Rainald Grebe: Alles über sein neues Soloprogramm


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Die Plakate für „Das Rainald Grebe Konzert“ zeigen Grebe unverhüllt. Auch die Bühne des Kabarett-Theaters Die Wühlmäuse ist nackt, bis auf ein Piano und ein kleines Schlagzeug, auf dem Chucky sitzt. Manchmal schlägt Grebe der Mörderpuppe auf den Kopf, um Tonaufnahmen abzuspielen, dann wieder kommentiert er Fotos aus seiner Jugend. Es geht um Ballett, Blockflöten und Boris Becker. Um He-Man, Miami Vice und die Generation Luftschutzbunker, die den Partykeller erfunden hat. Liest sich wirr, wirkt live aber wunderbar. Typisch Rainald Grebe.

Nachdem Grebe im vergangenen Jahr mit seinem Orchester der Versöhnung vor 14.000 Zuschauern in der Waldbühne aufgetreten ist, beschäftigt er sich in seinem neuen Soloprogramm mal nicht mit Bundesländern, Bionade oder Diktatoren der Herzen, sondern mit sich selbst – seiner Herkunft, seiner Familie („Mein Opa war Milliardär / 1923 war das gar nicht so schwer …“). Der Kabarettist hat alte Fotoalben gewälzt und lange mit seinen Eltern geredet, um sein Leben singen zu können. Und um auf Anekdoten zu stoßen wie die, in der sein Vater mit dem Holzknüppel auf Rudi Dutschke wartet.

Aufgewachsen ist Grebe in Frechen, einer Stadt bei Köln, „nah an der Autobahn“. Warum man da wohnt? „Weil man da Arbeit und Freunde hat.“ Grebe, der sich in seinen Liedern sonst oft auf Ostdeutschland konzentriert, beschreibt und besingt diesmal also westdeutsche Vergangenheit. Er philosophiert über die Frage, warum bei den Grebes leere Teller an der Wand hängen und gräbt noch mal Verse aus, die eigentlich jeder kennt, aber irgendwann im Berg der Erinnerungen verschüttet gegangen sind: „Leise rieselt die Vier auf das Zeugnispapier …“, „Scheiße durch ein Sieb geschossen gibt die schönsten Sommersprossen“, „Allah ist mächtig, Allah ist groß, 1,60m und arbeitslos!“ („Darf man ja heute auch nicht mehr sagen“).

Grebes Programm ist wie immer ein bisschen albern, ein bisschen poetisch – oft beides zugleich („Wir werden in die Welt gevögelt und können nicht fliegen“). Als Grebe von seinem Billy-Joel-Songbook erzählt, das ihm in seiner Jugend klarmachte, dass es um gute Geschichten geht und dass dazu ein paar Akkorde als Begleitung einfacher und effektvoller sind, als irgendwelche Etüden, schwenkt er kurz zu einem Stück deutscher Geschichte: Joels Großvater Karl Amson gehörte einst ein Unternehmen, das sich 1938 SA- und NSDAP-Mitglied Josef Neckermann unter den Nagel riss (ja, DER Neckermann).

Natürlich geht es auch ums Abnabeln vom Elternhaus zu einer Zeit, in der es Erzeuger eher ungern sahen, wenn ihr Nachwuchs „Küüünstler“ werden wollte: „Schlag’s dir ausm Kopp / Unser Platz ist der Museumsshop …“

Manchmal verknüpft Grebe Vergangenheit und Gegenwart. Alles ändert sich und bleibt doch gleich („Sag nicht mafiöse Strukturen, sag Synergie“). Und gegen Ende des Abends kommt er über „Die 90er“ schließlich ganz im Heute an: Rauchen und Rotwein auf der Bühne – dazu klimpert er ein paar bekannte Songs aus seinem Archiv. „Schönes neues Jahr“ passt natürlich gerade: „Erster Januar / Sechs Uhr früh / Da liegt ein Kondom / Im Fondue / War ein schönes Silvester…“ „Kassettenrecorder“ bekommt ein Update spendiert: „Der FC Bayern kriegt den Reus nicht / Von wegen: ‚Mir san mir‘ …“

Auch seiner Zeit als Zivi in der Psychiatrie widmet er in dem Programm ein Lied („Ich hab’s an der Rübe …“). Ausführlich spricht er unter anderem über diese Erfahrung in der aktuellen ROLLING STONE-Ausgabe (in der iPad-Version gibt’s zusätzlich zum Interview noch Audiozitate und Fotos). Ein Auszug:

Herr Grebe, Ihren Zivildienst haben Sie in einer Psychiatrie in Bielefeld geleistet. Hat diese Zeit Ihren Blick verändert?
Ja, es gab damals große Probleme, weil ich mich ganz auf die Seite der Patienten gestellt habe. Ich war 19 und voll drauf! Ich hab das als Literatur gesehen. Als Theater. Als andere Weltanschauung: Diese Leute in ihren Psychosen sprechen die Wahrheit … Ich wollte das aufsaugen!

Sie sind in einer kleinen Stadt in der Nähe von Köln aufgewachsen, sollen ein Musterschüler gewesen sein. Ihre Mutter war Englischlehrerin, der Vater Professor für Bibliografie, Buchkunde. War das Ihr erster Ausbruch aus einer behüteten Kindheit?
Für mich war das ein Abenteuer-Trip. Und dann war da der Wunsch, auch mal verrückt zu sein. Das hängt wohl wirklich mit einer Abstoßungsreaktion zusammen: Man kommt aus einer Welt, die man vielleicht als total langweilig und bieder empfindet, und sucht Infusionen von Extremen. Die habe ich später wahrscheinlich auch in der Kunst wiedergefunden.  

Wie sehr haben Sie sich damals für die Patienten engagiert?
Ich habe zum Beispiel eine Weihnachtsfeier organisiert, eine Varieté-Show. Es gab einen Arzt, der gerade auch anfing, der da mitgemacht hat. Er hat sich ein Kostüm angezogen und gesungen: „Willkommen, bienvenue …“ Die Pfleger haben alle gesagt: „Nein, da machen wir nicht mit, sonst sind wir ja keine Respektspersonen mehr.“ Das war eine grandiose Veranstaltung: Die einen haben Volkslieder gesungen, ein Dichter hat Lyrik und Jazz mit mir gemacht, eine andere war auf ’nem Haschisch-Trip hängengeblieben, die spielte Saxofon, und es gab eine Band. Da kamen die Patienten aus allen Stationen an, und ich habe moderiert – wo alle schon Angst hatten, dass einer durchtickt. Ist aber alles gut gelaufen.

Klingt nach einer Initialzündung.
Ich war total froh, stolz! Ich habe danach ein Programm über diese Erfahrungen geschrieben, mit Texten und Musik, eine Art Kabarett, und das mit meiner Combo aus der Schulzeit auch vier oder fünf Mal aufgeführt.  

Das vollständige Gespräch finden Sie in der Januar-Ausgabe des ROLLING STONE. Tourdaten und weitere Infos zu Rainald Grebe gibt es hier.