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Balbina Über das Grübeln

Four/Sony

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Foto: Four/Sony

Was für eine Platte! Was für eine Stimme! Was für ein sonderbarer, fremder, berückend schöner Sound! „Über das Grübeln“ heißt das neue Album von Balbina und es ist die tollste Entdeckung seit langer Zeit im deutschen Pop: So zart und berührend und zugleich so erregend abweisend und kühl kündet die Berliner Sängerin darauf von den kleinsten Dingen des Alltags und von den großen Problemen, die sich daraus ergeben. Sie singt von der unwiederbringlich verrinnenden Zeit, von dem „Wecker“, den sie überhört hat und wegen dem sie nun „für Jahre verschläft“. Sie singt von ihrer eigenen Apathie, vom Nichtstun und vom Sich-nicht-entscheiden-Können, aber dies mit der kraftvollsten Entschiedenheit. Sie singt davon, dass ihr nichts einfällt („Mir fällt nix ein“), übermalt die leere Fläche des Nichts aber mit den einfallsreichsten Bildern in den buntesten Farben. Sie bittet in „Nichtstun“ die Langeweile darum, sich zu beeilen mit dem Vergehen, und beschreibt derweil mit schön schläfriger Alt-Stimme ihre Gefühle beim Blick auf die eigene Reglosigkeit: „Ich staube hier nur ein/ Wie ein Stofftier auf einem Regal/ Alles ist egal.“

„Nichtstun“ war schon auf ihrer ersten, gleichnamigen EP zu hören, mit der sie im Sommer 2014 für Aufsehen sorgte. Vorher nannte Balbina sich Bina und war als Gast unter anderem bei Berliner Rappern wie Prinz Pi und Frauenarzt zu hören, aber auch bei den Orsons und bei den Atzen. 2011 erschien ihr Debütalbum, „Bina“, auf dem sie zu retroverliebten Elektrobeats in vergleichsweise flotter Geschwindigkeit sang. „Über das Grübeln“ verbindet nun klickernde R&B-Rhythmen mit sacht schwelgenden Synths, weichen Bässen und einem dunkel perlenden Klavier. Ihr Gesang wird mal mit flehend verfilterten Mönchschören, mal mit hell-heiter Huhu machenden Frauenstimmen kontrastiert und umpuschelt. Es ist ihr erstes Langspielwerk bei einem Major-Label, ab Mai geht sie als Support von Herbert Grönemeyer auf Hallen- und Stadiontournee.

Das kann man befremdlich finden, andererseits passt es auch gut. Denn so individuell und charismatisch geht Balbina in ihren Texten und ihrem Gesang mit der deutschen Sprache um wie Grönemeyer in seinen besten Zeiten. Auch ähnelt sie ihm in der sonderbar eleganten Uneleganz, mit der sie das, was beim ersten Hören vielleicht unbeholfen und stotternd erscheint, zu geschmeidigen Wort- und Klangflüssen zu verbinden versteht. Sie fügt die scheinbar schiefsten Metaphern – wie den Kopf, der vom Grübeln kaputtgeht wie ein Blumentopf, der von einem Fenstersims fällt – zu bezirzend funkelnden Bildern, sie schlägt selbst aus Wörtern wie „Oropax“ lyrisch knisternde Funken, und schon dafür, wie sie in „Blumentopf“ beim Besingen des Grübelns das ü dehnt und zerrt und haucht und gurrt, möchte man einen gesamten Jahrgang sonstiger Singer-Songwriter-Kunst bedenkenlos opfern. Wenn aus dieser tollen Frau kein großer Star wird, gibt es für den deutschen Pop keine Hoffnung.

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