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Pure&Crafted am Samstag: Die Hives teilen die Crowd wie Moses das Meer


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Am zweiten Tag des Pure&Crafted-Festivals werden die schweren Geschütze aufgefahren. Wo gestern noch akustische und jazzig verhallte Gitarren dominierten, werden die Verstärker jetzt auf elf gedreht. Wer nach einem Besuch in der „Wall of Death“, in der lebensmüde Motorradfahrer der Schwerkraft widersprechen, den Geräuschpegel halten will, kann das Maschinendröhnen durch den grandiosen Gitarrenlärm von der Hauptbühne ersetzen. Da spielen am Nachmittag die Pillow Queens, deren Debütalbum letztes Jahr erschienen ist. Die vier Irinnen hatten also bisher kaum eine Gelegenheit, ihren druckvollen, vielstimmigen Indie-Rock auf die Bühne zu bringen. Ein kleiner Kellerclub würde ihnen auch gut stehen, aber die gibt es ja gerade nicht; es gelingt der Band ja eh, den Sommergarten des Messegeländes in einen Kellerclub zu verwandeln.

Das Motodrom beim „Pure&Crafted“

Sie haben nicht nur die Songs (die hymnischen „Gay Girls“ und „Liffey“ zum Beispiel), sie haben auch die Bühnenpräsenz, albern herum, erzählen, dass die Festivalbühne über einem Teich errichtet wurde, und stellen sich dann vor, wie das Publikum, sollte die Musik missfallen, einen Hebel betätigt, der die Musikerinnen in den Teich befördert. „Und dann ertrinken wir.“ Es nerve sie ja, einem irischen Stereotyp zu entsprechen, sagt Sängerin Sarah Corcoran an einem Punkt, aber als sie im Backstage-Catering die Kartoffeln gesehen haben, hätten sie sich schon extrem gefreut. Vor einer Ballade sagt sie, dass man nun gut slow-dancen könne –„aber lasst Platz für Jesus“.

Warum sind Festivals eigentlich nicht immer so?

Platz für Jesus, und für uns alle, gibt es genug auf diesem Festival, zum Glück. Das Coronavirus wird von den Veranstaltern wie von den Zuschauern ernst genommen; alle Konzerte finden an der Luft statt, innen ist Maskentragen selbstverständlich, auf dem weitläufigen Messegelände kann man sich gut aus dem Weg gehen. Zur Sozialphobie neigende Konzertgänger denken vielleicht: Warum sind Festivals eigentlich nicht immer so?

Auf die Pillow Queens folgt das männliche Gegenprogramm: Die Berliner Kadavar, die im Seventies-Hardrock-Dress auftreten, mit hüftlangen Haaren, hüftlangen Schnurrbärten (nicht ganz), Glitzer-Top, tonnenschweren Riffs. „Na, habt ihr Bock?“, begrüßt „Lupus“ Lindemann die Leute. Es ist eine rhetorische Frage.

Kadavar

Nach ihnen die Hives, die Headliner, die schwedischen Garagenrocker, die einige der eingängisten Riffs des Jahrhunderts jenseits von „Seven Nation Army“ geschrieben haben. Sie haben ihrem Katalog offenbar nichts mehr hinzuzufügen, haben seit neun Jahren kein Album gemacht. Legitim! Ein prominenter Liberaler würde sagen: Lieber nicht veröffentlichen als schlecht veröffentlichen. Gebucht werden sie ja weiterhin, mit diesen Songs und diesen Riffs (und diesen Anzügen!).

Howlin‘ Pelle Almqvist ist ein furioser Frontmann, der fünfundsiebzig Minuten lang schreit, der die Crowd teilt wie Moses das Meer und durch die Mitte stolziert; der von Verstärkern springt, sein Mikrofon durch die Luft wirbelt, und zwischen den Songs eine sehr lustige Form der Publikumsbeschimpfung praktiziert. Die Leute rasten ihm zu wenig aus, was er unaufhörlich kommentiert, bis er irgendwann nur noch Fragen stellt wie: „Are you pure? Are you crafted?“ Als dem Gitarristen Nicolaus Arson eine Saite reißt, ruft er: „So etwas passiert nicht im Fernsehen! Das ist das echte Leben! Endlich!“

Joshua Poschinski
Samira Frauwallner