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„Queen in 3D“: So haben Sie Queen garantiert noch nie gesehen!

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„Queen in 3D“: So haben Sie Queen garantiert noch nie gesehen!

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Eine royale Krone hat niemals nur einen brillantbesetzten Zacken – vielleicht ist das die Erklärung dafür, warum Brian May es auch mit 70 Jahren noch in so vielen Bereichen auf die Spitze treibt: Als Gitarrist und achtsamer Kronjuwelenverwalter von Queen, als Doktor der Astrophysik und kompetenter Sachbuchautor, dessen Wissen sogar schon die NASA in Anspruch nahm, als begeisterter Blogger und Social-Media-Aficionado, als Gründer des Save Me Trust, der sich unermüdlich für den Schutz von Wildtieren einsetzt, als Kopf hinter ‘Brian May Guitars’, jener Firma, die seine einst mit Vater Harold in achtzehnmonatiger Arbeit gefertigte „Red Special“-Gitarre nachbaut, und: als begeisterter Stereoskopie-Enthusiast.

An dieser Stelle bedarf es womöglich einer Erklärung. „Stereoskopie“ klingt für den Laien wahrscheinlich wie ein unangenehmes medizinisches Untersuchungsverfahren, wie ein Schwippschwager der Endoskopie. Es ist aber eine faszinierende Form der visuellen Illusion. Charles Wheatstone, Professor für Experimentalphysik am Londoner King’s College, erfand 1838 einen Apparat, mit dem er die Funktionsweise des menschlichen Auges imitieren und so auch bei einem zweidimensionalen Bild den Eindruck von Dreidimensionalität erzeugen konnte. Einzige Voraussetzungen: Das Bild musste in zweifacher, nebeneinander angeordneter Ausführung vorhanden sein und die Blickwinkel des Bildpaares exakt um 6,5 cm voneinander abweichen, ganz so wie die Blickwinkel eines Augenpaares.

Selbst hergestellte Stereobilder

Als Brian May im Grundschulalter war, steckten Stereofotos als Beigaben in den Müslipackungen – ein äußerst kindgerechtes Verkaufsargument. Mit elf Jahren investierte der kleine Brian dann seine Ersparnisse in einen Stereobetrachter, der es schließlich ermöglichte, diese Bilder endlich auch dreidimensional sehen zu können. Der clevere Junge durchschaute das Prinzip der Stereoskopie schnell und simulierte es mit einer ganz normalen, einfachen Kleinbildkamera, indem er zwei nahezu identische Bilder machte (allerdings mit den besagten 6,5 cm Blickwinkelunterschied), sie nebeneinander auf Pappe klebte und dann durch sein Müslischachtelbilder-Stereoskop betrachtete. Es funktionierte! Er fühlte sich wie ein Wissenschaftler, aber ein bisschen auch wie ein Unternehmer und schrieb den ausgedachten Firmennamen “Seethroo Ltd. Feltham” auf seine sorgfältig datierten, selbst hergestellten Stereobilder.


Brian May erklärt die Stereoskopie


Erst 15 Jahre später, während einer Amerika-Tour mit Queen im Jahr 1974, erstand May seine erste richtige Stereokamera, von denen noch unzählige weitere folgen sollten. Second-Hand-Fotoläden gehörten für ihn fortan zum Pflichtprogramm in jeder Stadt, in der Queen auftraten. Seit Mitte der Siebziger hatte er also immer eine Stereokamera im Handgepäck. Über 300 seiner privaten Queen-Fotos sind nun erstmals im 256 Seiten umfassenden Buch „Queen in 3-D“ zu sehen – wobei auch einige Bilder ohne 3-D-Option darunter sind, ebenso ein paar Aufnahmen aus Mays Familienalbum (Mutter, Vater, Ex-Gattin, aktuelle Gattin, Kinder und natürlich May selbst).

Der etwas andere Blick auf Queen

Damit der geneigte Leser die 3-D-Bilder auch in voller Schönheit bewundern kann, hat May einen Stereobetrachter entwickelt, der auseinandergeklappt wie eine Eule aussieht (daher sein Name: „OWL“) und von jedem, der das Überraschungsei-Konstruktionsdiplom besitzt, in 10 Sekunden zusammengebaut werden kann. Alle anderen werden wohl 15 Sekunden brauchen. Mit anderen Worten: Es ist wirklich kinderleicht. Auf dem aus gelbem Plastik gefertigten Stereobetrachter, der zusammen mit „Queen in 3-D“ in einem sehr haltbaren Premiumpappschuber steckt, prangt das Wappen der London Stereoscopic Company (gar nicht unähnlich dem Queen-Wappen!). Sie wurde 1854 auf der Londoner Oxford Street gegründet und bot europaweit das größte Sortiment an Stereobildern und Stereobetrachtern an. 1922, als die Geschäfte nicht mehr so gut liefen, wurde das Geschäft jedoch aufgelöst. Gut 85 Jahre später hat Brian May die London Stereoscopic Company zusammen mit einigen engagierten Mitstreitern reaktiviert und gibt unter diesem Namen neben Stereobilder-Sets, -Büchern und -Betrachtern nun auch „Queen in 3-D“ heraus.


Brian May stellt die deutsche Edition von „Queen in 3-D“ vor


Wenn man den Dreh mit dem Blick durch den „OWL“-Stereobetrachter raushat, was erstaunlich schnell geht und leicht verständlich erklärt wird, ist dieses Buch ein wahres Juwel. So nah dran war man bei Queen noch nie! Man kann die Wärme des Bühnenscheinwerferlichts förmlich spüren, kann beinahe fühlen, wie der Tourbus über nächtliche Autobahnen rauscht, hört die besonders euphorischen japanischen Fans jubeln und meint manchmal sogar, den Rockstarschweiß riechen zu können. Man sieht Freddie Mercury höchst konzentriert unter der Trockenhaube sitzen oder turnend an einer Kleiderstange, erlebt den sonst so stillen Bassisten John Deacon mit spitzbübischem Grinsen, Schlagzeuger Roger Taylor und seine damalige Freundin im Bandurlaub auf Hawaii und Brian May bei Selfie-Experimenten (er hat schon in den Siebzigern Lightpainting gemacht!).

Bisher nie gesehene Queen-Impressionen

Der Leser erfährt nicht nur eine Menge über den Queen-Tournee-und-Studio-Alltag (unter anderem auch jenen in den Münchener Musicland Studios, in denen „The Game“, „Hot Space“, „The Works“ und „A Kind Of Magic“ aufgenommen wurden), sondern lernt nebenbei auch die Menschen hinter den Kulissen kennen: Roadies, Promoter, Tourmanager, Tontechniker, persönliche Assistenten, Videoregisseure. Man sieht die Band als Touristen fernab des Tourlebens, etwa in einem Spielzeugladen in Zagreb, in der Wüste von Las Vegas oder in Ost-Berlin. Und man darf sie dreidimensional in ganz privaten Momenten erleben – backstage oder auch mit ihren Partnern und Kindern.

Queen (1985)
Queen (1985)

May hat zu jedem Foto mindestens eine unvergessliche Anekdote parat, die er in angenehmem Plauderton erzählt, den man von seinem Blog „Bri’s Soapbox“ kennt. Es ist ein privater, vertraulicher, vollkommen allürenfreier und gerne auch mal selbstironischer Ton. Während man durch den Stereobetrachter die dreidimensional lebendig werdenden Bilder bestaunt, hat man beinahe das Gefühl, in Mays Wohnzimmer auf dem Sofa zu sitzen und gemeinsam sein privates, auf magische Weise mit einer Zeitmaschine verbundenes Fotoalbum durchzublättern. Man kann fast den Windzug seiner mittlerweile grauen Lockenpracht spüren, wenn er sich nach vorne beugt, um ein Bild genauer zu erklären.

Für seine Bandkollegen findet May in dem sehr ausführlichen Begleittext, der gefühlt etwa die Hälfte des Buches ausmacht (der Begriff „Bildband“ würde dem Werk also keineswegs gerecht), ausschließlich liebevolle Worte: Den nach dem gemeinsamen Auftritt mit Elton John in Paris im Januar 1997 endgültig ausgestiegenen John Deacon nennt er überdurchschnittlich häufig „Deacy“, lobt Freddie Mercurys oft unterschätzten Gitarrenkünste und Roger Taylors modische Geschmackssicherheit. Auch andere Künstler und Bands werden anerkennend erwähnt: May hält The Who für einen der besten Live-Acts der Welt, Eric Clapton ist ein Held für ihn, von Led Zeppelin haben Queen sich die Bühnenbeleuchtungs-Ästhetik abgeguckt und über Aerosmith könnte er vielleicht Geschichten erzählen… (macht er aber nicht).

Queen hätten nie Pelz tragen dürfen

Der Gitarrist ist allerdings auch dafür bekannt, keine deutlichen Worte zu scheuen: Dass die Band einst Pelz trug, wie auf einigen der Fotos zu sehen ist, geht im Nachhinein natürlich gar nicht mehr, auch Pferderennen (das Queen-Album „A Day At The Races“ wurde 1976 bei einem Pferderennen vorgestellt) sind für den engagierten Tierschützer mittlerweile verachtenswert. May ist niemand, der sich diplomatisch windet und davor drückt, seine Meinung zu äußern. Wann immer sich eine Möglichkeit bietet, trägt er seine Ansichten in die Welt – auch in diesem Buch, etwa bezüglich Trump, Brexit, Nationalismus, Krieg, Nachhaltigkeit und immer wieder Tierschutz (seit 2008 ist er auch Präsident der „Royal Society For The Prevention Of Cruelty To Animals“, der weltgrößten Tierschutzorganisation).

Mit der Band-Historie von Queen haben diese (allerdings wirklich nur kleinen) thematischen Ausflüge auf den ersten Blick nichts zu tun. Wenn man aber bedenkt, dass May in den mit Queen bereisten Ländern nicht nur um sich selbst kreiste, sondern immer auch den Blick über den Rockstar-Tellerrand in fremde Kulturen gepflegt und genossen hat, und dass Musik stets danach strebt, ein verbindendes Element zu sein, dann ergeben seine gesellschaftlichen Kommentare auch im Bandkontext Sinn.

Musikalisches Vermächtnis

Die Kapitel zwischen dem letzten Queen-Konzert im Londoner Knebworth Park am 9. August 1986 und der Premiere des Queen-Musicals im Jahr 2002 werden vollständig ausgespart – was sehr angenehm und taktvoll ist. Niemand braucht Fotos von einem gesundheitlich angeschlagenen Mercury. Dafür finden auf den letzten 25 Seiten des Buches auch Paul Rodgers und Adam Lambert Erwähnung, die jedoch niemals als Freddie-Ersatz gedacht waren, was ja auch sowieso völlig undenkbar wäre, sondern als Möglichkeit, das musikalische Vermächtnis von Queen aufrechtzuerhalten und auch für jüngere Generationen erlebbar zu machen.

Nicht nur für Fans, sondern auch für lockere Sympathisanten der Band ist das ausgesprochen hochwertig aufgemachte „Queen in 3-D“-Buch ein grandioses Erlebnis, denn es gewährt Einblicke in den Queen-Kosmos, die man in dieser Form noch nie sehen durfte. Und es gelingt diesem Mammut-Werk sogar auch dann noch zu überzeugen, wenn man sich nicht unbedingt für die Band, sondern primär für den 3-D-Effekt begeistert – May hat nebenbei genügend Fotografie-Nerdtalk untergebracht, um den interessierten Fotofan genauso erfolgreich abzuholen. It’s a kind of magic.

(earBOOKS, 39,95 Euro)

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