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Cold Specks I Predict A Graceful Expulsion


Mute VÖ: 18. Mai 2012


von

Es schien, als sei das Gut-Singen-Können mit Alison Moyet und Pat Benatar irgendwann in den 80er-Jahren verschwunden; als Kriterium im Popdiskurs taugte es sowieso nicht. Doch die große Stimme erlebt in diesen Tagen eine Renaissance. Ob vor Pathos wackelnd wie bei Beth Ditto, von Kunst und Understatement gesättigt wie bei Julia Holter – oder eben pur aus eigenem Vermögen schöpfend wie bei Al Spx, der 23-jährigen in London gestrandeten Afro-Kanadierin.

Und tatsächlich: Sie ist verdammt beeindruckend, diese zwischen Blues, Gospel und Soul oszillierende Stimme, die ein bisschen an die schwarze Folksängerin Odetta erinnert, die in den 50er- und frühen 60er-Jahren Dylan-Songs mit tiefem Vibrato schmetterte, nur dass Al Spx’ Stimme weniger akrobatisch ist, eher rau und klar und unverstellt.

Aber diese souveräne Stimme ist auch das Problem des Albums: Die aus Cello, Gitarre, Saxofon und ein bisschen Schlagzeug bestehende Band unterwirft sich ganz ihrer Wirkung. Cold Specks klingen nach adaptiertem amerikanischen Süden – und, wenn sie mal aufs Tempo drücken (bei „Holland“ etwa), dann klingen sie für ein paar Sekunden wie die Feelies. Dann wird es aufregend. Dann verlässt der Sound die ansonsten durchgängig bluesige Temperatur, dann ist er nicht mehr allein zur Verstärkung dieser Stimme gebaut.

Man erinnere sich an Nicolette, die auch eine dieser großen Stimmen hatte und sich an einer Art schwarzem Chanson versuchte, bis ihr das Breakbeat-Produzentenduo Shut Up & Dance einen epochalen Sound bastelte, der vor 20 Jahren aus „Now Is Early“ ein großes Album machte. Rob Ellis, der bereits mit PJ Harvey und Marianne Faithfull gearbeitet hat, traut sich als Produzent bei Cold Specks nicht viel. Dabei hätten der Band ein paar Ideen gut getan, die sie aus dem ruralen und wertkonservativen Wohlklang befreien. Ein herumgeisterndes Cello wie in „Winter Solstice“ reicht nicht. Aber, immerhin: eine angenehme, pastoral betörende Platte.

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