„Breeders“: Die Magie des Profanen



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Besonders im britischen Serienschaffen hat sich ein Subgenre herausgebildet, das mit Unaufgeregtheit und genauem Auge die Tradition des naturalistischen Blicks auf die profane Magie des Alltäglichen fortführt. Fernab von weltbewegenden Ereignissen und abseits von jenen mörderischen Krisen, mit denen sich Protagonist*innen anderer Genres herumplagen müssen, zentriert sich der Blick auf die intimen Dramen der Lebensroutine.

Der selten heitere und oft „strictly working class“-artige Kitchen-Sink-Ansatz von Ken Loach, Shane Meadows und Stephen Frears wandert hier gemächlich ins Terrain der Sitcom und birgt immer wieder Überraschungen. Auch weil das oft dialoglastige und charaktergetriebene Format, das daraus entsteht, Autor*innen Spielraum zur Entfaltung abseits des Plots gibt. Darsteller*innen von Format sehen sich ebenfalls angezogen von der Chance, sich in Geschichten zu versenken, die eben auf leisere Töne und Nuancen setzen.

Die Serie „Roger & Val Have Just Got In“ folgt Alfred Molina und Dawn French durch jene halbe Stunde der Heimkehr eines Ehepaares nach langem Arbeitstag. Zwischen trivialen Herausforderungen des Alltags blitzt immer wieder durch, was es eigentlich ist, mit dem wir zwischen den großen, einschneidenden und unvergesslichen Momenten unser aller Leben verbringen: dem gänzlich Profanen. Das kammerspielartige „Him & Her“ wühlt sich durch die Beziehung eines Paares in den Mitt-Zwanzigern, das trotz einiger humorvollen Überzeichnungen in ihrer Ultranormalität ein krasser Gegensatz zu Sitcoms der amerikanischen Tradition darstellt: Die Ereignislosigkeit als eigentliches Ereignis. Aktuell sezieren Sean Bean und Nicola Walker im brillanten „Marriage“ (bald auf Magenta TV) die Anatomie einer 27-jährigen Ehe.

Bereits in er dritten Staffel führen uns nun Martin Freeman und Daisy Haggard in „Breeders“ durch das Leben von Paul Worsley und Ally Grant. Irgendwo im Speckgürtel von London schlagen sich beide durch ihren Job – er beinahe phlegmatisch in seiner beruflichen Unambitioniertheit, sie getrieben von Ehrgeiz und Talent – während sie ihre beiden Kinder Luke und Ava großziehen. Pauls Hang zum cholerischen Ausbruch ob kleinster Probleme scheint zu Beginn noch Teil des Humors: Endlich einmal ein Vater, der sich traut auf die Frustrationen des Familienlebens den aufgestauten Gefühlen freien Lauf zu lassen.

Doch wie so vieles in „Breeders“ zeigt sich die Wirklichkeit sehr viel nuancierter und unerwarteter als wir es – geschult durch jahrelange Serienklischees – zunächst erwarten: Beziehungsprobleme eskalieren nicht in knalligen Krisen sondern schwelen eher verhalten, Probleme lassen sich nicht durch beherzte Aussprache für immer aus der Welt schaffen, störende Charaktereigenschaften durch Selbsthilfe aushebeln.

Was nun auf dem Papier recht ernst klingen mag, ist es nicht. „Breeders“ entwickelt nicht nur den voyeuristischen Sog des Blicks in fremde Leben. Der Serie gelingt dies mit einer stimmigen Mischung aus trockenem Humor, brutaler Ehrlichkeit und Zärtlichkeit für seine Figuren. In der inzwischen dritten Staffel wird auch deutlich, welchen weiten erzählerischen Bogen Martin Freeman als Schöpfer und Produzent spannt. Als Dramödie aus den Untiefen des Alltäglichen eine willkommene Abwechslung zu den Kunstwelten „Familie“, die sonst im Serienfach vielerorts anzutreffen sind.

„Breeders“ ist in Staffel 1 bis 3 auf Sky Go und WOW zu sehen. Staffel 1 & 2 aktuell auf Disney+


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