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Blumfeld: Complete Album Series



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Der Begriff Diskurs wiegt immer so schwer. Sicher wollte Jochen Distelmeyer auf „Ich-Maschine“ (1992, ★★★★★) BRD-Geschichte und Pop-Geschichte, Sozialismus und Kapitalismus, Geschlechterrollen und Familienbilder, wie man heute sagen würde, verhandeln. „Wie möchtest du dein Ei: auf oder unterm Tisch?“, fragt er in „Lass uns nicht von Sex reden“ und zitiert Patti Smith: „Female. Feel male.“ Einige hörten seinen Gesang als Rap, aber er wollte halt in jedem Lied viel Text unterbringen. Manchmal hob er den Zeigefinger: „Und ’33 war Adolf Hitler Gottes Sohn/ Falsche Richtung!/ Falsche Richtung!“ Und alles war Roman: Er verfasste Songtitel sogar mit Semikolon.

„L’Etat Et Moi“ (1994, ★★★★★) gilt als Kommentar zur Wiedervereinigung, die Essenz steckt in „Eine eigene Geschichte“. „Ich heiße Einheitsarchitekt/ Du kannst auch Blödman zu mir sagen“, und natürlich: „Ab nach Berlin/ Da, wo die Leute aus Heimweh hinziehn.“ In der neuen alten Hauptstadt reifen wieder Weltbeherrschungspläne. „Verstärker“ enthält die Zeile „Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg“ dieses wichtigsten deutschen Albums des Jahrzehnts, sie nimmt schon Bezug auf das folgende Werk: „Old Nobody“ (1999, ★★★★★ ). Das Recht auf Veränderung hin zu den großen Gefühlen und Melodien des Pop, von manchen als Seichtigkeit missverstanden. Abgespeckte Sprache ermöglicht jedoch einfachere Identifikation. Die Doppeldeutigkeiten, Metaebenen aus „L’Etat Et Moi“, die Spiegellabyrinth-Sätze – wer bin ich, wo bin ich, hier geht’s nicht weiter – faszinierten. Hier aber reichte Distelmeyer die Hand, wollte verstanden werden: „Kommst du mit in den Alltag?“ als Eintritt in die Normalbiografie des Nicht-mehr-Träumers. Nicht ihre wichtigste, aber die beste Blumfeld-Platte.

Als „Testament der Angst“ (★★★★½) im Mai 2001 erschien, wirkten Zeilen wie „Ich hab Angst vor Deutschland/ Ich hab Angst vor Europa/ Den USA und der Nato“ weniger greifbar. Dann kam 9/11 und Blumfeld galten wieder als Protestband. Die epochalen Titel „Anders als glücklich“, „Eintragung ins Nichts“ und „Die Diktatur der Angepassten“ wirkten wie Inschriften auf Grabsteinen der Hölle: „Ich gehe mit dem Licht/ Immer dem Anschein nach/ Und dem Ende entgegen.“ Das Ende. Jenes prägnante „Ich will mich ändern“ aus dem zwei Jahre zuvor veröffentlichten „So lebe ich“ schien ausgeschlossen. Selbst das elegante „Graue Wolken“ war eine Grußkarte, auf der in Wirklichkeit Abschiedsworte stehen.

„Jenseits von Jedem“ (2003, ★★★ ) und „Verbotene Früchte“ (2006, ★★★★) haben mehr Schubidu und Dumdidum, aber auch mehr Theatralik, „Tics“ und Arztbesuche. Distelmeyer reimt „Anarchie“ auf „Therapie“. In der Therapiesprache sagt man: Es geht ihm um Ich-Bedürfnisse statt um Forderungen. „Sonntag“ klingt mit seinen Partybläsern wie Westernhagen, enthält indes mit „Und schwinge mein Zepter/ Geh aufs Ganze und steh wie der letzte Depp da“ seinen grandiosesten Runter-vom-Podest-Reim. Beide Alben beschrieben die Flucht ins Grüne, ebenso die Akzeptanz der Gleichgültigkeit, mit der die Natur ihre periodischen Kreise zieht. „Atem und Fleisch“ und „Die Welt ist schön“ wohnt ein ergreifender Friede inne. Die Hoffnung auf eine gerechte, das Universum lenkende Kraft, die eine Last von den Schultern eines Menschen nehmen könnte, der sich politisch engagiert.

„Die Welt ist schön“ endet mit: „Und Gott zieht durch die Galaxien/ Er ist so einsam und allein/ An manchen Tagen scheint er zu sagen: Ich bin okay/ Die Welt ist schön/ Ich lebe gern.“ Der Big Boss, ein Mensch wie wir, mit uns auf Augenhöhe.


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