Bill Callahan: Sometimes I Wish I Were An Eagle (Kritik & Stream) - Rolling Stone






Bill Callahan Sometimes I Wish I Were An Eagle


Drag City/Rough Trade


von

Als Bill Callahan sich vor zwei Jahren hinter seinem Pseudonym Smog hervorwagte und das erste Album unter seinem eigenen Namen veröffentlichte, gab er zugleich die musikalische Kontrolle aus der Hand. Neil Michael Hagerty übernahm auf „Woke On A Whaleheart“ die Regie, ließ die unheimliche Stille, auf der Callahans gravitätische Poeme bei Smog gebettet waren, in Schönklang aufgehen und inszenierte ihn als klassischen amerikanischen Songwriter.

Eine Rolle, die weder dem Künstler noch dem Hörer behagte. Mit klassischen Songwriter-Kategorien lässt sich Callahans Kunst nur bedingt beschreiben. Vorgetragen mit einer sonoren, modulationsarmen Stimme, die eher auf einen Text verweist als auf einen Körper, akzentuiert von einem monotonen Schlagzeug, umspielt von simplen, repetitiven Gitarrenfiguren verweisen seine Stücke immer auch auf den Post Rock, aus dem Smog einst hervorging.

Sometimes I Wish We Were An Eagle“ –wieder von Callahan selbst produziert- mutet nun wie eine Rückkehr zur Smog-Ästhetik an, könnte zu Beginn fast eine Fortführung des späten Meisterwerks „A River Ain’t Too Much To Love“ sein. Ein simples akustisches Gitarrenriff erklingt, dann setzen Streicher und E-Gitarre zusätzliche Akzente. „I used to be darker, then I got lighter, than I got dark again“, brummelt- wieder ganz in den Vordergrund gemischt- Callahan und begibt sich in die lichten Höhen und dunklen Tiefen des ewigen Mysteriums der Liebe.

Im zweiten Stück dann, man glaubt es kaum, beginnt er zu singen. Zu Piano-Akkorden und einer aus „Psycho Killer“ von den Talking Heads entlehnten Basslinie. Eine Melodie. Ein Stöhnen. Ein Klagen. „Show me the way/ To shake a memory.“ Ein Song über den perfekten Song. Callahan hat ihn, so singt er, geträumt und im Halbschlaf aufgeschrieben. Am nächsten Morgen versucht er, das Gekritzel zu entziffern: „Eid ma clack shaw…“ Ein Lautgedicht. Ausgerechnet in seiner Metafiktion über das Songwriting verweigert Callahan also am Ende die Bedeutung.

Dafür ist die anschließende romantische Suite aus drei Liedern, die an Smogs „Red Apple Falls“ von 1997 erinnert, gespickt mit poetischen Bildern und bedeutsamen Sentenzen zum flüchtigen Wesen der Liebe. Arrangeur Brian Beattie hat dazu Arrangements geschrieben, die an den mittleren Van Morrison erinnern.

In der zweiten Hälfte hebt „Sometimes I Wish We Were An Eagle“ zu noch erhabeneren Höhenflügen ab. Schon „My Friend“ ist- wie vor neun Jahren die besten Stücke auf „Dongs Of Sevotion“- eher Textur als Song, in „All Thoughts Are Prey To Some Beast“ schließlich umspielen und durchdringen sich die immer wieder aufs neue variierten Gitarren-, Perkussions- und Streichermuster auf so betörende Weise, dass man dieses Stück wohl als den absoluten Gipfel der Callahanschen Kunst bezeichnen muss.

Über einen mysteriösen instrumentalen Lynch-Traum führt der Künstler seinen Versuch über die Liebe schließlich zu einem majestätischen Endpunkt: dem neunminütigen „Faith/Void“. „It’s time to put god away“, wiederholt er Mantraartig zu stoischer Gitarre und an- und abschwellenden Streichern. „This is the end of faith/ No more must I strife/ To find my peace in a life.“ Gott ist verbannt, am Himmel kreist nur noch ein einsamer Adler, der die Antwort auf alle Fragen kennt: Eid ma clack shaw. (Drag City/Rough Trade)


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