerungen und Träume noch da sind. Auch sie sorgen dafür, dass fade Momente – das Warten auf die Bahn, in der Supermarktschlange, manche Stunden im Büro – sich gar nicht mehr leer anfühlen, sogar ohne Smartphone. Der Kopf eines sehr erwachsenen Menschen oder zumindest meiner ist einfach so voll, dass immer irgendwas auftaucht, mit dem ich mich beschäftigen kann. Oft genug taucht auch zu ungünstigsten Gelegenheiten plötzlich etwas auf, das keinen Leerlauf zulässt: Liebe, Trauer, Angst, Dankbarkeit. Die Palette an Möglichkeiten zum Fühlen wird ja nicht kleiner, je älter wir werden – nur die praktischen Chancen, alles auszuleben, scheinen manchmal begrenzt.
Viele Jahre, ja Jahrzehnte später konnte ich mich bei Neil Tennant ein kleines bisschen revanchieren für die Freude, die mir die Pet Shop Boys im schnöden Alltag so oft gegeben haben. Er beschwerte sich am Rande eines Interviews, dass er in Berlin so oft die U-Bahn verpasst, weil er noch Kleingeld für den Ticket-Automaten rauskramen muss, also zeigte ich ihm die BVG-App. „You’ve just saved my life!“, rief er gut gelaunt aus. My pleasure!