„Polizeiruf 110“: Der Tunnel


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Matthias Brandts erster Auftritt als Hanns von Meuffels zeigte den Kommissar als wortkargen, besessenen Wahrheitssucher, der fremdelnd durch München lief und die Nächte im Präsidium vergrübelte. Der „Polizeiruf 110“ von Dominik Graf war ein Wunderwerk an stilistischen und optischen Überraschungen, es wurde genuschelt, gelabert, geprügelt und gemordet, und am Ende der Nacht war auch Meuffels verändert: Er tanzte betrunken durch einen Döner-Imbiss im Bahnhofsviertel.

In Hans Steinbichlers Film „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ (nach einem Drehbuch von Christian Jeltsch) hat sich das Gemüt des Norddeutschen weiter verfinstert. Ein flennender Mädchenschänder erschoss sich in Meuffels Büro, nachdem der Polizist ihm noch die Auskunft „Sie wird niemals Kinder haben können“ aufs Gewissen gelegt hatte. Von Vergebung sprach der gequälte Mann und der Versuchung: „Wie die kleinen Biester sich anziehen!“ Meuffels holte Kaffee, dann hörte er den Schuss, lief zu seinem Büro, ergriff die Hand des Toten, die sich reflexhaft um seine Finger krampfte. Meuffels, ohnehin unbehaust, packte einen Karton und zog in einen anderen Raum. Der faunische Hausmeister beobachtete, wie er das Kruzifix von der kahlen Wand nahm; die Umrisse des Kreuzes blieben sichtbar. „Der Heiland ist hartnäckig!“ grunzte der Domestik. Meuffels legte das Kruzifix in die Schublade.    

Man muss später an diese Szene denken, wenn der im Rucksack versteckte Sprengstoff im Tunnel zum Fußballstadion detoniert. Eine Taschendiebin hatte von ihrer Beobachtung berichtet, und natürlich war es Meuffels, der dem Mädchen glaubte: Er hatte in ihre Augen geschaut und die Angst gesehen. Mit Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) guckte er dann über die abendlich leuchtende Stadt, und am hellsten leuchtete: die Arena. Dass der junge Mann mit der Kapuze und sein Freund tatsächlich dort sind und das Selbstmordattentat offenbar unentschlossen ausführen, gehört zu den unglaubwürdigen Zufällen des Films. Die Explosion ist eine gewaltige Erschütterung, man sieht Schwärze, der Ton setzt aus, dann ist überall Staub, man hört Schreie, Menschen liegen am Boden oder stolpern umher, und nur Meuffels‘ Taschenlampe macht etwas sichtbar. Anna ist unverletzt geblieben, und Meuffels setzt sich erschöpft an eine Wand. Dann sieht er einen Jungen, der bis zur Brust unter einer Betonplatte liegt, und kümmert sich um ihn. Der Notarzt gibt ihm keine Chance und spritzt Morphium.

So beginnt das ungleiche Duell, das zugleich eine Beichte zum Tode ist: Bald ahnt Meuffels, dass er mit dem Attentäter spricht; und weil die Polizei weiß, dass es einen zweiten Täter gibt, muss er Muhrat ausfragen. Der Polizeiapparat rotiert derweil: LKA und Verfassungsschutz übernehmen die Einsatzleitung, die lokalen Beamten reagieren mit Fatalismus. Wie in einem Paranoia-Thriller werden die Ermittler der Ämter als aasige, karrieregeile, ahnungslose Klugscheißer umrissen, die mit dem Minister telefonieren und die ergebnislose Überwachung Muhrats vertuschen wollen. In den halbdunklen Büros telefonieren und spekulieren sie, die Wirklichkeit des Tunnels findet bloß auf Bildschirmen statt.

Als die Zeit abläuft, findet Anna die Mutter Murats, die schon früh die Familie verlassen hatte. Am Telefon bricht die Frau weinend zusammen. Der eben noch feiernde Vater wird zum Tunnel gebracht und stammelt „Warum nur?“ – der Sohn wendet den Kopf. Aber er geht nicht leise in die endlose Nacht: Muhrat schimpft und greint, er jammert und klagt an, er verstößt Meuffels und ruft nach ihm, erlegt eine falsche Fährte und führt die Polizei dann auf die richtige.

Dem Bayerischen Rundfunk, der den Film bestellte, war der Anschlag dann zu brutal, weshalb „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ heute um 22 Uhr (ARD) gezeigt wird, als könnten Jugendliche von solchen Bildern beeindruckt werden. Matthias Brandt ist zu Recht über die nachgerade einfältige Entscheidung verärgert, denn die Inszenierung der Explosion vermittelt den Schrecken, ohne Blut und Verstümmelungen auszustellen; man sieht Feuerwehrleute, Ärzte, einen Hubschrauber, die Ansagerin Sabine Sauer spielt die Reporterin vor Ort, deren Haare verweht werden. Das eigentliche, das psychische  Drama ereignet sich im beinahe leeren Tunnel nach der Detonation – es ist die Annäherung zweier Menschen, die das Schicksal zusammengeführt hat. Sebastian Urzendowsky und Matthias Brandt spielen die finale, auch gefühlige Intimität ohne Kitsch. Muhrat ist kein Islamist, sondern ein einsamer junger Mann, der keinen Platz in der Gesellschaft fand.

Und wer könnte das besser verstehen als Hanns von Meuffels, der keinen Gott hat, an den er glauben kann?