Charles Bukowski Alles reden zu viel und andere Gedichte

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Mitte der Achtziger ist Charles Bukowski ein gemachter Mann. Im Ausland ein Star, nicht zuletzt in Deutschland und Frankreich, in den USA immerhin ein Skandalautor. Er heiratet seine langjährige Freundin Linda Lee Beighle, mit der er vor geraumer Zeit schon aus East L.A. ins billige, beschauliche, von Einwanderern und Künstlern bewohnte Hafenviertel San Pedro gezogen ist, und endlich beginnen jetzt auch die Dreharbeiten zu „Barfly“, Barbet Schroeders Film, für den er das Drehbuch geschrieben und an dessen Realisierung er kaum noch geglaubt hat. Der dirty old man ist angekommen, aber in der Zwischenzeit ist er wirklich alt geworden. Die Rolle, die er immer schon gespielt hat, seitdem er mit dem Schreiben ernst macht, also seit den 60er-Jahren, wird nun von der Realität eingeholt – wenn nicht überholt.

Alles „läuft prima/ die Flasche geleert/ und weg damit –/ die Gedichte brodeln in meinem/ Schädel“, beginnt „Alt und versoffen“, ein Gedicht aus dieser Zeit. Jetzt kommt eben ein „aber“ hinzu, und das beansprucht gleich mal eine ganze Zeile, „aber/ auf halber Strecke zwischen 60 und/ 70/ überlegt man manchmal,/ bevor man die zweite Flasche aufmacht.“ Es wird nicht gerade ein Temperenzler aus ihm, „aber nach 50 Jahren/ Saufmarathon/ fragt man sich schon,/ ob man/ nach der nächsten Flasche/ vielleicht lallend/ in einem Pflegeheim landet/ oder einsam zu Hause/ an einem/ Herzinfarkt verreckt/ und einem die Katzen das Fleisch abnagen,/ während der Morgennebel/ durch die kaputte/ Fensterscheibe dringt“.

Sich immer wieder in der Gosse zu suhlen fällt ihm mittlerweile offenkundig schwer. „Viele meiner Leser wollen, dass/ ich ständig über Bettgeschichten mit irgendwelchen verrückten Schlampen/ oder Nutten schreibe –/ oder dass ich im Krankenhaus oder im Knast lande/ oder dass ich verhungere/ oder mir die Gedärme/ aus dem Leib kotze./ Ich finde auch, dass Selbstzufriedenheit/ keine unsterbliche Literatur hervorbringt,/ Wiederholung aber auch nicht.“

Und so sucht er nach neuen Themen, die seinem saturierten Status mit Haus, Jacuzzi und BMW eher gemäß sind. In den Gedichten dieser Zeit beginnt sein Alterswerk. Hier begegnet man einem anderen Bukowski. Einem, der Rückschau hält. Der noch einmal in warmherzigen Porträts sein literarisches Vorbild John Fante oder den frühen Freund und Förderer, den Underground-Verleger Jon Edgar Webb, auferstehen lässt. Der sich an seine verlorenen Jugendjahre erinnert und dafür sogar etwas Sentimentalität aufbringt, nicht mehr ganz so sarkastisch und drastisch abrechnet mit sich und der Welt. Auf einmal erinnert er sich an ein paar Nachbarskinder, mit denen er sich zwar „erbitterte Faustkämpfe“ liefert, „die meistens drei bis vier Stunden dauerten“, darunter macht er es immer noch nicht, aber die Wut von einst wirkt hier gedimmt, fast schon von Altersmilde moderiert.

Und noch etwas ist anders. Bukowski gibt seinem ganz profanen Alltag viel mehr Raum. Alles kann jetzt zum Gedicht werden, die Einkommensteuererklärung, die letzte Mozart-Sinfonie, die er im Radio gehört hat, ein kleiner Bankangestellter im braunen Anzug, der einen Randalierer zur Strecke bringt, ein Brief eines enttäuschten Fans, die Zeit in der Wartschlange – und sogar die Schreibblockade: „Der Sekundenzeiger der TIMEX läuft/ und läuft immer noch …/ Ich wollte immer ein Schriftsteller sein/ und jetzt bin ich einer, der es nicht bringt.“ Bisweilen gelingen ihm hier Zeilen von schöner, fast haikuhafter Schlichtheit. Und bisweilen sind das bloß Tagebucheinträge in Umbruchprosa.

Das eigene Sterben hat er auch früher nicht ausgespart, aber jetzt macht er keine Witze mehr darüber, sondern schlägt immer häufiger einen elegischen Ton an. Überdies beschleicht ihn die Angst, dass seine produktive Energie bald verläppern könnte. Sein „Spätes, sehr sehr spätes Gedicht“ stenografiert geradezu mit, wie die Kräfte nachlassen, wenn er spät in der Nacht bei der zweiten Flasche und nach „7 oder 8 oder 9“ hingehauenen Gedichten feststellen muss, „dass das Tippen/ zwar noch großen/ Spaß macht/ aber/ immer inhaltsloser/ wird.“

Und schließlich erteilt er sich schon mal selbst die ästhetische Absolution: „Manchen ist es sicherlich/ nicht entgangen, dass/ es hier ein paar/ ‚Ausrutscher‘/ gibt./ Aber mit 65/ darf ich mir so/ manche ‚Ausrutscher‘ erlauben,/ auch wenn mir diese/ verweichlichten Kritiker/ noch immer auf die Finger schauen.“

Bukowskis Agent und Übersetzer, sein „guter Hunne“ Carl Weiss-ner, sagte im Gespräch mal, man müsse einen geliebten Autor vor sich selbst schützen, gerade so einen Vielschreiber wie ihn, und die schwächeren Texte aussortieren. Vielleicht war das der Grund, warum er den über 300-seitigen Gedichtband „You Get So Alone At Times That It Just Makes Sense“, der die lyrischen Arbeiten der Mittachtziger zusammenfasst, nur zur Hälfte übersetzt hat – unter dem Titel „Roter Mercedes“ – und auf die 72 liegen gelassenen Texte nie wieder zurückgekommen ist. Insofern kann der Maro Verlag mit einigem Recht von „verlorenen Gedichten“ sprechen, und er hat gut daran getan, sie in der trefflichen Übersetzung von Esther Ghionda-Breger zu publizieren. „Alle reden zu viel“ enthält auch ein paar schwächere Stücke, aber mal abgesehen davon, dass sie dem Nimbus dieses modernen Klassikers sowieso nichts mehr anhaben können, sind sie biografisch immer noch von Inter-esse. Man kann hier nämlich mitlesen und sich durchaus immer wieder anrühren lassen davon, wie Buk literarisch seine Dinge regelt und sich langsam auf den großen Abgang vorbereitet.

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