Spezial-Abo

ROLLING STONE Talk

„Sign O' The Times“ von Prince: Gespräch mit Michel Birbæk

Jetzt anhören


Ani DiFranco Which SIde Are You On?


Righteous Babe/Tonpool VÖ: 27.01.2012


von

Man könnte Ani DiFrancos für ihre Verhältnisse ungemein süffiges und mildes letztes Album „Red Letter Day“ von 2008 als Rückzug ins Private deuten. Schließlich sang sie vom häuslichen Glück in ihrer neuen Heimat New Orleans und der Geburt ihrer Tochter. Aber das hielt sie nicht davon ab, alles infrage zu stellen – vor allem natürlich sich selbst. „Lately I’ve been glaring into mirrors, picking myself apart“, sang sie damals, „You’d think at my age I’d have thought of something better to do than making insecurity into a full-time job, making insecurity into an art.“

Nun richtet sie die Fragen wieder nach außen. Ihr neues Album hat sie nach einem alten Protestsong aus den Dreißigern benannt, den sie allerdings in ihrer Version wesentlich aktualisiert hat. Statt um Solidarität und die Rechte von Minenarbeitern geht es um Korruption,

gekaufte Wahlen, Umweltverschmutzung, Globalisierung, Reaganomics und Feminismus, kurz: um alles. Der greise Pete Seeger leitet den Song mit seinem Banjo ein, schlägt die Brücke zwischen gestern und heute, dann setzt trocken die geschrummte E-Gitarre ein, Bläser und Perkussion changieren zwischen Marching Band und brennenden Mülltonnen, und DiFranco predigt und schimpft. Es sei Zeit, Farbe zu bekennen, zetert sie und fragt „America who are we now our innocence is gone?“ Man muss kurz an Allen Ginsberg denken, als er sein Land ansprach wie einen störrischen Liebhaber. Aber die Frage ist natürlich so alt wie Sklaverei und Rassismus – und bekommt angesichts der globalen ökonomischen und wirtschaftlichen Lage zugleich eine neue Bedeutung. Was wird aus den USA, wenn der Weltmachtstatus futsch ist, wenn die schwindende Wirtschaftsmacht nicht mehr durch Kriege kompensiert werden kann?

„Which Side Are You On?“ ist das amerikanische Gegenstück zu PJ Harveys brillantem „Let England Shake“ aus dem letzten Jahr. Doch während die Britin ihren Bericht zur Lage des Landes in Klagelieder und Allegorien kleidet, laufen DiFrancos Songs in den Straßenklamotten des Singer/Songwriters herum: Agitation und Narration. Auch die Introspektion und die Intimitäten sind nicht verschwunden aus ihren Liedern, so geht es um Ehe und Promiskuität, Sex, Liebe und das Altern: „If you’re not getting happier as you’re getting older – than you’re fucking up.“

Die Gelassenheit des Alters macht sich jedenfalls nicht breit bei Ani DiFranco. Und wenn sie mit ihrem zerschlissenen und abgewetzten Folk durch das French Quarter zieht, klingt er mit den schmissigen New-Orleans-Bläsern und den Rhythmen und Sounds von Ivan und Cyril Neville fast wieder wie neu. „Which Side Are You On?“ ist DiFrancos musikalisch abwechslungsreichstes und überzeugendstes Album seit dem von Joe Henry produzierten „Knuckle Down“ vor sechs Jahren.


ÄHNLICHE KRITIKEN

Ani DiFranco :: Binary

Mehr Funk, weniger Folk und immer noch viel Feminismus, diesmal garniert von Justin Vernon und Maceo Parker


Liebeserklärung an „American Beauty“

Wer hätte je gedacht, dass es möglich sein könnte, wegen einer Plastiktüte zu weinen? „American Beauty“ rührt immer noch zu Tränen, auch 20 Jahre nach dem Kinostart. Das liegt daran, dass diese geradezu paradigmatische Tragikomödie mit Feingefühl und Sprüchen, die gezielten Boxschlägen gleichen, eine Riesenportion Melancholie über ihre Figuren ausschütten lässt und ihnen genüsslich dabei zuschaut, wie sie sich, mehr schlecht als recht, freischwimmen. Natürlich ist Lester Burnham, diese vom Leben kleingestampfte Wiederkehr von Wladimir Nabokovs Humbert Humbert, der sich vom amerikanischen Traum gelinde gesagt verarscht fühlt und nun wie ein pubertierender Teenager dagegen ankämpft, ein armes Würstchen. („Sehen sie…
Weiterlesen
Zur Startseite