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Daft Punk Random Access Memories


Columbia/Sony

Warum eigentlich ist Nile Rodgers’ Gitarre nur so leise zu hören?  Sollte der Chic-Musiker nicht stärker im Vordergrund stehen? Schließlich hatten Daft Punk die Riege an Partnern, die sie für ihr neues Album gewinnen konnten, wie Spielkarten nach und nach enthüllt und stolz auf den Tisch geblättert. Per wochenlanger Vorankündigung wurden bestätigt, einige davon durch Videobotschaft: Rodgers. Giorgio Moroder. Paul Williams. Noch ein Williams: Pharrell. Julian Casablancas. Chilly Gonzales. Panda Bear. DJ Falcon. Todd Edwards. Daft Punk schwiegen und haben den anderen Musikern das Rampenlicht überlassen. Deshalb nochmal die Frage: Warum rückt Rodgers dann, wie in der Vorabsingle „Get Lucky“, im Klang so weit nach hinten?

Daft Punk haben sich eben, und das ist ein – wenn auch kleines – Problem von „Random Access Memories“, so weit wie nie zuvor für die Einflüsse anderer Musiker geöffnet, indem sie diese einfach ins Studio einluden. Deren Signaturen wurden so zur eigenen Musik von Daft Punk. Einige, wie Nile Rodgers, hört man raus, aber man hört sie nicht so deutlich, wie es hätte sein können. Dafür mussten die Gaststars durch den Roboter-Filter: Jeder, der hier singt, bekam einen Vocoder übergestülpt,  ausgenommen das herrlich alte Kind Paul Williams, 73, der wie ein Mensch singen darf. Das Ergebnis ist Funk, Electro, Hardrock, fusioniert zu einer Art kosmischer Musik. Ein Soundtrack für die Reise von Astronauten, inklusive einer Fanfare zu Beginn und dem Geräusch einer Bruchlandung am Ende des Albums – willkommen auf einem fremden Planeten, oder willkommen zurück bei uns.

Die Erträge sind bei jedem einzelnen der 13 neuen Stücke überraschend; oft sehr gut, in einigen Fällen verblüffend unspektakulär. Und ein Spektakel ist ja das, was man für jeden einzelnen der Songs erwarten musste – gemessen an einer der wohl aufwendigsten Promotionarbeiten, die eine Plattenfirma je verantwortete.

Kooperation

Immerhin: So variabel und erzählerisch zeigten sich Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter zuletzt auf ihrem Zweitwerk „Discovery“ von 2001. Die Verbeugungen vor den älteren der Daft-Punk-Partner, Nile Rodgers, 60, und Giorgio Moroder, 73,  sowie Paul Williams, sind die Höhepunkte; auch, wenn man bei Rodgers („Get Lucky“ und „Give Life Back To Music“) das Gefühl bekommt, er spielt hier eher mit als obenauf. Was ein bisschen überrascht, hat doch gerade Nile Rodgers am lautesten die Daft-Punk-Werbetrommel gerührt.

„Touch“, gesungen von Paul Williams, ist das beste Stück von „Random Access Memories“. Der alte Songwriter, ein Großmeister amerikanischer Showmusik, singt über die Empfangsbereitschaft für göttliche Einflüsterungen; Daft Punk umschmiegen seine zerbrechliche Stimme mit Elektronik, die immer wieder ein- und aussetzt. „Touch“ ist eine Hymne an das Genie als solches. Aber der Song ist keine Angeberei eines alten Mannes, der das Showgeschäft kennt, keine Crooner-Einlage, sondern wird von Williams abgearbeitet, als gäbe es darin eine Suche mit vielen Fragezeichen. Wie schon in David Bowies Comebacksingle „Where Are We Now“ erklingt hier die Stimme eines alten Mannes, der noch nicht weise ist. Ehrlich gesagt klingt „Touch“ ergreifenderweise wie die Bitte um Lebensverlängerung durch elektronische Apparaturen.

Auch Giorgio Moroders „Giorgio by Moroder“ hält, was die Ankündigung verspricht. Die fantastische Idee, den Südtiroler Elektro-Pionier einfach im Monolog seine ersten Musikererfahrungen erzählen zu lassen, während Daft Punk im Hintergrund das Tempo ihrer eigenen Musik mal anziehen oder abschwächen, dürfte in Sachen Timing, Coolness und Dramatik von keinem anderen 2013 veröffentlichten Lied überboten werden. Die Maschinen setzen weitestgehend aus, eine Bassdrum hält leise den Takt, und wie der Cowboy in einem Spaghetti-Western, ob vor oder nach einer Schießerei, bringt Moroder seine Identität ins Spiel: „My Name Is Giovanni Giorgio … but everybody … calls Me: GIORGIO.“ Das anschließende Rock-Crescendo mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Moroders Synthesizer funktioniert wie ein Überfall, und das Lied erfährt sogar noch eine Steigerung der Intensität, als Moroder einfügt: „Anything Is Possible“. Moroder erklärt und diktiert, Daft Punk folgen. Klasse.

Dritter Gewinner ist Pharrell Williams, Gastsänger auf „Get Lucky“ und „Lose Yourself To Dance“. Dass Williams ausgesprochen gut mit Daft Punk harmoniert, deutete sich durch die von den Franzosen produzierte Single seiner Band N*E*R*D, „Hypnotize U“ von 2010, bereits an. Man kann gar nicht oft genug betonen, wie effektiv Pharrells über Jahre verfeinerte Art der zurückhaltenden Intonation ist, wie dezent und treffsicher. Hier lautet die erste Songzeile „Like The Legend Of The Phoenix“: Irgendwie seitlich singt er sich ins Bild, wie der Langzeitbeobachter eines bereits bestehenden Songgefüges. Die gesangliche Zurückhaltung ist ideal um dem Hörer die Macht über das Stück zu überlassen. Zum Selbstmitsingen. So komponiert man Ohrwürmer.

„Random Access Memories“ hat jedoch auch einige Schwächen. Achselzucken hinterlässt die Zusammenarbeit mit den jüngeren, kompositorisch wohl am stärksten eingebundenen, hipperen Gästen: Strokes-Sänger Julian Casablancas, Panda Bear von Animal Collective und der Klavier-Entertainer Chilly Gonzales. Casablancas, der auf seinem Soloalbum „Phrazes For The Young“ bereits erfolgreich mit elektronischen Klängen arbeitete, wirkt hier auf „Instant Crush“ seltsam nebensächlich. Eben wie der Rocksänger, der mit Sonnenbrille ins Studio kommt, seinen Take einsingt und fertig. Vocoder? Macht mal ruhig drüber, ich bin jetzt erstmal weg. Was bei Pharrell Understatement ist, wirkt bei Casablancas wie ein Nichtverständnis.  Auch Chilly Gonzales, der auf „Within“ im Hintergrund spielt, hört sich wie ein Sessionmusiker an; nicht wie jemand, der eine Tür öffnen will. Von dem Panda-Bear-Song, „Doin’ It Right“, bleibt gar nichts hängen.

„Random Access Memories“ ist vier Stücke zu lang und drei Kollaborationen zu schwer. Es existiert auch kein einziger Sound darauf, den es so noch nie zu hören gab. Unabhängig davon aber beweisen Daft Punk, dass sie noch immer den sattesten Drumbeat produzieren können, was die Befürworter ihrer Techno-puristischen „Human After All“-Phase (2005) erfreuen dürfte.

Viel schöner ist, dass die zwei Franzosen – und das geht in Richtung ihrer besten Platte, „Discovery“ – wieder auf Expeditionskurs sind. Wenn auch in Richtung Vergangenheit. Sie tun zwar noch immer so, als bestünden sie nur aus Schaltkreisen, als kämen sie aus dem All und brächten uns fremde Klänge mit. Aber die besten dieser Klänge, und das geben Daft Punk mit dieser Platte zu, stammen ab: von den älteren lebenden Exemplaren der Gattung Homo Sapiens.


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