Björk Utopia


One Little Indian


von

Utopien, in denen die Zukunft verheißungsvoll glitzert, sind komplett aus der Mode gekommen. Angesichts fortschreitender Umweltzerstörung, zunehmender Ungleichheit und der Ökonomisierung aller Lebensbereiche fehlt für große Träume wohl der Mut. Die Politik hat ohnehin kaum Lösungen parat; bis zur nächsten Wahl fährt man auf Sicht.

Björk dagegen hat sich ein „Utopia“ ausgedacht, wie es schöner, wohlklingender und harmonischer nicht sein könnte. Ein digitaler Hippietraum, wunderlicher und exzentrischer als die von Gier und Kon­trollwahn verzerrten Visionen aus Cupertino oder dem Silicon Valley. Die Bilder, die Andrew Thomas ­Huang für das Video zur ersten Single, „The Gate“, gefunden hat, sind eigenartig fremd und dennoch so kinderzimmerkompatibel wie ein Weihnachtsmärchen. Wo der Vorgänger, „Vulnicura“, die Trennung vom langjährigen Lebensgefährten Matthew Barney betrauerte, geht es nun darum, die ganze Welt liebevoll zu umarmen. Die Musik entstand auch diesmal wieder zusammen mit dem Venezolaner Alejandro Ghersi, besser bekannt als Arca, einem der derzeit wichtigsten Produzenten elektronischer Musik. Statt auf die üblichen Beats und Bässe setzt er auf federleichte Soundscapes.

Flötenklänge sind allgegenwärtig, in „Courtship“, „Paradisia“ oder „The Gate“ sogar orchestral gebündelt. Fast ein Jahr hat Björk dafür mit einem 12-köpfigen isländischen Flöten­ensemble geprobt. Aber auch elektronische Klänge haben auf „Utopia“ eine enorme Leichtigkeit und Fluidität – fast wie Wolken, die von einem leichten Wind bewegt werden. Zwischen den Stücken zwitschern allerlei Vögel, die Björk und Arca bei Field-Recordings aufgenommen haben. Der typisch exaltierte Gesang tritt diesmal zugunsten größerer Klarheit in den Hintergrund. „Utopia“ ist von unschuldiger Sehnsucht erfüllt, malt mit abstrakten Klängen und inbrünstigem Gesang eine märchenhafte Welt, an die kaum noch jemand glaubt. Außer Björk. Schöner kann man die Zukunft nicht herbeisehnen als mit diesem futuristischen Folkalbum.


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